Simple Erkenntnisse: Mediziner sind immun gegen Studiengebühren

Von Frank van Bebber

Studiengebühren schrecken Studenten nicht ab, Länder ohne Campusmaut sind "Verlierer". Das folgert das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung aus einer verwegen verkürzten Studie. Indes: In der Studie geht es ausschließlich um Medizinstudenten - was das Institut lieber nicht erwähnt.

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dpa

Studiengebühren vertreiben, so heißt es in einer neuen Studie, nur wenige Studenten aus ihrem Heimat-Bundesland. Und die, die gehen, sind ohnehin die schwächeren Abiturienten. Für das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin steht darum fest: "Gebührenfreie Länder sind doppelte Verlierer." Allerdings ist die Wahrheit auch nach Ansicht der Forscher weit komplizierter, als sie in ihrer am Mittwoch veröffentlichten Pressemitteilung verraten.

Die gebührenfreundliche Zusammenfassung für die Medien dürfte Wissenschaftsminister der Gebührenländer erfreuen. Kernaussage: Die Campusmaut wirke kaum abschreckend. Sie reduziere die Wahrscheinlichkeit, dass jemand ein Studium in seinem heimatlichen Bundesland aufnehme, nur von 69 auf 67 Prozent. Wandere überhaupt jemand ab, seien es schlechtere Abiturienten. Bewerber mit Top-Noten von 1,0 bis 1,5 blieben dagegen trotz Gebühren.

Das DIW urteilt darum: Länder mit Studiengebühren profitierten doppelt. "Sie erhalten zusätzliche finanzielle Mittel, mit denen sie eine bessere Hochschulqualität finanzieren können und binden Studenten mit besserer Abitur-Note."

"Die Studenten" sind in Wahrheit ausschließlich angehende Ärzte

Herausgefunden haben die DIW-Forscher dies mit Daten aus der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) für die Jahre 2002 bis 2008. Die ZVS allerdings vergibt nur noch in wenigen Fächern die Plätze. Ein Blick auf eine ausführlichere Darstellung der Studie auf der DIW-Internetseite zeigt rasch: Die Forscher beziehen sich ausschließlich auf Bewerber für Medizin und Zahnmedizin.

Das DIW allerdings trifft seine Aussagen anschließend so allgemein, als ob sich Bewerber für Soziologie oder Romanistik, E-Technik oder Maschinenbau nicht anders verhalten könnten als angehende Ärzte. Naheliegende Einwände wurden ausgeklammert: etwa, dass Berufspläne in Medizinerfamilien bei weitem häufiger gleichsam dynastisch vererbt werden als etwa bei Geisteswissenschaftlern. Oder die finanzielle Lage von Medizinstudenten im Vergleich zu Studiosi anderer Fächer.

Hinzu kommt, dass nur die 20 Prozent Abiturbesten im ZVS-Verfahren überhaupt die Chance haben, dass ihnen ihr Ortswunsch erfüllt wird. Ein Studium nahe dem Elternhaus ist für die Bestplazierten also viel eher möglich. Wer dagegen nicht zum besten Fünftel der ZVS-Bewerber zählt, hat keine Aussicht, dass seinen Ortswunsch berücksichtigt wird und muss sich verschicken lassen - worauf die Autoren nicht eingehen.

Auch in anderen Punkten erscheinen die gebührenfreundlich präsentierten Ergebnisse der Studie weit weniger eindeutig - selbst in den Augen der Autoren. In einem Interview für eine DIW-Publikation lässt eine der Forscherinnen durchblicken, dass hinter dem Gute-Noten-Effekt auch ein gut situiertes Elternhaus stecken könnte. "Man kann annehmen, dass gute Noten mit einem hohen Einkommen der Eltern korreliert sind", so Katharina Wrohlich. Die Gebühren könnten Top-Bewerber nicht nur weniger abschrecken, weil diese sich bessere Jobchancen ausrechneten, sondern weil gute Studenten von Stipendien profitierten - und gerade Stipendien erreichen überproportional oft Sprösslinge aus wohlhabendem, akademischen Elternhaus.

Studie mit blindem Fleck

Wrohlich räumt zudem ein, die Studie habe einen blinden Fleck. Sie erfasst nämlich nur jene Abiturienten, die sich zu einem Studium entschlossen haben. "Es könnte ja sein, dass Studiengebühren den Effekt haben, dass sie Studienberechtigte generell von einem Studium abhalten", sagt sie. Dies aber ist der Kernstreitpunkt zwischen Gebührenfans und Gegnern, ebenso wie die Frage, ob das Elternhaus dabei entscheidend sei. Auf die Frage, ob gebührenfreie Länder denn nun mit Studiengebühren besser dran wären, antwortet die Autorin dann im DIW-Interview: "Den Schluss kann man nicht ziehen."

Als Mittel gegen unerwünschte Wanderungsbewegungen empfehlen die Autorinnen der Studie den gebührenfreien Ländern in der Pressemitteilung eine "Landeskinder-Regelung", bei der nur landesfremde Studenten Gebühren zahlen müssten. Spätestens hier aber dürften auch die Minister der Gebührenländer ihre Sympathie für die DIW-Studie verlieren. Ein solches Konzept, bei dem bezahlt, wer von außerhalb kommt und in einem Land ohne Campusmaut studiert, gilt allerdings als verfassungsrechtlich heikel. Länder, die darüber nachdachten (etwa Rheinland-Pfalz und Bremen) haben es darum längst zu den Akten gelegt.

Eine andere Form des Ausgleichs wäre die Regel "Geld folgt Studenten", und die ist ebenso unwahrscheinlich. Sie würde bedeuten, dass etwa das Gebühren-Land NRW für Gebührenflüchtlinge an zum Beispiel das gebührenfreie Berlin Geld überweisen müsste. Aber nichts wollen die Gebührenländer weniger als ein solches Ausgleichsmodell, wie es Berlins Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner im Namen der SPD-Länder immer wieder ins Spiel bringt.

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Forum - Studiengebühren - was ist die beste Lösung?
insgesamt 1214 Beiträge
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    Seite 1    
1.
Anke 11.06.2008
keine Studiengebühren. Die Studenten zahlen ohnehin schon Verwaltungsgebühren und ihr Semesterticket. Bei letzterem unterscheiden sich die Beträge abhängig vom Verhandlungsgeschick der Uni mit den ansässigen Nahverkehrsunternehmen ganz erheblich in Höhe und Reichweite. Ein Studium ernsthaft betrieben erfordert eine 60-Stunden-Woche. Meines Erachtens sollten Studenten deshalb während ihres Studiums finanziell unterstützt werden - und zwar alle - um die Notwendigkeit des Nebenjobs zu minimieren und die Möglichkeit, das Studium innerhalb der gesetzten Regelstudienzeit abzuschließen zu maximieren. Nach Beendigung des Studiums sollten die frischgebackenen Absolventen ihrerseits die während ihres Studiums entstandenen Kosten zurückzahlen - innerhalb eines festzulegenden Zeitraumes selbstverständlich und in einem angemessenen Rahmen.
2.
eiffe 11.06.2008
Lösung: Studiengebühren abschaffen. So wäre eine weitere Hürde, ein Studium zu beginnen, beseitigt. Gegenüber anderen Industrienationen könnte man die Studentenzahl noch ordentlich steigern. Die Universitäten sollten mit den Steuergeldern der Allgemeinheit finanziert werden, schließlich sind es auch die Studenten, die später einen nicht unerheblichen Teil an Steuern zahlen. Auch ansonsten sind viele Studierende eine Bereicherung für die Gesellschaft, Bildung schützt vor vielerlei Ungemach. Ob steuerfinanzierte Universitäten auch "Eliteuniversitäten" im weltweiten Vergleich werden können, hängt allein von der Menge der Gelder und der Organisation ab.
3. ...
jojo1987 11.06.2008
Wie in einigen Bundesländern praktiziert, ist es doch sehr sinnvoll, Dauerstudenten (also ab Regelstudienzeit + x Semester) zahlen zu lassen. Das Erststudium muss kostenlos bleiben, denn in Deutschland werden händeringend hochqualifizierte Kräfte gesucht, und die bekommt man gewiss nicht, indem man weitere Hürden aufstellt. (Abgesehen davon, dass hochqualifizierte Kräfte später meist mehr verdienen und somit mehr Steuern zahlen + die Wirtschaft ankurbeln) Was mich aber wirklich ärgert, sind die Einzellösungen je Bundesland. Es sollte eine einheitliche Regelung beschlossen werden, denn nichts ärgert mich mehr, wenn ich hier (in Hessen) Studiengebühren zahlen muss, während Berliner Studenten umsonst studieren - wenn man daran denkt, wieviel Geld Berlin vom Bund und über Solidarausgleich etc. bekommt, eine wirkliche Frechheit
4. Gebühren: Ja! - So hoch: Nein
karaokefreak01 11.06.2008
Ich sehe durchaus einen Sinn in Studiengebühren, sofern sie auch da ankommen, wo sie gebraucht werden. Allerdings verstehe ich die Höhe von 500 Euro nicht. Ich selbst erwäge gerade zu studieren, doch was mich davon abhält, sind die Kosten. Denn neben der Kampusmaut muss ich schließlich noch Bücher kaufen (und selbst das kopieren meines Materials kostet ein Schweinegeld) und irgendwie sollte ich vllt. noch in der Lage sein, meine Miete zu bezahlen. Und jetzt soll mir bitte keiner mit einem Studentenkredit ankommen. Aufgrund meiner finanziellen Lage bin ich nicht kreditwürdig, bekomme also von niemandem eine Anleihe. Um zu studieren und nebenbei nicht am Hungertuch nagen zu müssen, benötige ich also einen Vollzeit-Job, denn mit 400 Euro monatlich wird das ja schonmal mal nix. Demnach kann ich also schonmal 10 - 12 Semester einplanen, oder wie?!? Somit ist es ziemlich wahrscheinlich, dass ich nicht studieren KANN, obwohl mir der Staat Bildung zusagt und ich die nötige Qualifikation habe. Herzlichen Dank!
5. Stipendien!
barry60 11.06.2008
Zitat von sysopStudiengebühren bleiben in der Diskussion. Welches ist Ihrer Meinung nach die beste Lösung zur Finanzierung des Hochschulstudiums?
Die beste Lösung sind in meinen Augen viel mehr Stipendien. Und nicht nur für Abiturienten mit 1,0 - 1,3. Hier muss m. E. seitens der Wirtschaft umgedacht werden. Nicht jeder Abiturient mit 3,3 ist schlechter als mit 1,0. Es muss hier viel differenzierter gedacht werden. Es gab z. B. in unserem Studiengang eine Menge Leute, die mit 1,x abgeschlossen haben, die ich aber nie und nimmer in meinem Unternehmen haben wollen würde, da sie praktisch fast nicht zu gebrauchen sind. Ich denke, so ähnlich sieht es auch mit Abiturienten aus. Aber solange fast überall nur die Note zählt, ist sowas anscheinend nicht möglich.
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