Sprache der Wissenschaft: Say it in broken English

Publikationen, Laborbesprechungen, Tagungen - in der akademischen Welt spricht man Englisch, mitunter sogar, wenn deutsche Forscher unter sich sind. Manchen Wissenschaftlern geht das inzwischen zu weit. Sie warnen, dass die deutsche Fachsprache verkümmert.

Als Professor für Molekularbiologie an der Uni München ist Ralph Mocikat an das Englische gewöhnt: Wichtige Fachpublikationen und Kongresse sind in Englisch gehalten. Aber in den letzten Jahren geht Mocikat die Internationalisierung an der Uni zu weit: Da müssen Forschungsanträge auf Englisch geschrieben werden, obwohl alle Gutachter und alle Begutachtete Deutsche sind. Es gibt noch schlimmere Auswüchse: "Das sieht so aus, dass auch nationale Tagungen ohne internationale Beteiligung in englischer Sprache abgehalten werden, dass interne Seminare und ganz alltägliche Laborbesprechungen auf Englisch ablaufen", sagt Mocikat.

Deutsch-Englisch-Denglisch: Fachsprache verkümmert zu schlechtem Kauderwelsch

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Noch absurder wird es, wenn die Arbeitsgruppenleiter ihren Gastwissenschaftlern das Deutsche geradezu verbieten, obwohl diese schon mehrere Jahre in Deutschland leben und an der Sprache und Kultur interessiert sind. Georg Schütte, Generalsekretär der Alexander-von-Humboldt-Stiftung, weiß, was für einen Eindruck das auf Ausländer macht: "Wir stellen fest, dass Studierende und Wissenschaftler aus Ost- und Mitteleuropa sehr gut Deutsch sprechen und eher befremdet sind, wenn auf Englisch gesprochen und unterrichtet wird."

Denn dadurch erleidet das Deutsche einen Statusverlust - Gastwissenschaftler werden kaum eine Sprache lernen wollen, welche schon die Muttersprachler offenkundig vernachlässigen. Schlimmer noch: Das Deutsche drohe den Anschluss an die wissenschaftliche Erkenntnis zu verlieren, wenn die Terminologie nicht mehr weiterentwickelt werde, warnt Mocikat.

Selbst alltagssprachliche Begriffe würden mittlerweile verdrängt: "Ein drastisches Beispiel ist, wenn Kollegen von mir immer von Cancer sprechen, weil Cancer ja ein Fachbegriff ist und das Wort Krebs nicht mehr legitim ist." Englisch wirke professionell, daher sei es vielen eitlen Kollegen egal, dass ihr Englisch eher schlecht sei und dadurch viele Nuancen in der Verständigung auf der Strecke blieben, klagt Mocikat.

Die akademische Lingua Franca ist ein Verdränger

Muss man das Englische endlich zurückdrängen? Nein, meint Eberhard Liebau. Der BWL-Professor organisiert an der Uni Hamburg Bachelor- und Master-Studiengänge in internationalem Management. Der interkulturelle Austausch müsse hier Programm sein, daher halte man einige Seminare auf Englisch. "Für die ausländischen Studierenden muss ich sagen: Wenn man sie fragt, sie wären nicht nach Deutschland gekommen, wenn die Programme voll auf Deutsch angeboten worden wären", so Liebau.

Eine gewisse Preisgabe des Deutschen ist also der Preis für die Internationalität, zumindest in den Wirtschaftswissenschaften. Liebau wünscht sich mehr englische Kollegen, die ihre Vorlesungen nicht im so genannten academic pidgin English halten. Ansonsten sollten englischsprachige Kurse freiwillig sein, um das Deutsche zu erhalten und das Englische dennoch zu fördern. Und Gastwissenschaftler und Austauschstudenten müssten natürlich Mindestkenntnisse in Deutsch vorweisen.

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Damit kann sich auch Mocikat anfreunden. Er wünscht sich, dass die Fachgesellschaften vorbildlich vorangehen und ihre nationalen Tagungen wieder in der Landessprache abhalten. "Die Fachgesellschaften sollten Nomenklatur-Kommissionen einrichten, um für eine Weiterentwicklung der fachspezifischen Terminologien zu sorgen. Und ein wichtiger Ansprechpartner sind die wissenschaftspolitischen Institutionen, allen voran die DFG", fordert Mocikat.

Ebenso die Hochschulrektorenkonferenz. Georg Schütte allerdings bezweifelt, dass sich alles von oben verordnen lässt. Zwar hoffen manche Wissenschaftler auf eine Akademie, die das Deutsche an der Hochschule stärkt. Aber schon um eine nationale Akademie der Wissenschaften gebe es zu viel Gezerre. "Am Ende, wenn wir das Stichwort Hochschulautonomie ernst nehmen, muss jede Uni ihren Weg in diesem internationalen Umfeld finden", so der Generalsekretär der Humbolt-Stiftung.

Letztlich gebe es an der Uni noch keinen Ansprechpartner, der sich um die Förderung des Deutschen bemühe, seufzt Gerhardt Leitner, Professor an der FU Berlin. Man müsse selbst tätig werden: "Ich bin Anglist. Ich habe sehr viel auf Englisch geschrieben, schreibe aber zunehmend jetzt wieder Deutsch."

Von Pascal Fischer, "Campus & Karriere" / Deutschlandfunk

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