Die ersten türkischen Worte, die ich verstand, las ich in einem Istanbuler Café: Sucuk Ekmek Party - Wurst-Brot-Party. Was es damit auf sich hatte, habe ich allerdings nicht herausgefunden. Vier Wochen Istanbul und ich habe weder die ominöse Party besucht, noch so viel Türkisch gelernt, dass ich ein Gespräch über eine Wurst-Brot-Party hätte führen können. Türkisch ist schwierig und ich nicht besonders gut darin.
Dabei hatte ich mir alles so einfach vorgestellt: Vier Wochen Sprachkurs in Istanbul und ich würde endlich verstehen, was im Sofra Imbiss außer Döner noch auf der Karte steht. Nebenbei würde ich, die Haare in der Bosporus-Brise wehend, meinem türkischen Freund Liebesschwüre ins Ohr flüstern. So war's nicht. Statt in einen Türken habe ich mich in Istanbul verliebt, diese lebendige, chaotische und melancholische Stadt am Bosporus.
Anfang Dezember empfing Istanbul mich mit 18 Grad, mit Menschenmassen, die unter glitzernden Lichtern durch die Straßen strömten, mit Palmen und dem Duft von Maronen. Meinen Versuch, zwei Kilometer vom Taksim-Platz bis zu meiner Wohnung im Stadtteil Beyoglu zu Fuß zurückzulegen, machten die Istanbuler Straßen beinahe unmöglich.
Kulturmix: Neue Stadt mit alten Regeln
Ich trippelte, stolperte, schob und rollte hinter meinem Koffer her, durch spiegelglatte Gassen, die sich mit Treppen, Kopfsteinpflaster und mit Schlammwasser gefüllten Kratern abwechselten. Auf den Bürgersteigen saßen alte, schnurrbärtige Männer auf kleinen Hockern, rauchten und starrten mich und mein offensichtlich anstrengendes Unterfangen an. Einer half mir und meinem Koffer über einen besonders tückischen Abgrund und erwiderte auf mein "Tesekkür ederim" ein freundliches deutsches "Bitteschön".
Man kann so viel entdecken, man kann sich aber auch über vieles wundern. In meinem Viertel, dem ärmlicheren Tarlabasi, sieht man kaum Frauen auf der Straße. Sie lassen kleine Körbe von Fernstern und Balkonen herab, Ehemänner, Söhne und Nachbarn legen ihnen die Einkäufe hinein. Dann wird das Körbchen wieder hochgezogen. Dabei wohne ich nur wenige Meter von der Istiklal entfernt, eine der westlichsten und größten Einkaufsstraßen Istanbuls.
Das Tempo in meinem Sprachkurs war schon in der ersten Woche zügig, der Lehrer sprach ausschließlich Türkisch. In fünf Tagen peitschte er uns durch Präsensformen, Plural und eine gefühlte Milliarde Vokabeln. Mich erinnerte das stark an meine Schulzeit. "Benim adm Sarah. Senin adin ne?" - Ich heiße Sarah. Wie heißt du?
In Woche zwei bricht die Kolumbianerin in Tränen aus
Im Kurs saßen Rumänen, Portugiesen, Kolumbianer, Chinesen, Koreaner, Briten und Ukrainerinnen. Fehler machten alle, manche viele, manche wenige. Ich gehöre definitiv zu denen, die viele machten. Das Wort der ersten Woche war für mich: "elma" - Apfel. Trotz Sprachkurs verzweifelte ich am Türkisch der Marktverkäufer. Denn was bringt die Frage "Ne kadar?" (Wie viel kostet das?), wenn ich die mir hingeschleuderte Antwort nicht verstehe?
"Eve" bedeutet "zum Haus", "evde" heißt "im Haus" und "evden" "vom Haus weg". Wenn ich mich nicht gerade mit der verflixten türkischen Grammatik rumschlug, ging ich auf Entdeckungstour. Mit Kopftuch habe ich die Blaue Moschee besucht, bin Hunderte Kilometer durch verwinkelte Gassen gelaufen, habe Çay und Ayran in mich reingepumpt, mir mit Raki einen Kater geholt und türkisch Karaoke gesungen. Nur einmal wurde ich unangenehm angemacht, als ich in einem ärmlichen Viertel allein unterwegs war.
In der zweiten Kurswoche brach die Kolumbianerin in Tränen aus, weil der Lehrer ihre Aussprache des punktlosen i kritisiert hat. Als der Damm gebrochen war, sprudelte es aus ihr heraus: Die Sprache sei scheiße, die Türkei sei scheiße, alles sei fremd. Sie vermisse ihre Heimat, ihre Familie. Die Aussprache war dabei wohl wirklich nur das i-Tüpfelchen, das ihren Zusammenbruch auslöste.
Unser strenger Lehrer kannte solche Szenen offenbar. Er sah unbewegt zu und ließ dann einen Schwall Türkisch auf uns niedergehen. Ich glaube, er sagte so etwas wie: Es sei nicht sein Problem, er gebe diesen Kurs seit 20 Jahren. Wir dürften nicht aufgeben und müssten weiter üben, anders ginge es nicht.
Istanbul macht "arabesk"
Die Menschen in meinem Kurs haben sehr unterschiedliche Geschichten. Da ist Tanja aus der Ukraine, die gerne hochhackige Stiefel und Glanzleggings trägt. Sie hat eine türkischen Ehemann und wollte darum die Sprache lernen. Sebastian, ein fröhlicher Brite, stellte die unmöglichsten Grammatikfragen, die uns anderen immer bewusst machten, dass er schon tiefer in die Materie eingedrungen ist. Margarita aus Russland war immer still und sehr schön. Mejit, der einer türkischen Minderheit in China angehört, spricht ein Türkisch, das wie Chinesisch klingt, und er fand in vier Wochen nicht heraus, wie er sein Handy auf lautlos stellt. Fernando aus Portugal, auf Jobsuche in der Türkei, erzählte, er werde immer abgelehnt, weil er zu wenig Türkisch kann. Der Südkoreaner und die Rumänin schmissen den Kurs nach kurzer Zeit. Ich hielt durch und mein Wort der zweiten Woche lautete: "hapsirmak" - niesen. Ich merkte es mir, weil es auch nach Niesen klingt: "haa-pschirr-mak".
Auf der asiatischen Seite Istanbuls traf ich Deniz, eine neue türkische Freundin. Mein Türkisch umfasste nur wenige Floskeln und einen Berg Grammatik, also sprachen wir Englisch. Deniz sieht die Politik ihres Landes sehr kritisch, wie so viele Türken, die ich hier kennengelernt habe. Sie erzählte, dass protestierende Studenten im Gefängnis landen und Geschichtsbücher umgeschrieben werden.
Der Wandel stimme viele Leute "arabesk", sagt sie. Das ist eigentlich eine Bezeichnung für sentimentale Musik, die im heutigen Istanbul aber ein ganzes Lebensgefühl beschreibt: Das ist die nostalgische Schwermut der schnurrbärtigen Männer, die seufzend in ihre Teegläser starren und einer Welt nachtrauern, die es bald so nicht mehr gibt.
Nach vier Wochen Istanbul fühle auch ich mich "arabesk". Auf dem Markt verstehe ich zum ersten Mal den Verkäufer: "Baska?" Noch etwas? Ausgerechnet jetzt muss ich zurück nach Deutschland. Ich will wiederkommen. Vielleicht für Türkisch Level 2. Vielleicht auch einfach nur so.
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