Wohnungsnot bei Studenten: Bau dir ein Haus aus Styropor

Von Britta Mersch

Studentisches Bauprojekt: Wohnen im Styropor-Haus Fotos
Chris Volkmer

Warm, günstig und leicht zu zerbröseln: Studenten aus Kassel haben zum Semesterstart Häuser aus Styropor entworfen, die als Unterkünfte auf dem Campus stehen sollen. Das kreative Bauprojekt ist nicht nur Spaß, es dient auch als Protest gegen ein drängendes Problem.

Etwas zerknautscht fühlt sich Victor Tuschick, 23, an diesem Vormittag schon. Die vergangene Nacht hat der Architekturstudent in einem provisorischen Haus aus Styropor verbracht, das er selbst entworfen und gebaut hat.

Drei Zimmer gibt es, wenn man so will: einen Vorraum, in dem man stehen kann, eine kleine Luke zum Schlafen und eine Sitzecke mit einer Deckenhöhe von etwa 1,50 Metern.

Obwohl es nachts in Kassel zu dieser Zeit noch Minustemperaturen gibt, hatte der Student eine kuschelige Nacht: "Ein bisschen ist es wie Zelten. Aber man fühlt sich warm und geborgen, weil man eine feste Hülle um sich hat", sagt er.

Und er musste die Nacht im Haus noch nicht mal allein verbringen. Ein Freund hat sich spontan zu ihm gesellt und einen Schlafplatz in Vorraum und Sitzecke gefunden.

Das Haus von Victor ist das erste von zehn, das im Rahmen des Entwurfsprojekts "Studentisches Wohnen im Spannungsfeld doppelter Abiturjahrgänge" an der Universität Kassel entstanden ist. Die Architekturstudenten hatten die Aufgabe, sich in Zeiten von knappem Wohnraum in vielen Uni-Städten neue Lösungen auszudenken.

"Ich finde es immer spannend, wenn sich Studenten mit einem Thema auseinandersetzen können, zu dem sie Bezug haben", sagt der Lehrbeauftragte Mark Niehüser. Es ist nicht das erste Mal, dass er so ein Projekt umsetzen lässt. Mit Schaumstoff-Figuren hatten die Studenten schon darauf aufmerksam gemacht, dass Radfahrer in der Stadt zu wenig Platz haben.

Der Student als König oder Parasit?

Dieses Mal sollten die Studenten auf dem Campus der Universität Kassel Orte finden, die sich als Standort für die Styroporhäuser eignen könnten. Einige Studenten wählten zum Beispiel die Treppe vor einem Verwaltungsgebäude und setzten darauf einen kleinen Palast - so zumindest sieht es der Entwurf vor.

"Wenn Studenten neu an eine Hochschule kommen, werden sie nicht unbedingt willkommen geheißen", sagt Niehüser. Sie müssten oft mit vollen Seminaren rechnen, dazu komme die Wohnungsnot. "Mit dem Kleinstpalast wollen sie ein politisches Statement setzen." Der Student als König also, der sich seinen kleinen Palast selbst bauen muss.

Die Studenten wollten also nicht nur kreative Wohnlösungen finden. Mit ihren Styroporhäusern drücken sie auch ihren Protest aus. Die Studentinnen Hannah Müller, 22, und Alexandra Eberhardt sprechen deshalb auch von Parasiten, wenn sie von den Entwürfen berichten, die überall auf dem Campus verteilt sind. "Wir suchen besondere Orte und gestalten sie neu, indem wir sie leicht verändern", sagt Hannah.

Für ihr Haus haben sie eine erhöhte Fläche in der Nähe des Instituts gewählt, die von einer Mauer umgeben ist. Ein Teil des Hauses in Form eines umgedrehten L ist von der Mauer geschützt. Ein anderer aber ragt über sie - und so entstehe ein toller Effekt: "Man hat einen privaten Bereich hinter der Mauer und wird trotzdem von außen gesehen", sagt Hannah.

Das Haus ist geräumiger als das von Victor. Wenn es fertig ist, soll man sich bequem in ihm bewegen können. Es gibt einen Schlaf-, Essens- und Sitzbereich. Die Studenten hatten die Idee, die Möbel direkt in das Styropor zu integrieren.

Für Wasserflaschen oder das Fahrrad gibt es in den Wänden schon vorgefertigte Formen. Ein eigenes Bett gibt es nicht, sondern einen Schlafbereich, in den man klettern kann: "So wird das Wohnen im Haus zum Erlebnis", sagt Alexandra.

Material mit Stärken und Schwächen

Eigentlich sollte das Haus an diesem Tag schon fertig sein, doch der Schnee hat ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wand- und Deckenteile lehnen noch an der Mauer oder liegen auf dem Boden. Als die Studentinnen eines hochheben, erleben sie eine Überraschung.

Eine Maus hat unter dem Bauteil ihr Winternest gebaut, sogar ein paar Styroporkugeln herausgekratzt und sich damit ein warmes Nest gemacht: "Offenbar weiß sie die Vorteile des Styropors zu schätzen", mutmaßen die Studentinnen. Styropor wird vor allem zum Dämmen eingesetzt - hält also schön warm.

Auf eine Heizung in den Häusern haben die Studenten verzichtet. Sie standen aber auch vor der Herausforderung, mit einem Material zu arbeiten, das leicht zerbröselt und nur dürftig vor Vandalismus geschützt ist.

Probleme, die sie auch später als Architekten lösen müssen, sagt Dozent Niehüser: "Jedes Material hat Stärken und Schwächen. Das macht die Architektur erst spannend." Und wenn die Herausforderung sei, ein Schiff aus Sand zu bauen, könne das auch irgendwie möglich gemacht werden.

Haus ohne Schloss

Doch eine Heizung ist nicht das einzige, auf das die späteren Architekten verzichten müssen. Toiletten, Duschen und Küchengeräte finden sich in keinem der Häuser, um die Kosten möglichst gering zu halten. Für die Studenten kein Problem. Sie könnten sich eine Lösung vorstellen wie auf einem Campingplatz: "Wenn es Sammelduschen und Kochmöglichkeiten gäbe, wäre das eine gute Lösung", sagt Alexandra.

Ob sich die Idee allerdings durchsetzt, ist im Moment noch völlig unklar. Denn bevor Studenten einziehen könnten - und wenn auch nur als Übergangslösung, bis sie eine richtige Wohnung gefunden haben -, müssten noch viele Details geklärt werden.

Das Haus von Victor zum Beispiel hat keine Fenster und lässt sich auch nicht abschließen. Sichergestellt werden müsste, dass die Häuser brand- und einbruchsicher sind.

Trotz diverser offener Fragen ist Niehüser stolz auf seine Studenten: "Für Leute, die gerade am Anfang ihres Studiums stehen, ist die Realisierung ihrer kreativen Entwürfe eine enorme Leistung", sagt der Dozent. Und die Studenten freuen sich darüber, dass sie schon so früh praktisch arbeiten konnten - bei einem Problem, das sie alle gut kennen.


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Rang Standort Ausgaben für Miete*
1 Köln 359
2 München 358
3 Hamburg (ohne Uni Hamburg) 351
4 Düsseldorf 338
5 Frankfurt-a.M. 337
6 Mainz 327
7 Konstanz 327
8 Darmstadt 322
9 Berlin 321
10 Wuppertal 318
11 Heidelberg 314
12 Ulm 313
13 Duisburg 311
14 Bonn 309
15 Bremen 308
16 Freiburg 307
17 Stuttgart 306
18 Münster 305
19 Tübingen 304
20 Aachen 304
21 Mannheim 302
22 Braunschweig 302
23 Potsdam 301
24 Karlsruhe 300
25 Hannover 299
26 Regensburg 295
27 Marburg 294
Gilt für Standorte, für die Angaben von mindestens 50 Studierenden vorliegen; *einschließlich Nebenkosten (Bezugsgruppe "Normalstudent", arithm. Mittelwert in Euro)

Quelle: DSW/HIS 20. Sozialerhebung

...und die Plätze 28 bis 54
Rangfolge der Hochschulstädte nach der Höhe der monatlichen Ausgaben für Miete und Nebenkosten
Rang Standort Ausgaben für Miete*
28 Oldenburg 292
29 Bochum 290
30 Kiel 290
31 Siegen 289
32 Augsburg 289
33 Trier 289
34 Saarbrücken 288
35 Passau 288
36 Bamberg 286
37 Rostock 282
38 Greifswald 281
39 Osnabrück 280
40 Gießen 279
41 Göttingen 277
42 Würzburg 277
43 Kassel 277
44 Bayreuth 275
45 Bielefeld 274
46 Kaiserslautern 268
47 Hildesheim 262
48 Jena 260
49 Magdeburg 253
50 Leipzig 251
51 Halle 249
52 Erfurt 248
53 Dresden 247
54 Chemnitz 211
Gilt für Standorte, für die Angaben von mindestens 50 Studierenden vorliegen; *einschließlich Nebenkosten (Bezugsgruppe "Normalstudent", arithm. Mittelwert in Euro)

Quelle: DSW/HIS 20. Sozialerhebung

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Fakten zu Studentenwohnheimen
Deutschlands längste Wartelisten
In München warten gut 5000 Studenten auf einen Wohnheimplatz - doch auch in Karlsruhe ist die Lage angespannt, hier ist die Warteliste sogar 5200 Studenten lang. In Heidelberg warten gut 4000 Studenten. In Hamburg hoffen derzeit gut 2400 Studenten auf eine günstige Studentenwerksbude, in Frankfurt am Main sind es 1200. Ein neuer Hotspot ist Berlin: Dort gab es lange Zeit so günstige WGs und Wohnungen, dass das Studentwerk keine Warteliste brauchte. Stand Wintersemster 2012/2013: Die Liste ist 880 Bewerber lang.
Wie viele Plätze gibt es eigentlich?
Bundesweit gibt es zurzeit 228.500 öffentlich geförderte Wohnheimplätze, die im Durchschnitt 215 Euro kosten. Das Deutsche Studentenwerk, das der Träger von etwa 181.000 dieser Plätze ist, fordert schon lange 25.000 Plätzen mehr und überlegt, diese Zahl angesichts steigender Studentenzahlen zu erhöhen. Im Wintersemester 2011/12 waren knapp 2,4 Millionen Studenten eingeschrieben, eine durchschnittliche Abdeckungsquote von gut zehn Prozent.
Welche Stadt hat die meisten Wohnheimwohner?
Zwar führen laut Deutschem Studentenwerk Baden-Württemberg (3000) und Bayern (2500) die Rangliste beim Neubau und bei der Neuplanung von Wohnheimplätzen an. Was die Abdeckungsquote (Stand: Winter 11/12) anbelangt, liegen Sachsen mit 14,2 Prozent und Thüringen mit gut 14 Prozent aber vorne. Schlusslichter sind Bremen mit 6,4 Prozent und Berlin mit 6,6 Prozent.
München verlost Plätze - wer noch?
In der Regel gehen Studentenwerke bei der regulären Vergabe nach dem Zeitpunkt der Bewerbung – wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Außerdem gilt: Bewerber vom Studienort haben wenige Chancen. Ausländische Studenten, Schwangere, Menschen mit Behinderungen werden bevorzugt, auch der finanzielle Hintergrund ist wichtig. Dennoch kommen Verlosungen vor – in Augsburg, Bayreuth, Bonn oder Hamburg beispielsweise, wo es eine Restplatzbörse gibt. Die genauen Infos zur Wohnungsvergabe sind in aller Regel online auf den Seiten der Studentenwerke zu finden.