Sprachkursus: Jiddisch lernen wie meschugge

Von , Tel Aviv

Bammel, Reibach, Macke, Zoff: Diese Wörter kommen aus dem Jiddischen. 120 Studenten aus aller Welt büffeln die alte Sprache gerade in einem Sommerkurs an der Uni Tel Aviv. Sie finden: Jiddisch ist ein wichtiges Forschungsinstrument - und keineswegs meschugge.

"Man schreibt es esoi" (man schreibt das so) und "du darfst zu Gast kummen" (du musst mich besuchen): An der Uni in Tel Aviv bimsen rund 120 Studenten aus einem Dutzend Länder vier Wochen lang Jiddisch - eine Sprache, die eigentlich tot ist. Doch für sie ist Jiddisch lebendig: ein Spiegelbild der ostjüdischen Kultur, die während des Holocaust weitgehend zerstört wurde.

Inzwischen aber wird das Vokabular aktualisiert und weiterentwickelt, um fit für die Neuzeit zu sein. So heißt zum Beispiel "E-Mail" auf Jiddisch "Blitzbrief", Popkonzerte sind eine "Singerei", und wer eine CD sucht, sagt auf Jiddisch "Ich will ein Kompaktl".

Damit erlebt die alte Wechselbeziehung zwischen dem Deutschen und dem Jiddischen eine Renaissance. Denn im Deutschen gibt es Hunderte von Wörtern mit jiddischen Wurzeln - von Bammel über Reibach bis Zoff. Auch "Schmiere stehen", "Pleite machen", "Knast", "meschugge", "mischpoche", "eine Macke haben" oder "Ganove" haben jiddischen Ursprung.

Wer Deutsch kann, hat es beim Jiddisch-Lernen leichter. Die Sprache der Ostjuden war im wesentlichen Deutsch. Als die Juden im 14. Jahrhundert aus Deutschland vertrieben wurden, hielten sie an ihrer damaligen Sprache, dem Deutschen, fest. Diese Kultur überlebte in Polen, in Litauen oder in der Ukraine bis zum Zweiten Weltkrieg, als auch die linguistische Verbindung zu Deutschland brutal gekappt wurde. Mit der Ermordung der europäischen Juden durch die Nazis starb auch das Jiddische aus. Heute wird die Sprache vor allem von älteren Juden in den USA, in Lateinamerika oder in Israel gesprochen.

In Israel lange Zeit als Ghettosprache verpönt

Außer Israelis kommen viele Teilnehmer des Jiddisch-Kurses aus Deutschland, Osteuropa oder den USA. Sprachwissenschaftler sind darunter, angehende Juristen, Historiker oder Lehrer. So sucht Philipp Schäfer, 24, "durch Jiddisch den linguistischen Zugang zur deutschen Sprache". Nach seinem Jura-Examen will der Berliner Jiddisch als normales Fach studieren. Und Kinga Czuchraj aus Polen promoviert über jiddische Kinderliteratur. Andere Teilnehmer lernen die Sprache aus ganz privaten Gründen - um etwa mit Familienangehörigen Jiddisch sprechen zu können.

Es gehe ihr darum, die reiche osteuropäische Kultur zu erhalten, sagt Hana Wirth-Nesher, Direktorin am Goldreich Family Institute for Yiddish Language, Literature, and Culture in Tel Aviv. Sie untersucht den jiddischen Einfluss auf das Schrifttum amerikanischer Juden. Den kulturellen Schatz vor dem Untergang zu bewahren, sei nicht nur ein jüdisches Anliegen. In vielen Disziplinen würde ohne die Sprache ein wichtiges Forschungsinstrument fehlen.

Wer zum Beispiel die Geschichte der Arbeiterbewegung in den USA studieren wolle, sollte eigentlich Jiddisch lesen können. Da die ersten US-Gewerkschaften von russischen Juden gegründet und organisiert wurden, verfassten die Genossen ihre Protokolle zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der alten Sprache. Auch für Recherchen über die Bürgerrechtsbewegung in den USA seien Jiddischkenntnisse nützlich, meint Wirth-Nesher. Einer der bedeutendsten Köpfe, der Martin Luther King in den sechziger Jahren unterstützte, war der jüdische Ethiker Abraham Heschel. Er schrieb einen bedeutenden Teil seiner Texte nicht auf Englisch, sondern auf Jiddisch. Um die Werke des in Chicago aufgewachsenen Literatur-Nobelpreisträgers Saul Bellow besser zu verstehen, sei es ebenso von Vorteil, wenn man dessen erste Sprache beherrsche: Jiddisch.

"Oj, morgn drukn mir eins zeitung weiniker"

In Osteuropa war Jiddisch nach dem Zweiten Weltkrieg verboten, in Israel lange Zeit als Ghettosprache verpönt. Doch jetzt ist das Interesse an der totgesagten Sprache neu erwacht. Dass der weltweit größte Jiddisch-Sommerkurs in Tel Aviv stattfinde, sei kein Zufall, meint Wirth-Nesher. Tel Aviv sei die erste säkulare jüdische Stadt in Israel, "und Jiddisch war schon immer das Nervenzentrum der laizistisch-jüdischen Kultur".

Wie viele Menschen heute noch Jiddisch sprechen, weiß niemand. Die einen sagen drei Millionen, andere schätzen die Zahl auf lediglich einige hunderttausend. Sicher ist allerdings, dass die meisten Juden, die sich der germanischen Sprache mit ihren hebräischen und slawischen Einflüssen bedienen, eher zu den älteren Semestern gehören oder ultra-orthodoxe Juden sind.

Umso erstaunlicher, dass das Durchschnittsalter der Eleven im Tel Aviver Sommerkurs bei rund 30 Jahren liegt. Sie widersprechen dem alten Witz über das Aussterben des Jiddischen: Als ein jüdischer Zeitungsverleger vom Fenster seiner Redaktionsstube aus beobachtet, wie die Gemeinde einem verstorbenen Juden die letzte Ehre erweist, sagt er seinem "Haver" (Freund): "Oj, morgn drukn mir eins zeitung weiniker."

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