Studenten-Mails an ihre Dozenten: Betreff: Argh!

Von Yasmin Ortega Quiñonez und Jonas Leppin

"Hallöchen Professor!" Wenn Studenten ihren Hochschullehrern E-Mails schreiben, geht es locker zu, manchmal zu locker. Der Sprachwissenschaftler Jan Seifert hat sich durch Hunderte studentischer Mails gekämpft und weiß, wie man die richtigen Worte findet - und wie leicht die falschen.

Eine E-Mail an den Prof: "Ich hoffe, Sie haben mich heute nicht zu sehr vermisst ;)" Zur Großansicht
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Eine E-Mail an den Prof: "Ich hoffe, Sie haben mich heute nicht zu sehr vermisst ;)"

Es geht eigentlich nur um eine E-Mail, kurz getippt, in wenigen Sekunden verschickt. Wer sich heute in der Universität für eine Prüfung anmeldet, ein Referat verschiebt oder eine Frage zum Seminar hat, der sendet an seinen Dozenten einen elektronischen Brief. Das führt allerdings erstaunlich oft zu Problemen.

Denn häufig ist den Absendern nicht klar, dass ihre E-Mail, hastig aus der WG geschickt, ein offizielles Schreiben ist und deshalb weder ungelenk noch unhöflich klingen sollte.

Viele Studenten beherrschen noch immer nicht die fehlerfreie virtuelle Kommunikation. Ein Dozent berichtet etwa von einer 3500 Zeichen langen Mail, in der eine Studentin sich über ihren verflossenen Ex-Freund auslässt (der Abgabetermin der Hausarbeit sollte verschoben werden). Oder von einem Studenten der Kulturwissenschaften, der ein Hausarbeitsthema sucht und die Bemerkung "bitte nicht mit Gesellschaftskram" einfügt.

Ein Jura-Professor der Uni Gießen weist auf seiner Homepage mittlerweile explizit darauf hin, E-Mails, "bei denen die Form nicht gewahrt ist", unbeantwortet zu lassen. "Ich habe keine gesteigerten Formalitätsanforderungen, aber es gibt einfach Grenzüberschreitungen", sagte er der "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung".

Auch Jan Seifert von der Uni Bonn hat Hunderte Studenten-Mails gelesen. Für einen Zeitschriftenaufsatz hat der Sprachwissenschaftler sie analysiert und festgestellt, dass dabei furchtbar viel verkehrt laufen kann: ein falscher Betreff, eine verwirrende Anrede, unnötige Füllwörter oder die ganzen Uni-Kumpels im CC. Der UniSPIEGEL hat Kontakt aufgenommen, natürlich per E-Mail:

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Von: Jonas_Leppin@spiegel.de, An: Jan.seifert@uni-bonn.de
Datum: 27.11.2012, 16:05, Betreff: Nähe und Distanz

Sehr geehrter Herr Seifert

ich würde Ihnen gerne ein paar Fragen zu Ihrem Fachartikel "Nähe und Distanz in studentischen E-Mails" stellen. Hätten Sie Lust und Zeit? Bitte geben Sie mir doch kurz Bescheid, ob Sie sich das vorstellen können.

Mit freundlichen Grüßen
Jonas Leppin

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Von: Jan.seifert@uni-bonn.de; An: Jonas_Leppin@spiegel.de,
Datum: 27.11.2012, 16:12, Betreff: Re: Nähe und Distanz

Sehr geehrter Herr Leppin,

momentan bin ich etwas in Eile, daher nur ganz kurz: Ja, ich kann mir das gut vorstellen. Stellen Sie nur Ihre Fragen, ich antworte dann abends, wenn mehr Zeit ist.

Mit besten Grüßen
Jan Seifert

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Von: Jonas_Leppin@spiegel.de, An: Jan.seifert@uni-bonn.de
Datum: 27.11.2012, 16:54, Betreff: Re: Nähe und Distanz

Sehr geehrter Herr Seifert,

vielen Dank! Habe ich in der ersten E-Mail denn schon einen Fehler gemacht? War die Anrede korrekt? Sie sind Dr. phil. und arbeiten am Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft an der Universität Bonn. Das hatte ich unterschlagen.

Mich würde zunächst interessieren, was Ihnen bei der Durchsicht von ca. 500 Studenten-E-Mails für Ihren Aufsatz aufgefallen ist. Kurz: Was ist das größte Problem der Studenten bei Mails an den Dozenten?

Herzliche Grüße
Jonas Leppin

"Ich stand gerade im Wald"

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Von: Jan.seifert@uni-bonn.de; An: Jonas_Leppin@spiegel.de,
Datum: 27.11.2012, 22:40, Betreff: Re: Nähe und Distanz

Sehr geehrter Herr Leppin,

wenn Sie auf die Nennung akademischer Grade in Anreden anspielen: Im akademischen Alltag ist das mittlerweile weniger üblich und wird häufig als devot empfunden. Wenn man den Adressaten nicht kennt, ist natürlich der Gebrauch von Standardformeln anzuraten, damit macht man nichts falsch.

Um auf Ihre Anrede zurückzukommen: Es fehlt ein Satzzeichen (Komma oder - etwas altmodisch - Ausrufezeichen), das könnten manche Leser durchaus als Ausdruck mangelnder Sorgfalt interpretieren.

Ein großer Teil der untersuchten Texte ist, das muss wirklich gesagt werden, schlicht unauffällig gewesen. Völlig misslungene, grob unangemessen formulierte E-Mails haben zwar einen gewissen Unterhaltungswert, bilden aber die Ausnahme. In vielen Mails habe ich aber Hinweise darauf gefunden, dass die Verfasser gewisse Probleme damit haben, situationsadäquat zu formulieren: Das betrifft die Anrede- und Grußformeln, den Gebrauch gesprochensprachlicher Elemente und die Erwähnung intimer Details bei Entschuldigungen ("starke Menstruationsbeschwerden").

Besonders der Bereich der Anrede- und Grußformeln ist davon betroffen: Ist beispielsweise "Hallo Herr xy" akzeptabel oder nicht? Eine allgemein gültige Antwort lässt sich nicht geben; manche - tendenziell jüngere - Adressaten halten die Formel durchaus für angemessen, andere lehnen sie als zu flapsig ab. Es spielen diverse Faktoren eine Rolle - nicht zuletzt der jeweilige Status, Grad der Bekanntschaft und persönliche Sympathie.

Um es kurz und abstrakt zu formulieren: Das größte Problem ist sicherlich die Einschätzung der jeweiligen Kommunikationssituation und die Wahl der situationsadäquaten sprachlichen Mittel.

Mit besten Grüßen
Jan Seifert

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Von: Jonas_Leppin@spiegel.de, An: Jan.seifert@uni-bonn.de
Datum: 28.11.2012, 19:05, Betreff: Re: Nähe und Distanz

Sehr geehrter Herr Seifert,

sollte man beim Schreiben einer Mail eigentlich auch auf die Uhrzeiten achten? Jetzt ist es 19:05 Uhr und vielleicht haben Sie schon Feierabend.

Ich habe allerdings noch zwei Fragen:
+ Wo können Studenten heute eigentlich lernen, welche Formulierung und welcher Ton in einer Mail angemessen ist?
+ Und glauben Sie manchmal, dass die "situationsadäquaten sprachlichen Mittel" bei manchen Studenten einfach nicht mehr vorhanden sind?

Mit freundlichen Grüßen
Jonas Leppin

P.S.: Wir benötigen übrigens noch ein Foto von Ihnen.
P.P.S.: Schreibt man heute überhaupt noch P.S.?

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Von: Jan.seifert@uni-bonn.de; An: Jonas_Leppin@spiegel.de,
Datum: 28.11.2012, 22:48, Betreff: Re: Nähe und Distanz

Sehr geehrter Herr Leppin,

die Uhrzeit selbst spielt keine Rolle - schließlich bestimmt der Empfänger selbst, wann er seine Mails liest. Ein anderer Aspekt ist aber von Bedeutung: Viele Studierende wählen für die Anrede tageszeitbezogene Formeln. Wenn man nun um 22 Uhr eine Mail mit der Anrede "Guten Abend, Frau xy" schreibt, kommt darin eine Erwartungshaltung zum Ausdruck, die Adressatin werde die Mail noch am Abend lesen - das dürfte nicht unbedingt goutiert werden.

Zu Ihren Fragen: Eigentlich wird die Verwendung der Sprache in verschiedenen Situationen bereits in der Schule trainiert. Wer eine gewisse Schreibroutine und Lektüreerfahrung hat, dürfte auch in der Lage sein, die jeweils passenden Register zu wählen. Allerdings haben Studienanfänger in der Regel nur wenige Erfahrungen in offiziellen Kommunikationssituationen.

Übrigens gibt es auch eine ganze Reihe sprachlicher Ratgeber, die Hilfe versprechen - mit Titeln wie "E-Mail-Knigge", "Deutsch-Knigge" usw. Hier sollte man aber vorsichtig sein - ich habe festgestellt, dass die Empfehlungen z.T. eher idiosynkratische Vorlieben der Verfasser widerspiegeln und dass es z.T. in demselben Werk unterschiedliche Auffassungen zu einzelnen Aspekten gibt.

Ich kann nicht beurteilen, ob die Situation früher besser war - der Topos vom Sittenverfall und vom Verlust der sprachlichen Fähigkeiten bei der jungen Generation ist ja uralt, da bin ich vorsichtig. Gleichwohl gibt es gewisse Defizite, das lässt sich nicht leugnen - das betrifft übrigens nicht nur E-Mails, sondern auch Textsorten des akademischen Alltags wie Hausarbeiten. Hier besteht wirklich Handlungsbedarf.

Mit besten Grüßen
Jan Seifert

P.S: Ich schreibe zumindest noch P.S.! Auch wenn es technisch ja eigentlich nicht mehr nötig ist, bietet sich so doch die Möglichkeit, eine Ergänzung vorzunehmen, ohne den bereits geschriebenen Text ändern zu müssen.

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Von: Jonas_Leppin@spiegel.de, An: Jan.seifert@uni-bonn.de Datum: 30.11.2012, 12:05, Betreff: Re: Nähe und Distanz

Sehr geehrter Herr Seifert,

vielen Dank für Ihre Einblicke. Aber was meinen Sie mit "eher idiosynkratische Vorlieben"? Ist es überhaupt ratsam, den Dozenten auf Wörter und Sätze hinzuweisen, die man nicht versteht?

Viele Grüße

Jonas Leppin

P.S.: Sind Sie damit einverstanden, wenn wir dieses Gespräch veröffentlichen und dabei auch Ihre Mail-Adresse nennen? Sie könnten daraufhin Hunderte von weiteren Mails bekommen. Ich bin mir nicht sicher, ob Sie das verkraften.

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Von: Jan.seifert@uni-bonn.de; An: Jonas_Leppin@spiegel.de, Datum: 30.11.2012, 12:44, Betreff: Re: Nähe und Distanz

Sehr geehrter Herr Leppin,

Ich setze auf die Selbständigkeit der Studierenden - sollten sie einen Fachausdruck nicht kennen, können sie sich in geeigneten Nachschlagewerken informieren. Mit "idiosynkratische Vorlieben" meinte ich die spezifischen oder eigentümliche Schreibweisen bzw. Normvorstellungen der Knigge-Autoren. Es spricht natürlich nichts dagegen, bei missverständlichen oder unklaren Antworten nachzufragen.

Beste Grüße
Jan Seifert

P.S.: Der E-Mail-Server hat jedenfalls genügend Kapazität - und gegen eine Erweiterung meines Korpus für künftige Untersuchungen habe ich nichts einzuwenden.

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insgesamt 101 Beiträge
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1. ...
raly 04.12.2012
Zitat von sysop"die Uhrzeit selbst spielt keine Rolle - schließlich bestimmt der Empfänger selbst, wann er seine Mails liest. Ein anderer Aspekt ist aber von Bedeutung: Viele Studierende wählen für die Anrede tageszeitbezogene Formeln. Wenn man nun um 22 Uhr eine Mail mit der Anrede "Guten Abend, Frau xy" schreibt, kommt darin eine Erwartungshaltung zum Ausdruck, die Adressatin werde die Mail noch am Abend lesen - das dürfte nicht unbedingt goutiert werden. Sprachwissenschaftler Seifert wertet E-Mails von Studenten aus - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/sprachwissenschaftler-seifert-wertet-e-mails-von-studenten-aus-a-870038.html)
na, aber nun uebertreiben sie aber ein klein wenig. Ich glaube, ich kenne keine Person auf der Welt, die sich tatsächlich GENÖTIGT fuehlt noch am selben Abend die e-mail zu lesen oder zu beantworten - es waere ja auch gar nicht so schlecht, wenn sie dies auch wirklich taete.
2. Schön gewählte Art des Interviews
m_o_c 04.12.2012
Passend zum Thema finde ich die Art und Weise des Interviews und dessen "Druck" sehr schön gemacht. Eine kurze Bemerkung zum Thema: Die Wahl der richtigen Anrede- und Grußformen ist meiner Meinung nach nicht nur bei bei Kommunikation zwischen Dozenten und Studenten immer eine schwierige Frage, sondern auch in anderen Situationen des Alltags. Die sehr formalen Formen der Anrede im Deutschen rufen im englischsprachigen Raum eher Verwunderung aus. Meine Erfahrung war, dass je mehr Einfluss aus diesen Gebieten vorhanden ist, sei es durch Auslandssemester oder andere Arten von Korrespondenzen, desto direkter direkter und einfacher die Anrede. Im Deutschen wird die Formulierung sehr stark dazu benutzt um Respekt auszudrücken (wie es sich ebenso bei der Du und Sie verhält). Ich denke jedoch, solange ein gleiches Verständnis von Respekt herrscht und es von beiden Kommunikationspartnern verstanden wird, dass dies eben nicht an der Grußformel oder Anrede festzumachen ist, spielt diese eine geringe Rolle. Aber natürlich sollte man auf allzu flapsige Anreden, wie "Hallöchen", verzichten. Beste Grüße
3. Nach der Grußformel folgt kein Komma!
spon-facebook-1429813595 04.12.2012
http://www.neue-rechtschreibung.net/2009/05/22/kein-komma-nach-grusformel/
4. Das Leben ist schwer.
matt1981bav 04.12.2012
Wo können Studenten lernen wie man den Dozenten anspricht? Das ist ja mal eine richtig schwierige Frage. Wie man Erwachsene anspricht lernt man von seinen Eltern als Kind. Allmählich merkt man was rauskommt wenn man auch der bildungs- und anstandsfernen Unterschicht ein Abitur umhängt und jeden Deppen an die Uni lässt. Und für solch einen tollen Artikel braucht SPON gleich zwei Redakteure, oder ist das eine Gruppenarbeit von zwei unbezahlten Praktikanten?
5. Also
disi123 04.12.2012
ich schreibe immer zu Anfang eine nette E-Mail mit allen Titeln in der Anrede und frage hoeflich nach. In der Regel bleibt es dann beim Vornamen und 'You' sowieso. Was mir total fremd vorkommt ist das 'Sehr geehrter Herr XXX' in jedem Reply. Eine komplette Anrede schreibe ich in der ersten E-Mail, in meinem nachfolgendem Reply lasse ich die Anrede komplett weg, gegeben ich habe den E-Mail Thread als Quote in der E-Mail. Das produziert nur Passagen, immer wieder die Anrede traegt dann doch eher zur Unuebersichtlichkeit bei?
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Zur Person
  • Jan Seifert, Jahrgang 1970, ist promovierter Sprachwissenschaftler und arbeitet seit 2004 am Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft der Universität Bonn. Sein Spezialgebiet ist die Grammatik der deutschen Gegenwartssprache. Ab und zu schreibt er privat sogar noch handschriftliche Briefe.

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