Streit über Stiftungsprofessur: Satelliten schaffen ohne Waffen

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Die Uni Bremen will eine Stiftungsprofessur einrichten, bezahlt von einem Sponsor, der Satelliten für die Bundeswehr baut. Doch viele Studenten und Professoren wollen das Geld vom "Rüstungsunternehmen" nicht. Sie pochen auf die Zivilklausel ihrer Uni, die miltärische Forschung untersagt.

Raumfahrt-Professur: Piep, piep, umstrittener Satellit Fotos
dpa/dpaweb

Das große Problem passt auf ein kleines Blatt Papier. Produktionstechnik-Student Peter Friese sitzt im Untergeschoss des Gebäudes GW2 der Universität Bremen und zeichnet einen kleinen Kreis auf die weiße Seite. "Das soll jetzt mal die Erde sein. Um die Erde herum zieht er einen weiteren Kreis: Die Umlaufbahn. "Da sind überall Satelliten drauf", sagt der 22-Jährige und kritzelt zwei Dreiecke, die Flugkörper sein sollen. "Die Technik, die die Orientierung und die Position eines Satelliten regelt, ist häufig dieselbe. Völlig egal, ob es ein militärischer Satellit oder ein Satellit zum Beobachten der Polkappen ist."

Und genau da liegt das Problem. An Frieses Fachbereich soll eine Stiftungsprofessur für Raumfahrttechnik eingerichtet werden. Doch einer der Geldgeber, die Bremer OHB System AG, entwickelt neben zivilen Projekten wie dem Bau von 14 Satelliten für das europäische Navigationssystem Galileoauch Satelliten, die von der Bundeswehr genutzt werden.

Doch viele Studenten der Uni und auch einige Professoren protestieren. Sie wollen mit militärischer Forschung nichts zu tun haben. Und sie pochen auf die sogenannte Zivilklausel, mit der sich die einst linke Reform-Uni Forschung zu Rüstungszwecken selbst verboten hat.

In der Klausel heißt es, dass "jede Beteiligung von Wissenschaft und Forschung mit militärischer Nutzung bzw. Zielsetzung" abzulehnen ist. Alle Universitätsmitglieder seien aufgefordert, "Forschungsthemen und -mittel abzulehnen, die Rüstungszwecken dienen können." Der Beschluss des Akademischen Senats mit der Nummer 5113 gilt auch heute noch. Fördergelder, die in irgendeiner Weise nach Krieg riechen, darf die Uni folglich nicht annehmen.

Auf die Zivilklausel pocht auch der Bremer Asta, der die Stiftungsprofessur und ihren Geldgeber heftig kritisiert. Für die Studentenvertreter ist die OHB System AG ein Rüstungskonzern. Die Uni dürfe wegen der Zivilklausel nicht mit ihr zusammenarbeiten.

Ein Drittel des Gesamthaushalts aus Drittmitteln

Wilfried Müller, Rektor der Universität, sieht nichts Verwerfliches an der Zusammenarbeit mit der Bremer Technologieschmiede. Und auch die Zivilklausel hält er für nicht mehr zeitgemäß. "In einer Zeit, in der alles militärisch verwendet werden kann, kann eine solche Grenze gar nicht gezogen werden, wenn man das Wissenschaftssystem aufrechterhalten will", sagt er. Ende des Jahres will er zusammen mit dem Dekanat des betroffenen Fachbereichs Produktionstechnik im Akademischen Senat eine Änderung der Zivilklausel anregen. Für die geplante Stiftungsprofessur greife die Friedensklausel nach Meinung von Rektor Müller ohnehin nicht. "Es geht um Gravitationsphysik - reine Grundlagenforschung", betont Müller. Für Asta-Mitglied Sören Böhrnsen jedenfalls kommt eine Aufweichung der Zivilklausel nicht in Frage. "Das ist doch ein Einfalltor für ein beliebiges Abändern der Klausel", sagt er.

Aber ist es wirklich so einfach, wie die Uni-Leitung es darstellt? 165.000 Euro würde OHB AG jedes Jahr für den Lehrstuhl zahlen. Noch einmal so viel käme vom Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum dazu. In der zehnjährigen Laufzeit der Professur kämen so über drei Millionen Euro zusammen. Wie frei von den Interessen ihrer Geldgeber können Unis unter diesen Umständen wirklich forschen?

Erst im Mai war in Berlin ein Geheimvertrag ans Licht gekommen, in dem die Technische Universität und die Humboldt-Universität ihrem Stifter, der Deutschen Bank, weitreichende Möglichkeiten zur Einflussnahme zubilligte. Auch hier ging es unter anderem um zwei gesponserte Professuren, bei denen die Bank eifrig mitreden durfte: bei der Veröffentlichung der Ergebnisse, bei den Inhalten und nicht zuletzt auch bei der Besetzung der Professuren selbst.

Auch die Uni Bremen sammelt fleißig Geld von außen. Allein im vergangenen Jahr hat sie 91 Millionen Euro an Drittmitteln eingeworben - das entspricht etwa einem Drittel ihres Gesamthaushalts. Neben der geplanten OHB-Professur gibt es derzeit noch sechs weitere Stiftungsprofessuren an der Universität.

Bundeswehr als "geschätzter Kunde"

Dass von Dritten finanzierte Forschung eine Gefahr darstellt, sieht auch Rektor Müller. Doch ein Fall wie in Berlin ist seiner Meinung nach an der Uni Bremen undenkbar. "Wir lassen uns unsere Freiheit nicht abkaufen, auch wenn wir arm sind", so der Rektor. Die Uni bestimme den Inhalt der OHB-Professur zu 100 Prozent.

Doch im Kollegium der Universität bleiben Zweifel: 63 Professoren und Wissenschaftler haben vor kurzem eine Erklärung gegen die OHB-Professur unterschrieben. Ihre Befürchtung: Die Unabhängigkeit der Wissenschaft stehe auf dem Spiel.

Die OHB System AG hält sich aus der Debatte um ihre Stiftungsprofessur weitgehend raus. Ihr Sprecher Steffen Leuthold räumt aber ein, dass die Bundeswehr "ein wichtiger und geschätzter Kunde" des Unternehmens sei. Man sei aber noch lange kein Rüstungsunternehmen. "Wenn eine Armee einer Firma Tausende Feldstecher abkauft, wird diese Firma doch in der breiten Öffentlichkeit nicht als Rüstungsunternehmen bezeichnet", so Leuthold. Komme die Uni zum Ergebnis, dass die Zivilklausel unvereinbar mit der Stiftungsprofessur sei, werde sein Unternehmen nicht daran festhalten. Solange bleibe es aber bei der Zusage.

Dass die Stiftungsprofessur noch gekippt wird, gilt in Bremen als unwahrscheinlich. Eine Kommission sucht bereits nach einem geeigneten Kandidaten. Student Friese hat mit der Stiftungsprofessur kein Problem. Er hält die Zivilklausel für eine ehrbare Sache, denkt aber nicht, dass sie im Fall von OHB angewendet werden kann. "Sie sind kein Rüstungskonzern", sagt er. Was bei Grundlagenforschung am Ende rauskomme, wisse man zu Anfang nur selten. Viele Technologien ließen sich nun einmal für mehrere Zwecke verwenden. Das zeigten schließlich seine Kreise und die kleinen Satelliten auf dem Papier.

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