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17. Januar 2013, 15:42 Uhr

Agenda 2020 für Bildung

Wirtschaft macht den Hochschulen Dampf

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Mehr Zuwanderer, mehr Arbeiterkinder, mehr Wirtschaftsnähe: Stifterverband und McKinsey drängen auf Hochschulreformen und sinkende Abbrecherquoten. Ihre Studie lobt zwar die Vielfalt in der Schülerschaft - doch die Lehrerzimmer seien "zu weiblich und zu deutsch".

Wenn man in Wirtschaft und Politik etwas durchsetzen oder seiner eigenen Ansicht mehr Gewicht verleihen will, hilft eines ziemlich sicher: Beauftrage eine namhafte Unternehmensberatung, lasse ein Gutachten erstellen, bringe es unter die Leute! Selbst banalste Berechnungen wirken eindrucksvoller, wenn das Logo von McKinsey oder Roland Berger darüber steht.

Jetzt hat der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft einen "Hochschulbildungsreport" veröffentlicht (hier als pdf), der den Reformdruck auf Bildungspolitik und Hochschulen erhöhen soll. Der Verband ist einer der wichtigsten Geldgeber der Wissenschaft: Er sammelt bei Konzernen, Firmen und Einzelspendern Millionen ein und finanziert damit zum Beispiel Stiftungsprofessuren, schreibt Preise aus, fördert Institute und Forschungsprojekte.

Der neue Bericht ist ein bildungspolitischer Rundumschlag mit den Mitteln der Unternehmensberatung; erstellt hat ihn McKinsey. Die Studie stellt nicht nur fest, was aus Sicht der Unternehmen schiefläuft im Bildungssystem, sondern formuliert "messbare" Ziele für das laufende Jahrzehnt, will klare Empfehlungen geben und soll von nun an jedes Jahr mit neuen Schwerpunkten erscheinen. Darin, so sagt McKinsey-Direktor Jürgen Schröder, unterscheide sich das Papier von all den anderen Bildungsberichten und Studien. Mit ein bisschen gutem Willen lässt es sich als Agenda 2020 für die Hochschulen bezeichnen, allerdings ist es nicht abgestimmt mit den Bildungspolitikern in Bund und Ländern.

Was soll sich ändern an den Hochschulen?

Auf sechs Themen haben sich die Studienautoren konzentriert - und sie stellen dem deutschen Hochschulwesen in weiten Teilen ein schlechtes Zeugnis aus. Sie kritisieren...

Problematisch an dem Konvolut ist teilweise die Datenlage. Zwar berufen sich die Studienautoren auf 70 Indikatoren wie den Anteil männlicher Studenten in Lehramtstudiengängen, der sich relativ einfach messen lässt. Aber schon beim Studienerfolg von Zuwanderer-Kindern mit deutschem Pass wird es schwer, weil Hochschulen meist nicht die familiäre Herkunft eines Studenten erfassen.

Es bleibt zudem die Frage: Wie soll all das bezahlt werden? Stifterverband und McKinsey meinen, dass es vor allem die Bereitschaft zum Wandel brauche. "Es braucht nicht unbedingt mehr Geld", so Andreas Schlüter, Generalsekretär des Verbands. Fraglich, ob das Hochschulrektoren und Bildungspolitiker genauso sehen. Viele der einzelnen Punkte hatten andere Studien und Experten bereits gezeigt und angeregt. Doch vielleicht bekommen die Forderungen eine andere Wucht, wenn sie der Stifterverband und damit viele große Unternehmer erheben. Und außerdem steht ja jetzt das Logo einer Unternehmensberatung über den Empfehlungen.

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