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Soziale Schieflage an Unis: "Beschämend für eine Demokratie"

Ein höherer Bildungsabschluss wird in Deutschland von Generation zu Generation vererbt. Vor allem Kinder von Akademikern zieht es an die Uni - das zeigt die neue Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks.

"Welches ist der höchste berufliche Abschluss Ihres Vaters/Ihrer Mutter?", lautete eine der fast 50 Fragen, die den Teilnehmern der 18. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (DSW) gestellt wurde. Bei der Auswertung kam heraus: Während von 100 Akademikerkindern 83 den Hochschulzugang schaffen, stammen nur 23 von 100 aus Arbeiterfamilien. Kinder aus Beamtenfamilien, in denen mindestens ein Elternteil studiert hat, haben eine fünfeinhalb Mal so große Chance.

Bafög: Kein Auskommen mit dem Einkommen
DDP

Bafög: Kein Auskommen mit dem Einkommen

In Deutschland wird Bildung vererbt - ob jemand studiert oder nicht, hängt nach wie vor stark von der sozialen Herkunft ab. DSW-Präsident Rolf Dobischat bezeichnete die fehlende Chancengleichheit als "beschämend für eine Demokratie" und forderte eine sofortige Bafög-Erhöhung, um mehr junge Menschen zum Studium zu bewegen. Im Moment bezieht rund jeder fünfte der zwei Millionen Studenten die staatliche Unterstützung. In der Sozialerhebung gaben 79 Prozent der Bafög-Empfänger an, ohne diese Förderung nicht studieren zu können. Rund 40 Prozent aller Studenten sehen ihr Studium als unsicher an. Dobischat betonte, dass dies keine gute Grundlage für ein erfolgreiches Studium sei.

Andreas Storm (CDU), parlamentarischer Staatssekretär im Bundesbildungsministerium, kommt zu einer positiveren Einschätzung. "Die Chancen für Kinder aus nicht-akademischen Herkunftsfamilien konnten spürbar gesteigert werden", sagte er. Storm beteuerte jedoch: "Dennoch bleibt die Verwirklichung von Chancengerechtigkeit eine vordringliche Aufgabe der Bildungspolitik in Deutschland. Hier ist aktives Handeln von Bund und Ländern gefragt."

Bildungsministerium findet Bafög plötzlich doch gut

Laut Sozialerhebung haben Studenten in Deutschland monatlich im Schnitt 770 Euro in der Tasche. Jedem fünften stehen monatlich nur weniger als 585 Euro zur Verfügung. Storm kündigte an, die finanzielle Situation zu verbessern: "Wir setzen uns für eine spürbare Erhöhung der Bafög-Sätze und Freibeträge ein."

Was "spürbar" bedeuten soll, hat die Bundesregierung bisher offengelassen. Monatelang hatte das Bundesbildungsministerium keinerlei Anstrengungen für eine Bafög-Erhöhung unternommen, während das Studentenwerk nach sechs Nullrunden zehn Prozent mehr forderte. Erst nach hartnäckigem Drängen und als die Steuereinnahmen des Bundes höher ausfielen als erwartet, hatte Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) eingelenkt - sie hält mehr von Studienkrediten als vom Bafög.

Was das Studentenleben kostet
IDW

Was das Studentenleben kostet

Die Grünen haben Schavan, die bei der Präsentation der Sozialerhebung nicht anwesend war, vor, den Studenten die kalte Schulter zu zeigen. "Eine große Koalition, die erst nach massivem Druck darüber nachdenkt, das Bafög zu erhöhen, und lieber Studienkredite mit Schuldengarantie beschließt, verbaut den sozialen Aufstieg durch Bildung", so Kai Gehring. Der hochschulpolitischer Sprecher der Grünen sagte der "Berliner Zeitung" weiter: "Eigentlich müsste Schavan die Anwältin der Studierenden sein - wenn sie so weiter macht, kann sie jedoch bald als deren Schuldenberaterin anfangen."

Ulla Borchardt (SPD), Vorsitzende des Bildungsausschusses im Bundestag, bezeichnete die Ergebnisse der Studie als "Armutszeugnis" für die Hochschulpolitik der unionsgeführten Länder. Durch Studiengebühren würden die Unis "für sozial Schwache verriegelt". Die Erhebung selbst stellt keine Verbindung zu den Gebühren her.

Der Bundesvorstand der Juso-Hochschulgruppen kann nicht verstehen, dass auf dieses Thema nicht eingegangen wurde. Er bezeichnet es als "bemerkenswert, wie das Bildungsministerium in der von ihm finanzierten Erhebung anscheinend jegliche Fragestellung zur sozialen Auswirkung von Studiengebühren zum Zeitpunkt der Datenerhebung verhindert hat".

Seit mehr als 55 Jahren versucht das Deutsche Studentenwerk, mit seinen Sozialerhebungen ein Bild von der wirtschaftlichen und sozialen Lage der Studenten in Deutschland zu zeichnen. Das Hochschul-Informations-System HIS führt die Untersuchung im Auftrag des Studentenwerks alle drei Jahre durch. Die Untersuchung wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert. Im Sommersemester 2006 ließen sich 17.000 Studenten befragen.

kat/jol/dpa/ddp/AP

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