SPIEGEL-Aktion Studentenpisa: Der feine Unterschied

Mit 600.000 Teilnehmern war es der größte Wissenstest, den es jemals in Deutschland gegeben hat. Forscher haben die Studentenpisa-Ergebnisse jetzt gründlich analysiert - und auch nach der Lösung eines Rätsels gesucht: Warum bloß schneiden Frauen so viel schlechter ab als Männer?

Getestet und vermessen: Wie viel haben deutsche Studenten im Hirn?Zur Großansicht
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Getestet und vermessen: Wie viel haben deutsche Studenten im Hirn?

Warum eigentlich platzt eine Bierflasche im Gefrierschrank? Wie heißt doch gleich der aktuelle Uno-Generalsekretär, und auf welchen Ökonomen berufen sich noch mal die Verfechter staatlicher Konjunkturprogramme?

Fragen über Fragen, mit denen der SPIEGEL-Verlag und studiVZ im vergangenen Jahr Hunderttausende Deutsche unterhielten - und auch malträtierten. Nur 26 von mehr als 600.000 Teilnehmern schafften es, alle Aufgaben des großen Studentenpisa-Tests zu lösen, alle anderen mussten sich die eine oder andere Wissenslücke eingestehen.

Was das über die Allgemeinbildung in Deutschland aussagt, haben Wissenschaftler aus mehreren Staaten jetzt genauer untersucht. Die Redaktion hatte ihnen die Studentenpisa-Daten für vertiefende Analysen zur Verfügung gestellt, zahlreiche Expertenteams verschiedener Disziplinen suchten daraufhin nach neuen Erklärungen und Erkenntnissen. "Was die SPIEGEL-Redaktion aus journalistischem Interesse erhoben hatte, sollte mit wissenschaftlicher Expertise noch weitergehender analysiert werden", heißt es im Vorwort des neuen wissenschaftlichen Bands.

Das Buch wird von der Hamburger Professorin Sabine Trepte und SPIEGEL-Redakteur Markus Verbeet herausgegeben und enthält unter anderem neue Rankings. Erstmals werden Ergebnisse für jedes der fünf Fachgebiete veröffentlicht, die im Test eine Rolle spielten: Politik, Geschichte, Wirtschaft, Kultur und Naturwissenschaften.

Ahnungslose Sportler, starke Abweichungen bei Naturwissenschaftlern

"Wir fanden deutliche Wissensunterschiede bei den Studierenden verschiedener Hauptfächer", schreiben die beiden österreichischen Autoren Walter Renner (Hall in Tirol) und Marco Johannes Maier (Wien). Ihre Auswertungen zeigen das außerordentlich schlechte Abschneiden der Sportstudenten in allen fünf Fachgebieten, unterboten werden sie nur einmal: von den Informatikern. Politik- und Geschichtsstudenten belegen hingegen fast immer vordere Plätze, nur bei den Naturwissenschaften patzten sie. In den Naturwissenschaften "sehen wir eine radikale Abweichung zu den vorherigen Mustern", analysieren Renner und Maier. Hier würden "Studierende der Biologie, Physik, Medizin und verwandter Fächer die höchsten Werte erzielen".

Das ist ein durchaus naheliegendes Resultat: Geschichtsstudenten kennen sich eben besser mit Geschichte aus, Naturwissenschaftsstudenten mit Naturwissenschaften. Weitaus schwieriger zu erklären ist ein anderes Studentenpisa-Ergebnis, das nach seiner Veröffentlichung im SPIEGEL und bei SPIEGEL ONLINE im vergangenen Jahr für viele Diskussionen sorgte: das schlechte Abschneiden der Frauen. Sie beantworten im Durchschnitt 21,5 von 45 Fragen richtig, Männer hingegen 26,5. "Dramatische Differenz", schrieb der SPIEGEL und konstatierte eine klaffende "Wissenslücke zwischen den Geschlechtern".

Der Unterschied offenbarte sich bei zahlreichen Aufgaben. Wurde das Foto des bekanntesten Bankers Deutschlands gezeigt, vermochten 52 Prozent der Studenten und weniger als 20 Prozent der Studentinnen den Namen anzugeben (Josef Ackermann). Den EU-Kommissionspräsidenten José Manuel Durão Barroso erkannte jeder dritte Student, aber nicht einmal jede siebte Studentin. Umgekehrt wussten 88 Prozent der Studentinnen, aber nur 78 Prozent der Studenten, was als "Trisomie 21" bezeichnet wird (das Down-Syndrom).


Spitzenwerte erreichten die Frauen auch bei der Frage nach einer Popsängerin: Wer hat seine Karriere nicht in der Kindersendung "Mickey Mouse Club" begonnen? 83 Prozent der Studenten und sogar 92 Prozent der Studentinnen tippten richtig - Beyoncé Knowles.

Am Ende der Auswertungen aber stand der Fünf-Punkte-Unterschied zwischen den Geschlechtern. Für Fachleute nicht unbedingt eine riesige Überraschung: Die Ergebnisdifferenz "in Intelligenz- und Leistungstests führt seit der Entwicklung der ersten Intelligenztests im frühen 20. Jahrhundert zu hitzigen Debatten unter Wissenschaftlern", heißt es in dem Buchbeitrag von Carolin Strobl und Julia Kopf (München) sowie Achim Zeileis (Innsbruck).

Männer punkten, weil sie Wissensspielchen ernster nehmen

Über die Gründe herrscht freilich keine Einigkeit. Manche nehmen an, dass Männer schon deshalb besser abschneiden, weil sie einen solchen Test schlicht ernster nehmen und selbstbewusster angehen. Höhere Motivation führt zu besseren Ergebnissen - die Männer gewinnen, weil sie gewinnen wollen. Zudem dürften sich bei den Probanden unterschiedliche Interessen bemerkbar machen. Allgemein könne von einer "Wechselwirkung zwischen Interessen und Wissen ausgegangen werden", heißt es im Beitrag von Verena S. Bonitz, Patrick Ian Armstrong und Lisa M. Larson (Iowa State University, USA). Denn wen ein Thema interessiert, der beschäftigt sich damit und weiß dann auch mehr, was wiederum sein Interesse wachsen lässt.

Eine Analyse der Studentenpisa-Daten zeigt nun, dass Männer bei den Aufgaben aus Politik und Wirtschaft besonders stark punkteten, während Frauen bei etlichen Fragen zu Kultur und Naturwissenschaften besser abschnitten. Frauen haben demnach kein geringeres, sondern nur ein anderes Wissen - das aber beim Fragenkatalog des Studentenpisa-Tests einfach nicht gleichrangig zur Geltung kam. Die Erklärungen für den feinen Unterschied in den Ergebnissen weisen mithin weit über den Test hinaus. Denn die Analysen erklären nicht, warum Männer sich offenbar mehr für Politik interessieren. Der alte Kampf der Geschlechter kann also weitergehen.

In den weiteren Aufsätzen des neuen Bands beschäftigen sich die Autoren auf sehr unterschiedliche Weise mit dem Studentenpisa-Test. Wissenschaftler aus Darmstadt stellen innovative grafische Analysetechniken vor, die den Datensatz in bunte Muster verwandeln; Test-Experten aus Bochum unterziehen die Methodik des Studentenpisa-Tests einer kritischen Prüfung, und zwei Teams der Universitäten Hohenheim und Duisburg-Essen untersuchen den Zusammenhang von Mediennutzung und Allgemeinwissen, also unter anderem die Behauptung: SPIEGEL-Leser wissen mehr.

Das Buch enthält darüber hinaus den Beitrag eines leitenden OECD-Mitarbeiters, der die Pläne seiner Organisation zur Messung der Lernergebnisse von Studenten vorstellt, und es dokumentiert den vollständigen Studentenpisa-Fragenkatalog samt der Antworten. So kann jeder nachlesen, dass eine Bierflasche im Gefrierschrank platzt, weil sich die Flüssigkeit beim Gefrieren ausdehnt, der Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon heißt und sich die Verfechter staatlicher Konjunkturprogramme auf John Maynard Keynes berufen.

Die grausamsten Quizmaster der Kulturgeschichte

Prominentester Autor des neuen Bands ist ein Mann, der mit seinem Allgemeinwissen viel Geld verdienen konnte: Eckhard Freise, Geschichtsprofessor aus Wuppertal. Er hatte als erster Kandidat in Jauchs Quizshow "Wer wird Millionär?" den Höchstgewinn abgeräumt. In seinem Essay setzt er sich unter anderem mit der Beliebtheit von Wissenstests auseinander: "Das Volk der Internet-User liebt somit sportiv betriebene Ratespiele, bei denen etwas herumkommt, Geld, ein bisschen Zufriedenheit mit sich selbst und Ansehen vor den Anderen, Sozialprestige als Form symbolischen Kapitals."

Allerdings: "Im Falle arger Erfolglosigkeit droht der freie Absturz in den Ascheimer der Blamage - oder gar Schlimmeres", schreibt der Historiker und erinnert an die grausamsten Quizmaster der Kulturgeschichte: die dämonenhafte Sphinx von Theben, die unbedarfte Wanderer zu erwürgen pflegte, und die chinesische Prinzessin Turandot, die einfallslose Freier köpfen ließ.

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insgesamt 75 Beiträge
johnnychicago 26.11.2010
Nicht schon wieder... Immer diese Vergleiche Mann/Frau, dumm /intelligent, fleissig/faul. Diese ganzen PISA-Studien sind doch so was von unnütz. Dieses ganze Brimborium von "wir sind besser als ihr" und " wie [...]
Nicht schon wieder... Immer diese Vergleiche Mann/Frau, dumm /intelligent, fleissig/faul. Diese ganzen PISA-Studien sind doch so was von unnütz. Dieses ganze Brimborium von "wir sind besser als ihr" und " wie haben die klügsten Studenten". Mein Gott, es kann nicht nur Superintelligente geben. Dieser ganze Herrenmenschenschwachsinn geht mir so was von auf den Keks, ich kann nicht mehr hören. Bist du schlecht im Pisa-Test, riskierst du ja heutzutage schon ausgegrenzt zu werden. Dieser ständige Druck auf den Schülern, Studenten und Eltern und das für nix und wieder nix.
großwolke 26.11.2010
Wie wäre es damit, dass intelligente und zielstrebige Frauen schlicht seltener Zeit mit sowas wie Online-Intelligenz- und Wissenstests und dergleichen mehr verschwenden? Wer ein gesundes Selbstbewusstsein hat, weiß schließlich [...]
Wie wäre es damit, dass intelligente und zielstrebige Frauen schlicht seltener Zeit mit sowas wie Online-Intelligenz- und Wissenstests und dergleichen mehr verschwenden? Wer ein gesundes Selbstbewusstsein hat, weiß schließlich auch so, wo er und speziell sie im Rahmen der täglich gestellten Anforderungen steht. Als geltungssüchtiger Mann mit stützungsbedürftigem Ego weiß ich genau, wovon ich da rede... wo es eine MÖglichkeit gibt, mir selbst zu beweisen, wie toll ich bin, würde eine Frau die Schaffenspause vielleicht sinnvoll nutzen... für einen Plausch auf dem Gang ("Networking"), um kurz irgendeine Haushaltsarbeit runterzureißen (die sich dann nicht mehr auftürmen kann) oder oder oder... Das Medium und das eingesetzte (oder eben auch nicht) Anreizsystem bestimmen, das ist für die Damen und Herren Wissenschaftler sicher nichts neues, die Ergebnisse. Ob die Datenbasis dieses Tests tatsächlich dazu taugt, irgendetwas Grundlegendes abseits der Netznutzungsgewohnheiten zu untersuchen bezweifle ich mal.
s.m. 26.11.2010
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Zitat von sysopMit 600.000 Teilnehmern war es der größte Wissenstest, den es jemals in Deutschland gegeben hat. Forscher haben die "Studentenpisa"-Ergebnisse jetzt gründlich analysiert - und auch nach der Lösung eines Rätsels gesucht: Warum bloß schneiden Frauen so viel schlechter ab als Männer? http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,731207,00.html
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Shiraz 26.11.2010
"Frauen haben demnach kein geringeres, sondern nur ein anderes Wissen - das aber beim Fragenkatalog des Studentenpisa-Tests einfach nicht gleichrangig zur Geltung kam." Hahaha. Ja, sie kennen sich besser bei Madonna, [...]
"Frauen haben demnach kein geringeres, sondern nur ein anderes Wissen - das aber beim Fragenkatalog des Studentenpisa-Tests einfach nicht gleichrangig zur Geltung kam." Hahaha. Ja, sie kennen sich besser bei Madonna, Prinz Harry, Charles, Silvia, bei Brad Pitt und sämtlichen holländischen Adligen. Wirklich ungerecht, dass die nicht alle im Test abgefragt wurden.
Sponator 26.11.2010
Die Erklärung ist doch ganz einfach: Frauen haben nun mal kleinere Hirne als Männer ;) ---Zitat--- In 1861, Paul Broca examined 432 human brains and found that the brains of males had an average weight of 1,325 grams, while [...]
Zitat von sysopWarum bloß schneiden Frauen so viel schlechter ab als Männer?
Die Erklärung ist doch ganz einfach: Frauen haben nun mal kleinere Hirne als Männer ;) ---Zitat--- In 1861, Paul Broca examined 432 human brains and found that the brains of males had an average weight of 1,325 grams, while the brains of females had an average weight of 1,144 grams. ---Zitatende--- http://en.wikipedia.org/wiki/Sex_and_intelligence#Physical_brain_parameters
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  • Freitag, 26.11.2010 – 06:11 Uhr
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