Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Sparpläne an Musikhochschulen: Baden-württembergische Streichkonzerte

Streichkonzert im Südwesten: Musikhochschulen haben den Haushalts-Blues Fotos
DPA

Pianist Edward Hamrock zog von Los Angeles ins ländliche Trossingen, wegen der exzellenten Ausbildung. Jetzt will die baden-württembergische Wissenschaftsministerin an Musikhochschulen 500 Studienplätze streichen. Die Studenten fragen sich: Was wird aus uns?

Wenn Edward Hamrock sich ans Klavier setzt, scheint er die ganze Welt auszublenden. Der 25-jährige Klavierstudent legt die Finger ganz sacht auf die Tasten und spielt ein Stück von Arnold Schönberg. Er schließt die Augen, bewegt sich im Rhythmus der Töne. "Diese Musik liegt mir am Herzen", sagt Hamrock.

Alles andere scheint in diesem Moment weit weg: die Diskussionen um die Sparpläne an den Musikhochschulen im Land. Der Streit darüber, welchen Wert Kultur im Südwesten hat. Die Frage, wie viel ein Student eigentlich kosten darf. Und wie viele davon sich seine Musikhochschule in Trossingen in Zukunft noch leisten wird.

"Ich weiß nicht, was ich machen soll, wenn sie die Hochschule verkleinern oder schließen", sagt Hamrock. Er ist vor einem Jahr aus den USA gekommen - von der pulsierenden Großstadt Los Angeles in die ländliche Ruhe im Landkreis Tuttlingen. Neben der Hochschule stehe ein Bauernhof, sagt er. An seinem Blick lässt sich nicht ablesen, ob er das gut findet. Er hatte sich an seiner Uni für einen Austausch mit Deutschland beworben. Als die Zusage kam, musste er erst mal im Internet nachsehen, wo das liegt: Trossingen.

500 Studenten und 50 Professoren weniger

Zu Beginn hatte der Amerikaner in der 15.000-Einwohner-Stadt noch ganz alltägliche Sorgen: Verstehe ich Schwäbisch? Schmecken Spätzle? Komme ich in den Kursen gut mit? Heute fragt er sich: Was soll ich machen, wenn Trossingen sich auf Alte Musik spezialisiert - wie es die Pläne des Wissenschaftsministeriums bisher vorsehen? Finde ich damit einen Job? Oder wechsle ich besser an eine andere Hochschule? Und wenn ja, wohin? Eigentlich will er im Januar die Aufnahmeprüfung in Trossingen machen und langfristig dortbleiben. "Das ist meine Heimat geworden, das würde mir dann genommen."

Wie Hamrock geht es vielen ausländischen Studenten in Trossingen; sie stellen nach Angaben der Hochschule mehr als ein Drittel der Eingeschriebenen. Denn Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) hat im Sommer ein Sparkonzept für die Musikhochschulen vorgestellt. Rund 500 Studienplätze und 50 Professorenstellen sollen gestrichen werden, um vier bis fünf Millionen Euro im Etat zu erwirtschaften.

"Warum tut Deutschland das?"

Für Trossingen würden die Pläne bedeuten: 200 Studienplätze weniger, außerdem eine Bündelung der Ausbildung für Alte Musik und Elementare Musikpädagogik. "Die Politiker können einfach Pläne in unserem Leben ändern", sagt der 25-Jährige. Dagegen wird seit Monaten heftig protestiert - Kritik kommt nicht nur von den Betroffenen, sondern auch aus Politik und Wirtschaft.

Fünf Standorte gibt es mit Stuttgart, Karlsruhe, Freiburg, Mannheim und Trossingen in Baden-Württemberg. Dass ausgerechnet dieses gut betuchte Bundesland bei der Musikerausbildung sparen will, sorgt für Unverständnis. Der Deutsche Kulturrat setzte die mit rund 480 Studenten kleinste Musikhochschule im Land kürzlich sogar auf die Rote Liste bedrohter Kultureinrichtungen.

"Politiker sehen den Gewinn und Nutzen von Musik nicht", sagt Ido Azrad, 27. Der junge Mann aus Israel, ein mehrfach ausgezeichneter Musiker, studiert seit mehr als zwei Jahren in Trossingen Klarinette. Momentan macht er einen Master in Alter Musik. Azrad hat sich die Hochschule und seine Dozenten ganz gezielt ausgesucht. "Hier unterrichten unglaublich tolle Leute. Was ich hier gelernt habe, hätte ich nirgendwo sonst gefunden."

Doch Azrad geht es nicht allein um die Musikhochschulen und ihre Studenten. "Wer gut ist, wird seinen Platz finden", sagt er. "Ich mache mir Sorgen um die Kultur." Wie beeinflusst Kunst den Einzelnen? Was passiert mit einem Land, in dem Kultur nicht mehr geschätzt oder womöglich nicht mehr gefördert wird? "Ich glaube, dass man auf lange Sicht durch Kunst und Kultur eine bessere Gesellschaft gewinnt." Für ihn sei unbegreiflich, dass ein Land wie Deutschland - das traditionell viel Wert auf Kultur lege - bei deren Förderung spare. Auch Gebührenpläne für Studenten aus dem Nicht-EU-Ausland, die in Baden-Württemberg ebenfalls diskutiert werden, irritieren ihn. "Warum tut Deutschland das?"

Kathrin Streckenbach/dpa/fln

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 127 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Das ist eine Sauerei
helgamaus 20.10.2013
aber typisch für die Grün-Rote-Landesregierung. Sie sparen am falschen Ende. Aber vielleicht brauchen ja Grüne und Rote keine Kultur. Vielleicht reicht ihnen ja das Pflanzen von Sonnenblumen? Spass beseite, ein Land ohne Kunst und Kultur und ohne Bildung (da wird auch kräftig gespart) ist eine Horrorvorstellung.
2. Grrrrrrrrrrrrrrrr
vipix 20.10.2013
Ja, ja, die Politik moechte sparen und weiss nicht wo, Da wo sie nix von versteht. "Mint"Studiengaenge reichen ja, weg den Rest. Klaegliches, ignorantes, dilletantisches Verhalten, aber wenn Wagner gegeben wird, da muss man hin....Pfui
3.
einwerfer 20.10.2013
Ganz einfach, wir brauchen das Geld für die Banken und die Rendite von klassischer Musik ist einfach zu schlecht.
4. Grüne Kulturpolitik
Hugh 20.10.2013
Zitat von sysopDPAPianist Edward Hamrock zog von Los Angeles ins ländliche Trossingen, wegen der exzellenten Ausbildung. Jetzt will die baden-württembergische Wissenschaftsministerin an Musikhochschulen 500 Studienplätze streichen. Die Studenten fragen sich: Was wird aus uns? http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/sparplaene-bei-musikhochschulen-verunsichern-auslaendische-studenten-a-928569.html
"Wie beeinflusst Kunst den Einzelnen? Was passiert mit einem Land, in dem Kultur nicht mehr geschätzt oder womöglich nicht mehr gefördert wird?" Gute Frage. Die Grünen haben gerade Parteitag, vielleicht sollte man sie da stellen. Wie kann es sein, dass eine grüne Ministerin Bildung einschränken will? Ist das die Spur, auf die Herr Kretschmann seine Partei setzen will? Der Fragen sind viele.....
5. Mit Sicherheit...
Xaxa81 20.10.2013
...findet sich für das eingesparte Geld eine sinnvollere Verwendung. Man könnte ja in die hoch kulturelle und wesentlich anspruchsvollere Ballsportart Fußball investiert und dem VfB noch ein neues Stadion bauen. Oh, 4 Mio Euro reichen dafür nicht? Dann streichen wir eben noch ein paar Museen, die Oper und ein Symphonieorchester. Ach und ich vergass. An den Schulen werden ja auch weitere Mittel frei, die einer besseren Verwendung zukommen können. Danke an alle Grünenwähler!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Junge Musiktalente: Klassik, gefällt uns

Fotostrecke
Max baut Klaviere: Geschickte Hände, geschulte Ohren