Sexuelle Belästigung: Fummeln, Grapschen, Telefonterror

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Handfeste sexuelle Belästigung von Frauen ist nach Angaben Freiburger Psychologen erschreckend alltäglich: Mehr als die Hälfte der befragten Studentinnen musste damit bereits Erfahrungen machen. Jede Vierte wurde sogar schon vergewaltigt, wie eine neue Studie zeigt.

Rosa Karte: "Achtung, Störungen im Genitalbereich"

Rosa Karte: "Achtung, Störungen im Genitalbereich"

Die kleine, aber sinnfällige Kampagne "Gegen sexuelle Diskriminierung und Gewalt" sorgte weltweit für Aufsehen. Für die Berliner Hochschule der Künste entwickelten Annette Michael und Regina Sankowsky von einer Kölner Agentur vor drei Jahren die "Rosa Karte" mit einer drastischen Warnung: "Sie haben gerade eine Frau sexuell belästigt. Diese Karte ist chemisch präpariert. In den nächsten Stunden werden Sie erhebliche Störungen im Genitalbereich feststellen. Spätestens jetzt ist es an der Zeit, über Ihr Verhalten nachzudenken und derartiges in Zukunft zu unterlassen!"

Für 0,25 Euro können Frauen die Karte, die es auch in Englisch und Italienisch gibt, via Internet bestellen. Und Fummlern in die Hand drücken. Der Clou: Die rosa Karte ist tatsächlich chemisch präpariert - wenn auch ohne Genital-Folgen. Wo immer die Fingerkuppen die Karte berühren, wird sie weiß und rötet sich bald wieder. "Die Karte ermöglicht Frauen, aktiv zu sein, ohne sich in direkte und persönliche Konfrontation begeben zu müssen", so die Hochschule der Künste.

Grapschen ist üblich

Eine hübsche Idee, um Grapschern einen Schreck einzujagen - wenn es nur immer so einfach wäre. Eine Freiburger Untersuchung hat jetzt gezeigt, in welch erschreckend großem Ausmaß Frauen sexuelle Belästigung erleben: Von den über 300 befragten Studentinnen gaben fast 60 Prozent an, schon einmal von einem Mann verfolgt oder auf eine Art und Weise beobachtet worden zu sein, die ihnen Angst machte. Und fast jede vierte Frau, so die Studie, hat schon einmal mit einem Mann geschlafen, weil es ihr unmöglich schien, sich gegen Annäherungsversuche zur Wehr zu setzen.

Die Angaben der jungen Frauen beziehen sich keineswegs speziell auf den Campus, sondern auf ihr Leben generell. Handfeste körperliche Belästigungen sind der Untersuchung zufolge fast schon an der Tagesordnung. "Besonders groß ist der so genannte Banalbereich", sagte der Freiburger Psychologieprofessor und Kriminologe Helmut Kury: 41 Prozent der Studentinnen wurden schon einmal gegen ihren Willen an den Brüsten oder den Genitalien berührt - "meistens von Fremden, Personen, zu denen sie keinerlei Beziehung haben", so Sylvia Chouaf.

Chouaf hat ihre Diplomarbeit über sexuelle Belästigung geschrieben und mit ihrer Untersuchung dabei geholfen, eine wissenschaftliche Lücke zu schließen. Helmut Kury betreute die Arbeit. Er beschäftigt sich bereits seit zehn Jahren mit Opferforschung und hat dazu am Freiburger Psychologie-Institut eine kleine Forschergruppe aufgebaut. Die neuen Zahlen hält Kury für "alarmierend" und will "ein breiteres Publikum für diese Thematik interessieren".

Mythen und Spekulationen statt Fakten

Über sexuelle Belästigung gebe es in Deutschland bisher "viele Mythen und wilde Spekulationen, aber kaum verlässliche Daten", sagt Kury - anders als in den USA, wo unter dem Eindruck von Gewaltkriminalität gegen Frauen und unter dem Einfluss einer starken Bewegung von Frauenrechtlerinnen "Tausende von Studien veröffentlicht worden" seien.

Mit nur 311 befragten Studentinnen sei die Untersuchung "sicher nicht repräsentativ", räumte Kury gegenüber UniSPIEGEL ONLINE ein. Die Dunkelziffer sei diffus, weil sexuelle Straftaten weit überwiegend nicht angezeigt würden.

Übertriebene Ängstlichkeit der Studentinnen hält der Psychologe indes für ausgeschlossen. Seiner Auffassung nach sind die Freiburger Daten plausibel und "eher zu niedrig" - aus mehreren Gründen: Einige ähnliche Studien kämen zu deutlich höheren Werten, im übrigen gebe es sicher Städte mit massiverer Belästigung im Alltag als das idyllische Freiburg. Und zudem seien in Freiburg bisher ausschließlich Studentinnen befragt worden, eine besonders junge Untersuchungsgruppe mit vermutlich noch weniger üblen Erfahrungen als etwas ältere Frauen. "Junge Akademikerinnen fühlen sich tendenziell weniger belästigt und können sich besser schützen als viele andere Frauen", ergänzt Kury.

"Es war ja nur der Freund"

Bei der Belästigung durch Worte, eindeutige Gesten oder Berührungen waren es vorwiegend Fremde, die Frauen zusetzten. Beim "Stalking" dagegen, der Verfolgung, Bedrohung oder Belästigung etwa per Telefon oder auch per E-Mail, handelte es sich häufig um Psychoterror aus verschmähter Liebe. Und bei den Vergewaltigungen überwiegen Freunde, Bekannte oder Ehemänner als Täter. In ihrer Studie hat Sylvia Chouaf die Frauen aber nicht gefragt, ob sie schon einmal vergewaltigt worden seien. Sie wählte andere Formulierungen - etwa ob die Studentinnen schon einmal Geschlechtsverkehr mit Gewalt oder Drohungen verbunden erlebt haben.

Das entspricht zwar den Merkmalen für Strafbarkeit. Doch "längst nicht immer werden schwere Straftaten vom Opfer auch so definiert - vor allem, wenn es sich um den eigenen Freund handelt", weiß Helmut Kury aus seiner Forschungsarbeit. Vielfach werde eine Vergewaltigung von Frauen als eine Art "ärgerliches und frustrierendes Erlebnis" verbucht, nicht als Gewalttat angezeigt. Dies gelte umso mehr, wenn Frauen selbst alten Geschlechtsrollenvorstellungen verhaftet seien, etwa "der Pflicht, dem Mann sexuell zur Verfügung zu stehen".

Die Freiburger Psychologen wollen jetzt die Forschung weiter vorantreiben und im nächsten Schritt mit Fragebögen nicht nur an der Uni, sondern auch in der Stadt ausschwärmen. An der Hochschule selbst - immerhin ein halbwegs tröstliches Ergebnis - sind die Grapscher und Fummler, Exhibitionisten und Vergewaltiger übrigens selten: Nur ein verschwindend geringer Teil der Studentinnen gab sexuelle Kontakte zu Männern an der Universität an, die ihnen eine Strafe angedroht oder eine Belohnung (etwa eine bessere Note im Examen) versprochen hatten.

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