Was bei fast jeder Flugbuchung funktioniert, lässt Bund, Länder, Hochschulen und Studienplatzbewerber anhaltend verzweifeln: Eine Plattform im Internet, die die Studienplatzvergabe durch die Hochschulen bundesweit koordinieren soll, ist lange geplant - aber sie läuft noch immer nicht. Deswegen erhöhen einige Bundesländer jetzt den Druck auf den zentralen Anbieter für Hochschul-Software in Deutschland - und drohen dem gemeinnützigen Unternehmen sogar mit Geldentzug.
"Die Verstörung über die erneute Verzögerung ist in Thüringen ziemlich groß", sagte Gerd Schwinger, Sprecher des thüringischen Wissenschaftsministeriums. Wenn Thüringen tatsächlich bei der Hochschul-Informations-System GmbH (HIS) aussteigen will, müsste das Land allerdings auch einen lange bestehenden Gesellschaftervertrag kündigen - denn das Unternehmen gehört seit über 30 Jahren zu einem Drittel dem Bund und zu zwei Dritteln den Ländern. Für seine staatlichen Auftraggeber erstellt der Dienstleister Verwaltungs-Software, liefert Studien zur Hochschulforschung und für die Hochschullandschaft.
Bis zur Gesellschafterversammlung im Januar soll sich HIS zur Pannenserie bei der Zulassungs-Software erklären. "Danach entscheiden wir über weitere Schritte", sagte Ministeriums-Sprecher Schwinger. Zuvor hatte Thüringens Minister für Bildung und Wissenschaft, Christoph Matschie (SPD), bereits in der Tageszeitung "Die Welt" gegen HIS gepoltert: "Warum soll der Freistaat Thüringen das Unternehmen weiter finanzieren?" Und er hatte eine Drohung nachgereicht: "Im Moment sehe ich mehr Gründe für einen Neuanfang ohne die HIS als ein Herumdoktern an zahllosen Missständen."
Erste Gehversuche im Herbst 2012
Eigentlich sollten die Hannoveraner IT-Experten der HIS ihre Software schon vor dem aktuellen Wintersemester an die Systeme der Hochschulen angebunden haben. Allerdings waren die Hochschulen nicht in allen Bundesländern verpflichtet, das Angebot auch anzunehmen. Da auf den meisten deutschen Hochschul-Servern jedoch HIS-Software läuft, lag es nahe, dass teilnehmende Unis sich wiederum an die Firma wenden - etwa 60 Hochschulen hätten das getan, bestätigt HIS-Sprecher Theo Hafner.
Das Problem bei der Anbindung laut HIS: Eine einzige Hochschul-Software gibt es lange nicht mehr, die Programme wurden in den vergangenen Jahren verändert und auf Sonderwünsche der Hochschulen angepasst. Deswegen dauere die Anbindung der neuen Software länger als geplant. Eigentlich sollte das sogenannte Dialogorientierte Verfahren längst den Hundertausenden Studienbewerbern bei der Platzsuche helfen - nun wird im Herbst 2012 erst einmal ein Pilotbetrieb mit rund 40 Hochschulen starten.
Neben der scharfen Attacke aus Thüringen kritisieren auch andere Bundesländer, dass die zentrale Bewerberplattform noch immer nicht läuft: Baden-Württembergs Wissenschaftsministerium teilte mit, der erneute Verzug sei "ärgerlich und bedauerlich". Bremens Wissenschaftssenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) findet es misslich, dass so viele Pannen passiert sind. Rheinland-Pfalz spricht beim Pilotprojekt, das nun erst in etwa einem knappen Jahr starten soll, von einem "bitteren Kompromiss". Es gebe "ähnliche Überlegungen" wie in Thüringen.
Jährlich bleiben Tausende Studienplätze frei
Erfolgreich kann das Portal nur werden, wenn möglichst viele Hochschulen in Deutschland mitmachen. Denn nur dann ließe sich verhindern, dass Studienplätze zu spät oder gar nicht besetzt werden. Seitdem die Dortmunder Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) in weiten Teilen in die Stiftung hochschulstart.de überging und entmachtet wurde, vergeben die meisten Hochschulen ihre Studienplätze selbst - nach eigenen Kriterien und mit sehr unterschiedlichem Erfolg. Um die eigenen Chancen auf einen Platz im Wunschstudium zu steigern, bewerben sich viele Abiturienten an mehreren Unis - und bekommen oft auch mehrere Zusagen. Weil sie aber nur einen Platz antreten können, blieben zuletzt trotz Bewerbermassen erneut fast 17.000 Studienplätze in den Numerus-Clausus-Fächern frei.
Den Bund kostete das gesamte Projekt bislang 15 Millionen Euro. Die Software, die nun nicht angebunden werden kann, stellte die Telekom-Tochter T-Systems her. Der HIS wirft Wissenschaftsminister Matschie in der "Welt" vor, sie habe "Geld verschlungen, aber nicht geliefert". Man sei den Aufgaben offensichtlich nicht gewachsen.
HIS-Sprecher Theo Hafner wehrt sich gegen die Vorwürfe aus Thüringen. Matschie sei "schlecht informiert". Das Unternehmen habe immensen Aufwand betrieben und durchaus geliefert - immerhin könne ein Pilotbetrieb starten. Allerdings räumt Hafner ein: "Wir haben vielleicht zu spät erkannt und zu spät darauf hingewiesen, dass die im Lastenheft formulierten Ziele eine Überforderung aller Akteure darstellen."
Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) drängt weiter nur verbal auf einen baldigen Start der neuen Plattform: "Das Online-Zulassungsverfahren muss kommen - im Interesse aller Studierenden", heißt es aus Schavans Ministerium. Die Schützenhilfe aus den Ländern freue die Ministerialen in Berlin, sagte eine Sprecherin. "Wir begrüßen es, wenn ein Land Druck ausübt, damit die Schwachstellen am Dialogorientieren Serviceverfahren endlich beseitigt werden."
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