Software gegen Plagiate: Zoff um den Schummel-Schnüffler

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Mit Hilfe spezieller Software wollen Universitäten zusammenkopierte Hausarbeiten aufspüren. Die Universität Hamburg registrierte zuletzt 320 Fälle und führt nun ein solches Detektivprogramm ein. Studentenvertreter laufen Sturm - auch weil sich die Uni ungeschickt angestellt hat.

Bela Rogalla ist empört. Von "Kontrollwahn" spricht das studentische Mitglied im Akademischen Senat der Uni Hamburg, von einem "Generalverdacht." Rogalla studiert Sozialökonomie in Hamburg und hat sich bereits früher als notorischer Kritiker der dortigen Uni-Führung hervorgetan, zuletzt als es um die Kandidatur der Physikerin Monika Auweter-Kurtz als neue Präsidentin der Hochschule ging.

Universität Hamburg: 320 Plagiate registriert.
DPA

Universität Hamburg: 320 Plagiate registriert.

Aktuell ist es ein Produkt der kanadischen Softwarefirma iParadigms, das Rogalla in Rage versetzt: "Turnitin" - "Reich es ein!" - heißt die Software. Mit ihrer Hilfe will die Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der zusammenkopierten Studien- und Abschlussarbeiten Herr werden. Rund 320 Plagiate habe man an der Uni Hamburg in der Vergangenheit bereits registriert, erklärt Dekan Wolfgang Weber: "Das ist ein gravierendes Problem". Deswegen habe man sich entschieden, die Software testweise einzusetzen. Kostenpunkt nach Angaben des Rektors: knapp 7000 Euro bis zum Ende des kommenden Jahres. Dann werde man über eine Verlängerung des Vertrages entscheiden.

Das Problem schamlos kopierender Studenten wurde zuletzt an mehreren Hochschulen verstärkt diskutiert. So beklagen etwa Professoren in Großbritannien, dass vielen jungen Menschen schlicht das Unrechtsbewusstsein abhanden gekommen ist: "Es sind post-moderne Kinder der Generation Google, die aus vielen Quellen schöpfen; Wikipedianer, die nicht unbedingt das Konzept individueller Autorenschaft und Besitzrechte verstehen."

Ähnlich wie die Erziehungswissenschaftlerin Sally Brown aus Leeds äußern sich auch andere Mitglieder des akademischen Betriebes. Und auch die unlängst veröffentlichte Abschlussarbeit des Leipziger Soziologen Sebastian Sattler lässt nichts Gutes ahnen: Sattler hatte seine Kommilitonen gefragt, ob sie für Hausarbeiten unerlaubt fremde Texte kopieren würden - und 90 Prozent hatten das bejaht.

Manchmal reicht eine einfache Google-Anfrage

Nicht alle tun es dann auch tatsächlich. Doch den Studenten, die ihre Bereitschaft auch in die Tat umsetzen, versucht das Lehrpersonal mit zahlreichen technischen Hilfen auf die Schliche zu kommen. Manchmal hilft dabei schon eine einfache Suche bei Google, manchmal sollen Computerprogramme wie der "Plagiarism-Finder" oder "Docol©c" den Fahndungserfolg bringen - oder eben "Turnitin". Unis in Großbritannien und den USA nutzen die Software bereits. In Deutschland wird das Programm in Bielefeld campusweit getestet.

Die Plagiat-Jägerin
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Nun soll es auch in Hamburg soweit sein, was Bela Rogalla großes Unbehagen bereitet: "Der Generalverdacht gegen 10.000 Studierende und die Stigmatisierung als potentielle Fälscher und Betrüger durch das Dekanat ist eine Frechheit", sagt Rogalla am Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Durch die Plagiat-Finder werde das Grundrecht auf Informationelle Selbstbestimmung der Studierenden verletzt. Außerdem gebe es Verstöße gegen das Urheberrecht. Schließlich müssten die Studenten ihre Werke zur Begutachtung auf Server in Kanada laden, wo diese auch dauerhaft gespeichert würden.

Rogalla und andere Kritiker wie Oliver Buck vom Fachschaftsrat Wirtschaft und Politik beziehen sich unter anderem auf eine Auskunft des "Intellectual Property Rights Helpdesks". So heißt ein Projekt zum Schutz des geistigen Eigentums, bei dem die Universitäten Alicante, Saarbrücken und Krakau mitarbeiten. Demnach wird beim Speichern der Arbeiten auf den Servern der Plagiat-Finder das "durch § 16 Urheberrechtsgesetz geschützte Vervielfältigungsrecht betroffen". Und eben dieser Vervielfältigung müssten die Studenten grundsätzlich zustimmen - sonst sei sie unzulässig.

Wie frei können sich Studenten entscheiden?

Hier setzen Rogalla und Buck an: Sie haben Angst, dass die Studenten nicht frei entscheiden können, ob ihre Arbeiten überprüft und anschließend gespeichert werden. "Erzwungen" werde die Zustimmung - durch eine Anweisung des Dekanats an die Professoren.

Dekan Wolfgang Weber sieht das ganz anders. "Das ist kein Muss", sagt er. Kein Student werde gezwungen, sich bei Turnitin anzumelden. Das Übersenden der Arbeiten an den kanadischen Dienst erfolge freiwillig. Auch Name und Matrikelnummer müssten nicht angegeben werden. Wie tragfähig die Beteuerungen des Rektors über den fehlenden Zwang tatsächlich sind, wird die Praxis zeigen. Die Studenten werden in dieser Frage gewiss ein waches Auge haben.

In jedem Fall trägt die Uni-Leitung eine gehörige Portion Mitschuld an Datenschutz-Ängsten und grassierenden Verschwörungstheorien. Noch bis Donnerstagnachmittag fand sich auf den Webseiten der zuständigen Fakultät folgendes Statement: "Studierende müssen ihre wissenschaftlichen Hausarbeiten fristgerecht direkt bei www.turnitin.com in einer elektronischen Ausfertigung an das Plagiatsuchsystem schicken."

Müssen. Nicht können.

Nach der Anfrage von SPIEGEL ONLINE wurde die Mitteilung auf der betreffenden Webseite allerdings schnell überarbeitet. Seit dem heißt es dort, die Studierenden würden "gebeten", ihre Arbeit an Turnitin zu schicken - ein entscheidender Unterschied.

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