Studenten als Kandidaten: Alte Hasen unter jungen Wilden

Von Oliver Voß

Diese Wahlbewerber sind jung, ehrgeizig und rauflustig: CDU-Mann Philipp Mißfelder stritt heftig mit Rentnern über Hüftgelenke, Nele Hirsch von der Linkspartei macht sich gegen Studiengebühren stark. Und der SPD-Abgeordnete Niels Annen kämpft mit seiner Abschlussarbeit.

Bei der Bundestagswahl mischen in diesem Jahr dutzende Studenten mit - nicht zum Plakatekleben, sondern als Kandidaten. Examens- und Seminararbeiten bleiben erst einmal liegen, der Wahlkampf geht vor. Beileibe nicht alle der studierenden Bewerber sind ganz neu im Politikgeschäft. SPIEGEL ONLINE stellt einige der Kandidaten mit Erfahrung vor.

Niels Annen: "Was bringt so einer im Bundestag?"

SPD-Kandidat in Hamburg, 32, studiert Geschichte, Geographie und Lateinamerika-Studien

Die "Bild"-Zeitung machte Niels Annen kürzlich zum prominentesten Studenten in den SPD-Reihen. "24 Semester Berufsstudent - was bringt so einer im Bundestag?", fragte das Blatt und präsentierte ihn als "lebendes Beispiel dafür, dass wir in Deutschland Studiengebühren brauchen, wie sie die Union einführen will". Ohne den Überraschungswahlkampf wäre Annen zum Jahresende wohl fertig geworden, das Thema der Abschlussarbeit hat er schon: "Die Spanische Innenpolitik nach dem Verlust der Kolonien 1898". Annen will jedoch lieber über Politik reden.

Kandidat Annen: Attackiert von der "Bild" - viel Feind, viel Ehr
DDP

Kandidat Annen: Attackiert von der "Bild" - viel Feind, viel Ehr

Denn der langjährige Juso-Vorsitzende ist inzwischen ein erfahrener Wahlkämpfer. Bei den Jusos hatte Annen immer wieder die "soziale Schieflage" der Agenda 2010 kritisiert. "Das ist ein Paket, dass ich im Wahlkampf guten Gewissens vertreten kann", sagt er jetzt, "aber es gibt auch Sachen, mit denen ich nach wie vor hadere."

Wichtigstes Zukunftsthema sei die Bildung. Annen verweist auf das Ganztagsschulenprogramm - damit sei ein Mentalitätswechsel eingeleitet worden. "Noch vor sieben Jahren konnte man mit der CDU über Ganztagsschulen nicht reden, inzwischen steht das bei denen im Programm, ist doch toll."

Vor allem verlangt Niels Annen eine personelle Erneuerung der SPD und ist dafür selbst einer der Kandidaten: "Es liegt in der Verantwortung der gesamten Partei, einen vernünftigen Generationenumbau hinzubekommen, und das muss jetzt geschehen." Auch im Bundestag fordert Annen eine Verjüngung. "Alter ist zwar per se kein politisches Argument, aber der Bundestag sollte unsere Gesellschaft widerspiegeln."

Philipp Mißfelder: Schuss aus der Hüfte

CDU-Kandidat, 26, tritt im Wahlkreis Castrop-Rauxel, Recklinghausen, Waltrop an und studiert Geschichte

Von den zehn jüngsten Abgeordneten im Bundestag gehören sechs zur CDU/CSU. Philipp Mißfelder will die Nachwuchsfraktion verstärken und könnte auch den geringen Studentenanteil ausgleichen, denn Dorothee Mantel (CSU) ist gerade fertig geworden. Bekannt wurde Mißfelder im Sommer 2003 mit seiner Äußerung: "Ich halte nichts davon, wenn 85-Jährige noch künstliche Hüftgelenke auf Kosten der Solidargemeinschaft bekommen." Damit löste der Chef der Jungen Union einen Sturm der Empörung aus und entfachte eine Debatte um den "Krieg der Generationen".

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Studenten als Kandidaten: Mit 19 in den Bundestag

Inzwischen spricht er lieber vom "Generationendialog" und geht gemeinsam mit der Senioren-Union auf Wahlkampftour in Castrop-Rauxel und Recklinghausen. Dort ist der Geschichtsstudent Direktkandidat.

Auf das Thema der "Generationengerechtigkeit" kommt Mißfelder jedoch immer wieder gern zurück. Im August führte er dazu im "Tagesspiegel" ein langes Gespräch mit dem Juso-Vorsitzenden Björn Böhning. Sie stellten fest, dass der Politnachwuchs heute pragmatischer miteinander umgeht, und kritisierten die Altvorderen ihrer Parteien. "Die jungen Erwachsenen denken wesentlich langfristiger als die Politiker, die heute entscheiden. Dort wird der Nachdenkrhythmus vom Wahltermin bestimmt", so Mißfelder.

Cornelia Hirsch: Studiengebühren? Nein danke!

Kandidatin der Linkspartei, 25, Platz 5 der Landesliste Thüringen, studiert Politik an der FU Berlin

Nele Hirsch sitzt noch nicht im Parlament, hat aber trotzdem Politikerfahrung im Gepäck. Bei den Studentenprotesten der letzten Jahre ist sie immer wieder als Wortführerin aufgefallen. Als Sprecherin und Vorstandsmitglied des Freien Zusammenschlusses von Studierendenschaften (fzs), eines Dachverbandes der Asten und Studentenräte, setzte sie sich vor allem gegen Studiengebühren ein.

Kandidatin Hirsch: "Von morgens bis abends unterwegs"

Kandidatin Hirsch: "Von morgens bis abends unterwegs"

"Die vermeintliche Sachzwanglogik ist in den Köpfen der Studierenden und der übrigen Gesellschaft angekommen", sagt Hirsch. Die von ihr erwarteten Proteste gegen die Campus-Maut blieben nach dem Verfassungsgerichtsurteil eher mau. Nele Hirsch wehrt sich weiter vehement dagegen, dass es keine Alternative zu Studiengebühren geben soll. Daher kandidiert sie nun auch für die Linkspartei. "Die hat als einzige eine konsequente Haltung gegen Studiengebühren", so Hirsch. "Die Position der SPD ist Heuchelei, denn die haben in den Ländern Gebühren in Form von Studienkonten eingeführt."

Ist der Wechsel von protestierenden Studenten zu einer Partei, wo der Großteil der Mitglieder älter als 60 ist, nicht komisch? "Klar funktionieren Parteistrukturen anders als studentische Interessenvertretungen", sagt Hirsch, "doch im Wahlkampf bin ich von morgens bis abends mit Jugendlichen unterwegs".

Hirsch hatte an der Universität in Jena ihr Politikstudium begonnen. Inzwischen ist sie nach Berlin gewechselt, doch durch Kontakte aus ihrer Thüringer Zeit wurde sie dort für die Landesliste vorgeschlagen. Nele Hirsch steht auf dem aussichtsreichen fünften Platz. Trotzdem rechnet sie erstmal nicht mit dem Einzug in den Bundestag. Denn wenn ihre Partei besonders gut abschneidet und Kandidaten, die hinter ihr auf der Liste stehen, Direktmandate holen, reicht es vielleicht nicht. In jedem Fall will sie sich künftig weiter politisch engagieren. "Ich weiß aber nicht, ob es in Parteigremien sein muss oder eher wieder außerparlamentarisch in sozialen Bewegungen."

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