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Streit über den Bachelor: "Im Bologna-Zug sitzen wir hinten"

Ist die Studienreform noch zu retten? Der Mannheimer Wirtschaftspädagoge Hermann G. Ebner fordert mehr Freiheit für die Hochschulen. Im UniSPIEGEL-Interview plädiert er dafür, die neuen Studiengänge intelligenter zu gestalten - und dem Bachelor Leben einzuhauchen.

Studentenproteste in Bonn: "Entschuldigen Sie, aber das ist eine sehr deutsche Diskussion" Zur Großansicht
dpa

Studentenproteste in Bonn: "Entschuldigen Sie, aber das ist eine sehr deutsche Diskussion"

UniSPIEGEL: An vielen Unis gibt es massive Proteste gegen die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge. Ist die Regelstudienzeit von sechs Semestern bis zum Bachelor zu kurz?

Hermann G. Ebner: Es gibt mit Sicherheit Studiengänge, die mit sechs Semestern keine vernünftige Ausbildung zustande bringen. In Mannheim haben wir im Moment dieses Problem noch nicht. Aber das liegt auch daran, dass wir keine technischen Studiengänge anbieten, da ist das Problem bisher am stärksten in den Vordergrund getreten.

UniSPIEGEL: Dafür müssen Sie jetzt in Mannheim erstmals den Übergang vom Bachelor zum Master organisieren. Wie viele Bachelor wollen an der Uni bleiben?

Ebner: Die Nachfrage war sehr, sehr hoch. Für manche Masterstudiengänge hatten wir fünfmal mehr Bewerber als Studienplätze.

UniSPIEGEL: Hochschulexperten streiten darüber, ob man mit dem Abitur nicht auch den Anspruch auf ein Masterstudium erworben hat. Rechnen Sie mit Prozessen?

Ebner: Entschuldigen Sie, aber das ist eine sehr deutsche Diskussion. Ich kann das nicht so richtig nachvollziehen. Als die ersten Bachelor hier in Deutschland fertig waren und nach London gegangen sind, mussten die doch auch feststellen, dass sie dort nicht einfach zum Masterstudiengang zugelassen wurden. Man muss das Bologna-Konzept einfach ernst nehmen. Der Bachelor ist ein eigener Abschluss, der Master ist es ebenfalls. Das hat den Vorteil, dass man nach dem Bachelor in BWL sich auch für ein Ingenieurstudium bewerben kann. Wenn Sie früher ein BWL-Diplomstudium angefangen hatten, konnten Sie nach der Zwischenprüfung nicht einfach zu den Ingenieuren wechseln.

UniSPIEGEL: Dafür ist es jetzt umso schwieriger, wenn man innerhalb des Bachelorstudiums die Uni wechseln will. Das war im alten System viel einfacher.

Ebner: Da gibt es tatsächlich Probleme. An vielen Universitäten wurden acht- oder neunsemestrige Diplomstudiengänge in einen sechssemestrigen Bachelorstudiengang gepresst. Dass der dann keine Spielräume mehr lässt, das ist leider so. Andererseits: Innerhalb eines sechssemestrigen Studiums ist es vielleicht auch nicht so sinnvoll, die Universität zu wechseln. Man sollte sich erst mal ein ordentliches Fundament verschaffen. Und danach, nach dem Bachelor, sich neu sortieren und überlegen: Wo bin ich jetzt? Wo will ich hin?

UniSPIEGEL: Mit der Bologna-Reform sollten auch die Abbrecherquoten reduziert werden. Ist das gelungen?

Ebner: Ja, in einigen Studiengängen deutlich, in anderen minimal. Aber ich muss da vorsichtig sein, weil wir hier in Mannheim durch die hohen Anforderungen - ein Großteil unserer Studienanfänger hat ein Abiturniveau zwischen 1,0 und 1,6 - auch sehr ambitionierte Studierende haben. Die Leute gehen ihr Studium sehr konsequent an. Das heißt, wenn hier weniger Abbrecher zu finden sind...

UniSPIEGEL: ...bedeutet es noch nicht, dass das andernorts auch so ist.

Ebner: Genau, zumal man auch gegenläufige Entwicklungen beobachtet, etwa an Fachhochschulen, wo die Quote nach oben geht.

UniSPIEGEL: Die Kultusministerkonferenz hat im Oktober nun selbst eine Reform der Reform angekündigt; die allzu schematisch angelegten Bachelorstudiengänge sollen überprüft werden. Was würden Sie vorrangig ändern?

Ebner: Ich stehe immer noch hinter dem Bologna-Konzept. Was wir jedoch an manchen Stellen versäumt haben, ist, dieses Konzept tatsächlich mit Leben zu füllen und etwas Eigenes daraus zu machen. Nicht zuletzt die Politik, die Kultusadministration, hat das alles eher technokratisch betrieben.

UniSPIEGEL: Ist die Umsetzung in anderen europäischen Ländern besser gelungen?

Ebner: Wenn man sich die europäische Karte anguckt, dann sind wir sowieso spät dran. Es wird ja immer kolportiert, wir seien die gehorsamsten Europäer überhaupt, wenn es zum Beispiel um die Umsetzung von Vorgaben geht. Das stimmt nicht: Im Bologna-Zug sitzen wir in einem der hinteren Wagen. Die Schweiz ist wesentlich weiter. Das Gleiche gilt für Frankreich oder Italien. Ein Teil der osteuropäischen Länder ist ohnehin mit großem Elan auf diese Reform aufgesprungen.

UniSPIEGEL: Was wäre denn das Gegenteil einer technokratischen Bologna-Reform?

Ebner: Wenn die Universitäten mehr Freiheiten bekämen - und sie vor allem auch nutzen würden, um intelligent geschnittene Studiengänge auf den Markt zu bringen. Studiengänge sind ja ein Teil unserer Produktpalette, und die müssen sich am Markt durchsetzen. Das heißt, es muss eine Nachfrage da sein bei den Studierenden, es muss eine Nachfrage am Arbeitsmarkt für unsere Absolventen vorhanden sein - und wenn das gegeben ist, sind wir auf dem richtigen Weg.

UniSPIEGEL: Aber gerade an der Nachfrage scheitert der deutsche Bachelor häufig. Sogar der Staat als Arbeitgeber versagt, weil er meist nur Masterabsolventen einstellt.

Ebner: Jedenfalls wenn es um die Lehrerausbildung geht. In anderen Ländern gibt es dagegen einen Bachelor of Education, der läuft über acht oder neun Semester, dann ist die Ausbildung abgeschlossen. Bei uns haben sich die Lehrerverbände gleich festgelegt: Ein Lehrer für das Gymnasium muss den Master mitbringen. Damit haben sie den Bachelor in dieser Ausbildung erst mal plattgemacht.

UniSPIEGEL: Andererseits kann man sich nicht vorstellen, von einem Chirurgen operiert zu werden, der nur einen Bachelor hat. Dasselbe gilt für den Juristen, der doch nach sechs Semestern noch nicht als Richter amtieren sollte, oder?

Ebner: Man muss da ganz anders fragen. Also: Was muss ein Richter können? Und dann: Wie viel Zeit braucht man dafür? Und so kommen Sie am Schluss vielleicht auf neun Semester Studium an der Universität. Und dann kann ich mit Ihnen darüber diskutieren, ob es einen Arbeitsmarkt für Juristen unterhalb der Qualifikation eines Richters gibt und wie viele Semester dafür einzusetzen wären. Vielleicht würden wir bei fünf Semestern sagen: Strich drunter, hier vergeben wir den Bachelorgrad. Und dann nach weiteren vier Semestern bekommt er oder sie den Master. Wir könnten aber auch zu dem Schluss kommen: Wir lassen den Studiengang durchlaufen, ist ein wunderbares Konzept. Und nach neun Semestern haben unsere Absolventen einen Bachelor in Jura und die Zulassungsvoraussetzung zum Referendariat.

Das Interview führte Martin Doerry

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1. Bachlor ist nicht Bachelor
anin, 22.01.2010
Zitat von sysopIst die Studienreform noch zu retten? Der Mannheimer Wirtschaftspädagoge Hermann G. Ebner fordert mehr Freiheit für die Hochschulen. Im UniSPIEGEL-Interview plädiert er dafür, die neuen Studiengänge intelligenter zu gestalten - und dem Bachelor Leben einzuhauchen. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,673274,00.html
Im letzten Satz des Artikels heißt es: "Und nach neun Semestern haben unsere Absolventen einen Bachelor in Jura und die Zulassungsvoraussetzung zum Referendariat. " Genau hier machen die titelversessenen Deutschen nicht mit! Hier ein Bachelor (wie das 1. Staatsexamen) in Jura nach neun Semestern, woanders ein Bachelor in Sozialwesen in 6 Semestern. Da ist ja nicht mehr Bachelor=Bachelor, da könnte man ja mit diesem Titel in den falschen Topf geworfen werden.
2. Wie bitte?
bipolar84 22.01.2010
---Zitat--- Das hat den Vorteil, dass man nach dem Bachelor in BWL sich auch für ein Ingenieurstudium bewerben kann. Wenn Sie früher ein BWL-Diplomstudium angefangen hatten, konnten Sie nach der Zwischenprüfung nicht einfach zu den Ingenieuren wechseln. ---Zitatende--- Wie bitte soll jemand mit dem Wissen aus einem BWL-Bachelor Studiengang einen Master in den Ingenieurswissenschaften machen? Nicht mal die mathematischen Grundlagen werden ausreichend abgedeckt. Ich würde schließlich auch nicht Elektrodynamik lernen um damit später Spezialist im Steuerecht zu werden.
3. Zum Teufel mit den Professoren
fjr 22.01.2010
Zitat von sysopIst die Studienreform noch zu retten? Der Mannheimer Wirtschaftspädagoge Hermann G. Ebner fordert mehr Freiheit für die Hochschulen. Im UniSPIEGEL-Interview plädiert er dafür, die neuen Studiengänge intelligenter zu gestalten - und dem Bachelor Leben einzuhauchen. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,673274,00.html
Nehmen Sie doch bitte den Bachelor als das, wofür er ursprünglich gedacht war: Eine erste akademische Qualifikation, keine abschliessende. Vielleicht kann man den Stoff eines ehemaligen FH-Diploms in den sechs Semestern unterbringen, schließlich war das FH-Studium theoretisch auch nicht länger. Dann gibt es - an den jetzigen "Hochschulen für angewandte Wissenschaften" - ja noch das Praxissemester. Dann ist das in etwa vergleichbar. Aber ein wissenschaftliches Studium - gerade in den Natur- oder Ingenieurwissenschaften - kriegen Sie einfach nicht in dieser Zeit unter. Also muß der Master-Abschluss für diese Studenten die Regel sein. Der ist dann in drei bis vier zusätzlichen Semestern zu schaffen. Insgesamt also maximal 10 bis 11 Semester als Regelstudienzeit. Wenn ich aber höre "wir machen für den Bachelor halt 9 Semester, (wenn es keinen Arbeitsmarkt gibt)", dann können wir gleich wieder den alten Scheissdreck einführen, der mit dem BM-System abgeschafft werden sollte. Durchschnittliche Studiendauern von 17 Semestern ohne Promotion bei einer Regelstudiendauer von 13 Semestern, so wie früher durchaus üblich, das brauchen wir nun wirklich nicht mehr. Die selbstdarstellenden Universitätsprofessoren, die sich für den Nabel der Welt halten und nur billige Hilfskräfte mit bereits hervorragender Ausbildung - Studenten im 10. oder 11. Fachsemester - haben wollen sollten wir zum Teufel jagen.
4. Ich will aber gar keinen Titel angeben! Wirklich nicht!
DanielaMund, 22.01.2010
Zitat von bipolar84Wie bitte soll jemand mit dem Wissen aus einem BWL-Bachelor Studiengang einen Master in den Ingenieurswissenschaften machen? Nicht mal die mathematischen Grundlagen werden ausreichend abgedeckt. Ich würde schließlich auch nicht Elektrodynamik lernen um damit später Spezialist im Steuerecht zu werden.
Wie blöde und ignorant muss man denn eigentlich sein, um so einen Vorschlag zu machen? Ein BWLer kann dann ja vielleicht auf VWL, oder auf irgendeinen Spezialzweig der BWL umsatteln, aber schon MaschBau auf ETechnik ist mE nicht machbar - und der Maschbauer hat etwas mehr Mathe als den Abistoff, den die BWLer in den ersten Semestern haben....
5. Examen
nici2412 22.01.2010
Zitat von aninIm letzten Satz des Artikels heißt es: "Und nach neun Semestern haben unsere Absolventen einen Bachelor in Jura und die Zulassungsvoraussetzung zum Referendariat. " Genau hier machen die titelversessenen Deutschen nicht mit! Hier ein Bachelor (wie das 1. Staatsexamen) in Jura nach neun Semestern, woanders ein Bachelor in Sozialwesen in 6 Semestern. Da ist ja nicht mehr Bachelor=Bachelor, da könnte man ja mit diesem Titel in den falschen Topf geworfen werden.
Wenn der Bachelor in Jura dem Niveau des 1. Juristischen Staatsexamens entspricht, ist es doch verständlich oder? Das Staatsexamen ist vom Anspruch Welten vom Soziologie oder ähnlichen Bachelors entfernt. Ich bin froh,dass sich die Juristen erfolgreich gegen Bachelor/Master gewehrt haben. Ein 6 Semester Bachelor ist in Jura einfach njicht möglich und wenn er 9 Semester lang sein soll,dann kann man gleich das Staatsexamen, welches hoch angesehen ist, lassen. Es abzuschaffen wäre die selbe Dummheit wie mit dem Diplom.
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Wie geht das mit der Akkreditierung?
Alle Bachelor- und Masterstudiengänge müssen akkreditiert, also begutachtet und zugelassen werden - mindestens alle sieben Jahre. Dafür ist ein Netz von zehn Akkreditierungsagenturen zuständig.
Wer hat die Studiengänge so gestaltet, wie sie sind?
Die Agenturen erhalten ihre Lizenz vom zentralen Akkreditierungsrat, der wiederum von den Kultusministern der Länder und den Hochschulrektoren eingesetzt wurde. Aufgabe der in der Öffentlichkeit kaum bekannten Organisationen ist es, die Vorgaben der Kultusminister für Bachelorstudiengänge auszulegen und umzusetzen - dazu gehören Dauer, Lernpensum und Ausstattung der Studiengänge. Zwischen 10.000 und 15.000 Euro kann so eine Bewertung durch eine Akkreditierungsagentur wie AQAS für einen Bachelor-Studiengang kosten - um diese Ausgaben kommen Unis und FHs nicht herum. Ebensowenig wie um den umfangreichen, oft mehrere hundert Seiten starken Antrag samt Modulhandbuch und konzeptioneller Beschreibung.
Lernen die Akkreditierer aus ihren Fehlern?
Als Reaktion auf Bachelorkrise und Bildungsstreik hat der Akkreditierungsrat seine Kriterien geändern. Die "Studierbarkeit" wurde aufgewertet und ist ein eigenes Kriterium bei der Begutachtung von Studiengängen geworden. Die Akkreditierungsagenturen sollen jetzt auch prüfen, ob die Arbeitsbelastung eventuell zu hoch ist und ob die Studenten adäquat betreut werden. Zur Diskussion um die "Studierbarkeit" von Studiengängen sagte Rolf Dobischat vom Deutschen Studentenwerk, das sei, "als müsse man über die Trinkbarkeit von Trinkwasser diskutieren".
Was soll sich für die Studenten ändern?
Die Akkreditierer wollen die Zahl der Prüfungen einschränken. Unter andderem soll ein Studienmodul, also ein Fachgebiet, künftig "in der Regel nur mit einer das gesamte Modul umfassenden Prüfung" abgeschlossen werden. Bisher gab es teilweise drei oder mehr Prüfungen. "Wir fassen uns da an die eigene Nase", sagte Achim Hopbach, Geschäftsführer des Rates. "Bisher haben wir zu viele Studiengänge mit zu vielen Prüfungen zugelassen". Auch "Geschlechtergerechtigkeit und Chancengleichheit" ist ein neues Kriterium, das anzuwenden ist.