Agenda 2020 für Bildung: Wirtschaft macht den Hochschulen Dampf

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Studenten im Hörsaal: Braucht Deutschland mehr Akademiker?

Mehr Zuwanderer, mehr Arbeiterkinder, mehr Wirtschaftsnähe: Stifterverband und McKinsey drängen auf Hochschulreformen und sinkende Abbrecherquoten. Ihre Studie lobt zwar die Vielfalt in der Schülerschaft - doch die Lehrerzimmer seien "zu weiblich und zu deutsch".

Wenn man in Wirtschaft und Politik etwas durchsetzen oder seiner eigenen Ansicht mehr Gewicht verleihen will, hilft eines ziemlich sicher: Beauftrage eine namhafte Unternehmensberatung, lasse ein Gutachten erstellen, bringe es unter die Leute! Selbst banalste Berechnungen wirken eindrucksvoller, wenn das Logo von McKinsey oder Roland Berger darüber steht.

Jetzt hat der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft einen "Hochschulbildungsreport" veröffentlicht (hier als pdf), der den Reformdruck auf Bildungspolitik und Hochschulen erhöhen soll. Der Verband ist einer der wichtigsten Geldgeber der Wissenschaft: Er sammelt bei Konzernen, Firmen und Einzelspendern Millionen ein und finanziert damit zum Beispiel Stiftungsprofessuren, schreibt Preise aus, fördert Institute und Forschungsprojekte.

Der neue Bericht ist ein bildungspolitischer Rundumschlag mit den Mitteln der Unternehmensberatung; erstellt hat ihn McKinsey. Die Studie stellt nicht nur fest, was aus Sicht der Unternehmen schiefläuft im Bildungssystem, sondern formuliert "messbare" Ziele für das laufende Jahrzehnt, will klare Empfehlungen geben und soll von nun an jedes Jahr mit neuen Schwerpunkten erscheinen. Darin, so sagt McKinsey-Direktor Jürgen Schröder, unterscheide sich das Papier von all den anderen Bildungsberichten und Studien. Mit ein bisschen gutem Willen lässt es sich als Agenda 2020 für die Hochschulen bezeichnen, allerdings ist es nicht abgestimmt mit den Bildungspolitikern in Bund und Ländern.

Was soll sich ändern an den Hochschulen?

Auf sechs Themen haben sich die Studienautoren konzentriert - und sie stellen dem deutschen Hochschulwesen in weiten Teilen ein schlechtes Zeugnis aus. Sie kritisieren...

  • ...die Ungerechtigkeit des Bildungssystems. Sie beginnt schon in der Schule und setzt sich demnach an den Hochschulen fort: Kinder von Zuwanderern und aus Nichtakademikerfamilien schließen deutlich seltener ein Studium ab, zum Teil wegen mangelnder Sprachkenntnisse. Deshalb müsse der Übergang von Schulen zu Hochschulen verbessert werden, in "Schnupperkursen" und "Einstiegsakademien" sollen Studienanfänger besser auf das Studium vorbereitet werden - eine Ergänzung der Oberstufe. Zudem sollen sich Hochschulen in Großstädten zu "Intergrationshochschulen" wandeln, die sich gezielt um Zuwanderer und andere Gruppen kümmern, die seltener studieren.
  • ..., wie wenig Hochschulen sich um berufliche Bildung kümmern. Deshalb sollen sie aus Sicht des Stifterverbands mehr duale Studiengänge anbieten, so dass man neben der Ausbildung oder dem Beruf studieren kann.
  • ..., dass die Umsetzung der Bologna-Reform in Deutschland zu mehr Praxisferne geführt habe. Denn in vielen Bachelor-Studiengängen sind laut Studie die Zeitpläne so straff, dass Praktika nicht mehr vorgesehen sind. So ging der Anteil der Studiengänge mit Pflichtpraktika in den vergangenen fünf Jahren von knapp zehn auf knapp sieben Prozent zurück.
  • ...mangelnde Weiterbildungsangebote an den Hochschulen. Es müsse flexiblere Studiengänge geben und mehr Online-Angebote. Auch müssten etwa Altersschranken beim Bafög fallen, damit auch ältere Menschen studieren können.
  • ..., dass zu viele ausländische Studenten Deutschland nach dem Abschluss wieder verlassen - wenn sie überhaupt so weit kommen. Denn die Abbruchquote ist mit 50 Prozent doppelt so hoch wie bei deutschen Studenten. Nicht nur die Hochschulen, auch die Unternehmen sollen laut Bericht die ausländischen Studenten intensiver betreuen.
  • ...den Zustand der Lehrerausbildung und die Gleichförmigkeit in den Lehrerzimmern. Die Pädagogen in Deutschland seien im Schnitt "zu weiblich und zu deutsch", so McKinsey-Mann Schröder. Gut 70 Prozent der Lehrer sind laut der Studie Frauen, nur zwei Prozent stammen aus dem Ausland. Nur die Schüler würden für Vielfalt sorgen. Deshalb müsse der Quereinstieg in den Lehrerberuf erleichtert werden, und vor allem Grundschullehrer müssten mehr verdienen.
  • ..., dass es zu wenige Absolventen in den technischen und naturwissenschaftlichen Fächern gib, vor allem zu wenig Frauen. Deshalb sollten Hochschulen oder Institute belohnt werden, wenn sie die Absolventenquoten in Mathe, Informatik, Naturwissenschaften und Technik erhöhen.

Problematisch an dem Konvolut ist teilweise die Datenlage. Zwar berufen sich die Studienautoren auf 70 Indikatoren wie den Anteil männlicher Studenten in Lehramtstudiengängen, der sich relativ einfach messen lässt. Aber schon beim Studienerfolg von Zuwanderer-Kindern mit deutschem Pass wird es schwer, weil Hochschulen meist nicht die familiäre Herkunft eines Studenten erfassen.

Es bleibt zudem die Frage: Wie soll all das bezahlt werden? Stifterverband und McKinsey meinen, dass es vor allem die Bereitschaft zum Wandel brauche. "Es braucht nicht unbedingt mehr Geld", so Andreas Schlüter, Generalsekretär des Verbands. Fraglich, ob das Hochschulrektoren und Bildungspolitiker genauso sehen. Viele der einzelnen Punkte hatten andere Studien und Experten bereits gezeigt und angeregt. Doch vielleicht bekommen die Forderungen eine andere Wucht, wenn sie der Stifterverband und damit viele große Unternehmer erheben. Und außerdem steht ja jetzt das Logo einer Unternehmensberatung über den Empfehlungen.

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insgesamt 33 Beiträge
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1. optional
gruenertee 17.01.2013
"..., dass es zu wenige Absolventen in den technischen und naturwissenschaftlichen Fächern gib, vor allem zu wenig Frauen." Auf Deutsch: Wir brauchen mehr MINT Absolvent damit wir die Löhne ordentlich drücken können.
2. Dann wird die Schar der Billischjobber noch größer.
si tacuisses 17.01.2013
Zitat von sysopMehr Zuwanderer, mehr Arbeiterkinder, mehr Wirtschaftsnähe: Stifterverband und McKinsey drängen auf Hochschulreformen und sinkende Abbrecherquoten. Ihre Studie lobt zwar die Vielfalt in der Schülerschaft - doch die Lehrerzimmer seien "zu weiblich und zu deutsch". Stifterverband stellt Hochschulbildungsreport 2020 vor - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/stifterverband-stellt-hochschulbildungsreport-2020-vor-a-878094.html)
Die Wirtschaft weiss was sie tut. Oft aber die Wirte nicht.
3. Die Macht der Unternehmensberatung?
CaptainSpock 17.01.2013
Das sind doch alles altbekannte Probleme, die schon seit Jahren durch die Medien gehen und immer wieder thematisiert werden. Und nun wo das Logo einer Unternehmensberatung drauf steht soll sich alles schlagartig zum besseren ändern? Da bin ich mal gespannt....denn ich denke, dass sich die Gesellschaft davon nicht unbedingt berührt zeigt und nun mehr Männer Lehrer werden und mehr Frauen Mathe studieren.
4.
matonaleh 17.01.2013
Zitat von sysopMehr Zuwanderer, mehr Arbeiterkinder, mehr Wirtschaftsnähe: Stifterverband und McKinsey drängen auf Hochschulreformen und sinkende Abbrecherquoten. Ihre Studie lobt zwar die Vielfalt in der Schülerschaft - doch die Lehrerzimmer seien "zu weiblich und zu deutsch". Stifterverband stellt Hochschulbildungsreport 2020 vor - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/stifterverband-stellt-hochschulbildungsreport-2020-vor-a-878094.html)
"Und außerdem steht ja jetzt das Logo einer Unternehmensberatung über den Empfehlungen." - meine Rede. Diese idiotische Verpackungsgläubigkeit wird dann eben die Bildung zu Grabe tragen.
5. Ganz viel Vorsicht bitte!!
zweiundvierzig 17.01.2013
Was wir brauchen, sind Hochschulen, die wieder das Denken lehren und nicht wirtschaftsnahe Ausbildungsstätten für Kapitalistenfußvolk, die gebetsmühlenartig die vollkommen beschränkten Erkenntnisse der Betriebswirtschaftslehren eingebläut bekommen. Die Hochschulen müssen sich dringend wieder von den Unternehmen distanzieren und wesentlich mehr auf die Unabhängigkeit ihrer Lehre Acht geben. Die Gesellschafts- und Geisteswissenschaften, die Kunst und Philosophie dürfen dieser Unternehmerpropaganda nicht zum Opfer fallen. Was wir brauchen, sind Menschen, denen gelehrt wird, die sozio-ökonomischen Verhältnisse zu durchschauen, um mit diesen Erkenntnissen sinnvolle Entscheidungen zu treffen und andere Menschen aufzuklären, und nicht nur, in diesen Verhältnissen auf beschrenktestem Raum zu agieren. Die meisten Menschen haben schlicht das Denken verlernt.
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