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Stadtarchiv Köln: Wie Studenten ein Stück Geschichte retten helfen

Von Henning Hübert

Als im März das Kölner Stadtarchiv einstürzte, versanken Tonnen wertvoller Papiere im Schutt. Seitdem versuchen viele ehrenamtliche Helfer, Dokumente zu bergen, zu trocknen und zu sortieren. Manche der Studenten und Doktoranden kämpfen auch um die eigene Abschlussarbeit.

Jeden Morgen und zum Schichtwechsel am Nachmittag bringt der Shuttlebus die Helfer zu einem Erstversorgungszentrum am südöstlichen Stadtrand Kölns. Dort schaufeln sie sich durch die feuchten, sandigen Überreste des Historischen Archivs der Stadt Köln und suchen nach Akten und wertvollen Dokumente, die beim Unglück Anfang März in einem großen Krater verschwanden.

Der U-Bahnbau in Köln hatte eine Katastrophe ausgelöst; das Gebäude des Archivs und zwei angrenzende Wohnhäuser wurden völlig zerstört. Zu den freiwilligen Helfern gehört auch die Bonner Doktorandin Carola Geiecke, 28.

Wie sie sind viele der Ehrenamtlichen in der Halle fertige oder angehende Kunsthistoriker. Neben der guten Tat geht es aber für Carola Geiecke auch persönlich um viel: Ihre Doktorarbeit trägt den Titel "Zwei spätmittelalterliche Skulpturengruppen im Kölner Dom". Mit all den alten Backsteinen sind bei der Kölner Katastrophe auch Dokumente in der Tiefe verschwunden, die sie für ihre Doktorarbeit dringend braucht. "Das ist eine zusätzliche Motivation, wenn man am eigenen Leibe erfährt, wie es ist, wenn wichtige Materialien einfach nicht mehr da sind."

Arbeiten mit Schutzanzug und Atemmaske

Schon seit Wochen stehen die Helfer früh am Morgen auf und fahren mit den Bussen zur Halle in Köln-Porz hinaus, um eigenhändig ein Stück europäischer Geschichte zu retten. Geiecke wirbt auch unter ihren Kommilitonen für den ungewöhnlichen Einsatz neben dem Studium, damit die Zahl der helfenden Hände weiter wächst. Von der Universität Bonn waren schon rund 150 Freiwillige im Einsatz.

"Natürlich geht dabei Zeit drauf", sagt Geiecke, aber die sei sinnvoll eingesetzt. "Wir leisten für die künftige Forschung einen wichtigen Beitrag und wollen, dass das Archiv wieder möglichst schnell für Forscher und Studenten zugänglich wird."

Geieckes Freundin Julia Klemeit steckt komplett in einem weißen Schutzanzug und verpackt aufbereitete Akten in Spezialkartons aus säurefreier Pappe. Die Promotionsstudentin trägt eine Atemmaske, denn die Luft in der Halle ist stickig von Hitze und Staub. Immer mehr Dokumente, die die Helfer aus dem Dreck fischen, sind von Schimmel befallen.

Vor dem Verpacken werden die Papiere in vier Warmluftkammern getrocknet. Entsprechend warm ist es in der Halle, in ihren Schutzanzügen kommen die Helfer ins Schwitzen. "Das ist richtig anstrengend, auch weil wir immer wieder die Wagen mit den Archivalien herumschieben und Kisten stapeln", so Julia Klemeit.

Immerhin bleibt den beiden an der Packstation die psychische Belastung der Sucher erspart, die sich ein Stockwerk tiefer durch den frisch angelieferten Schutt arbeiten. "Hier, am Ende der Aufbereitungskette, werden wir nicht mehr mit persönlichen Gegenständen konfrontiert", sagt Klemeit. Zwei junge Männer, die in einem an das Archiv angrenzenden Haus gewohnt hatten, starben bei der Katastrophe. Einige Ehrenamtliche zogen hier in Köln-Porz schon deren private Dinge, etwa Fotoalben, aus dem feuchten Sand.

Helfer von der Uni werden dringend gebraucht

2000 Helfer haben sich bislang gemeldet - aber die Kölner Archivare könnten noch mehr Hilfe gebrauchen. Die Bergungs- und Sichtungsarbeiten werden noch Monate dauern. Vom kunsthistorischen Fach, wie die beiden Studentinnen, müssten die Helfer gar nicht sein, sagt Archivar Max Plassmann. "Sie müssen einen gewissen Enthusiasmus mitbringen, bestimmte Vorkenntnisse brauchen sie nicht."

Was die Helfer wissen müssen, könne man ihnen vor Ort schnell beibringen. Zunächst muss das Material so schnell wie möglich grob gereinigt, getrocknet und verpackt werden. Erst in einem halben Jahr werden Plassmann und seine Kollegen damit beginnen können, die Akten und Dokumente archivarisch neu zu ordnen und zu restaurieren.

Historisches Archiv der Stadt Köln
Geschichte
Die Anfänge des Archivs reichen in das frühe 12. Jahrhundert zurück. Die für die Stadt wichtigen Schriftstücke hatten 1322 noch Platz in einer Kiste im Hause eines Patriziers , wuchsen aber zeitgleich mit Kölns Entwicklung zur freien Reichsstadt rasch an. Als der Rat 1406 den Bau des Rathausturms beschloss, gehörte zum Bauprogramm auch ein Archivgewölbe. Damals wurde das erste, noch heute erhaltene Archivinventar angelegt.
Den Zweiten Weltkrieg hatten die ausgelagerten Archivbestände ohne Verluste überstanden. Dagegen sind die damals noch in den städtischen Dienstgebäuden lagernden Akten aus der Zeit der Weimarer Republik seit etwa 1927 und der NS-Zeit während des Krieges weitgehend vernichtet worden.
Das Haus beherbergt zahlreiche Schätze der Kultur-, Kirchen- und Verwaltungsgeschichte. Zum Bestand gehören Herrscherurkunden und zahlreiche kostbare Handschriften . Köln ist nach Angaben von Historikern auch eines der wichtigsten Archive der deutschen Hanse , weil 1593/94 auf Beschluss des Hansetages die Urkunden und Akten des seinerzeit größten Kontors , das in Antwerpen lag, in die sicheren Mauern Kölns gebracht wurden.
dpa
Bestände
Das Archiv umfasst Dokumente aus über tausend Jahren Kölner, rheinischer und preußischer Geschichte . Mit der Ernennung Leonard Ennens zum ersten Kölner Stadtarchivar 1857 wurde der Ausbau des Archivs wesentlich auf den Weg gebracht. Mehr als 65.000 Urkunden aus dem Raum Köln ab dem Jahr 922, 104.000 Karten und Pläne, 50.000 Plakate und rund eine halbe Million Fotos. Zudem sind dort 780 Nachlässe und Sammlungen, unter anderem von Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll gelagert worden.
dpa

Geld verdienen die Helfer nicht, doch wer von weit her anreist, dem zahlt die Stadt Köln Unterkunft und Verpflegung. Unter den rund 40 Helfern sind an diesem Tag auch Studenten aus Österreich, Belgien und den Niederlanden. Die meisten kommen aber aus den Unistädten Köln und Bonn.

Katharina Corsepius sorgt dafür, dass dieser Strom nicht abreißt. Die Dozentin für Kunstgeschichte an der Uni Bonn schätzt, dass erst zehn Prozent der verschütteten und teils durchnässten Akten gerettet werden konnten. "Es ist wirklich ganz schön, dass die Rekrutierung neuer Helfer bisher so gut nach dem Schneeballsystem funktioniert", sagt Corsepius. Sie werde auch weiter für Helfer aus der Uni trommeln.

Direkt neben Corsepius wird gerade ein Lkw beladen. Er bringt die geretteten historischen Dokumente in dieser Woche in die Regale freier Lagerräume bei der Friedrich-Ebert-Stiftung. In etwa einer Woche steuern die Laster mit den Fundstücken dann wieder das Staatsarchiv Münster. Fertig sind die Retter des historischen Archivs noch lange nicht.

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Studentenjob: Schatzsuche im Schutt des Stadtarchivs