Physiker-Humor: Espresso aus dem Doktorhut

Von Laura Hennemann

Es kracht, dann fällt ein Baum - aber was hat das mit einer Promotion zu tun? Nachwuchsforscher schenken sich zum Abschluss gerne actiongeladene Doktorhüte. Laser blinken, eine Kaffeemaschine zischt, eine Goldwaschanlage filtert Edelmetall: die besten Präsente im Überblick.

Privat

Ein Zylinder aus schwarzem Papier, darauf ein flaches Viereck aus Pappe. Fertig ist der Doktorhut. Ziemlich langweilig, fanden einige Studenten an der Universität Konstanz und begannen, es auf den Köpfen ihrer Kommilitonen blinken und knallen zu lassen.

Seit einigen Jahren wird in Konstanz am Fachbereich Physik ein nicht ganz ernst gemeinter Wettkampf um den skurrilsten Doktorhut veranstaltet. Da werden DNA-Stränge aus Knete geformt, kleine Kletterfelsen aus Pappmaché gebaut und buntes Papier zu Autos gefaltet. Das alles wird auf dem Grundgerüst eines Doktorhuts befestigt und nach der erfolgreichen Prüfung dem Promotionskandidaten aufgesetzt.

Die Verzierung ist dabei nicht zufällig: "Das ist mein Motorrad!", ruft Andreas, Physik-Doktorand in Konstanz, als er seinen Hut bekommt. Auf dem Deckel klebt die Pappversion von Andreas' rot-blauer Honda. "Ihr habt sogar an der richtigen Stelle den Farbklecks dazugemalt", sagt er, denn auch das gehört zum Ritual: Wer seine Doktorarbeit erfolgreich verteidigt hat, muss nach der Verleihung des aufwendig gebastelten Scherzhutes die verschiedenen Gegenstände vor seinen Kollegen erklären.

Fotostrecke

11  Bilder
Technik auf Doktorhüten: Baum fällt, Espresso tröpfelt, Laser strahlt

Action auf Knopfdruck

Was die Konstanzer Physiker exzessiv betreiben, gibt es auch an anderen Unis, häufig in den Naturwissenschaften. Dabei schien der Doktorhut seit den 68ern, die sich gegen den Muff unter Talaren ereiferten, in Deutschland so gut wie ausgestorben. Inzwischen goutieren viele Bachelors wieder wallendes Samtgewand und Quadratdeckel und werden heute mit mehr Pomp verabschiedet als mancher frisch Promovierte vor 20 Jahren.

An der Uni Konstanz bieten die ausgefallensten Hüte seit kurzem sogar Action auf Knopfdruck. Andreas drückt an seinem Hut auf Start: In einer kleinen Kaffeemaschine rattert eine Pumpe los und füllt eine Tasse mit Espresso. Ohne Kaffee ist eine Doktorarbeit schließlich nicht zu überstehen, schon gar nicht für Andreas, sagen seine Mitdoktoranden. Ein Kippschalter neben der Maschine lässt ein golden gefärbtes, dreieckiges Stück Schaumstoff leuchten, denn Andreas hat Nanodreiecke aus Gold untersucht.

Andreas' Hut kommt opulent daher, hat aber wenig gekostet. Das meiste Baumaterial suchten sich die Studenten in den Laborschränken zusammen. An Andreas' Hut haben fünf Kommilitonen eine Woche gewerkelt. Paul Leiderer, Professor und Leiter der Arbeitsgruppe für Nanotechnologie, freut der Spieltrieb seiner Mitarbeiter, denn "eine gewisse handwerkliche Fertigkeit" sei bei experimentell arbeitenden Doktoranden durchaus wünschenswert.

Andreas' Mitdoktorand Stephen promovierte mit einem Laserlicht-Experiment. Die Kollegen bastelten ihm einen grünen Miniaturlaser auf den Hut, der sich mit einem Fingerschnippen ein- und ausschalten lässt. Auf der anderen Seite des Hutes findet sich eine Goldwaschanlage, weil Doktorand Stephen immer sehr gewissenhaft alle Goldreste seiner Proben wieder einsammelte. Beide Aufbauten überragt ein Baum, der beim Umfallen einen Pkw plattmacht, während daneben - unversehrt - ein kleiner gelber Fiat 500 parkt.

Der Hintergrund: Eines Tages war Stephens Lieblingsparkplatz vor der Uni besetzt. Am Abend war ein Baum genau au der Stelle, an der sonst immer Stephens Fiat steht, auf ein anderes Auto gekracht. Die Szene stellten die Mitdoktoranden mit einem besonderen Knalleffekt dar. Den Baum hielt eine Schnur aufrecht, der Startknopf löste eine kleine Explosion aus. Die zerriss die Schnur und rums - der Baum fällt.

Sollte es mit der Physik-Karriere nicht klappen: In Eisenbahn-Ausstellungen können sich die Studenten aus Stephens Arbeitsgruppe allemal bewerben.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 15 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. So richtig neu
emdemuc 13.03.2013
ist das doch aber nun nicht, oder? Zumindest hatte das gegen Ende des letzten Jahrtausends schon länger Tradition an den Universitäten (eine im Süden und eine im Norden von D), an denen ich studiert habe. Ja, es waren beides naturwissenschaftliche Fakultäten, aber einen neuen Trend kann ich jetzt nicht erkennen...
2.
Zitrone! 13.03.2013
Zitat von sysopPrivatEs kracht, dann fällt ein Baum - aber was hat das mit einer Promotion zu tun? Nachwuchsforscher schenken sich zum Abschluss gerne Action-geladene Doktorhüte. Laser blinken, eine Kaffeemaschine zischt, eine Goldwaschanlage filtert Edelmetall: Die besten Präsente im Überblick. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/studenten-basteln-verrueckte-doktorhuete-an-der-uni-konstanz-a-882895.html
Nette Ideen, vor allem die Fotostrecke ist sehenswert. Neu ist das allerdings nicht, und auch nicht auf Konstanz beschränkt. (Und offensichtlich nicht nur bei Physikern üblich, s. Fotos.) Das hier kenne ich allerdings nicht so. Vielleicht mal einen Widerstand oder ein Stückchen Draht. Alles andere ist aber wohl eher selbst gekauft (oder selbst gebacken) bzw. Abfallverwertung. Erstaunlich ist aber doch, dass SPON neuerdings den Physikerhumor als Thema entdeckt hat.
3. Das ist
chico 76 13.03.2013
Zitat von Zitrone!Nette Ideen, vor allem die Fotostrecke ist sehenswert. Neu ist das allerdings nicht, und auch nicht auf Konstanz beschränkt. (Und offensichtlich nicht nur bei Physikern üblich, s. Fotos.) Das hier kenne ich allerdings nicht so. Vielleicht mal einen Widerstand oder ein Stückchen Draht. Alles andere ist aber wohl eher selbst gekauft (oder selbst gebacken) bzw. Abfallverwertung. Erstaunlich ist aber doch, dass SPON neuerdings den Physikerhumor als Thema entdeckt hat.
nicht nur erstaunlich, sondern erfreulich und der Not gehorchend. Wann kam schon mal humoriges aus der verbrämten Sozialpsycho-pädagogischen Ecke ? 1+1=2, selbst wenn die humorlosesten Soziltralalas erst nach stundenlangen Diskussionen bereit sind, zögernd zustimmen.
4. Schöne Tradition
DSL 13.03.2013
Ein schöner Bericht über eine lange gelebte Tradition an deutschen Universitäten. An meiner Uni war das schon immer üblich. Ein Motorradfan hat beispielsweise einen Helm bekommen auf welchem dann besondere Ereignisse und Spüche in einem Stillleben festgehalten wurden. Mein eigner Hut stellt interaktiv meine Forschungsexperimente inklusive Ergebnissen dar;-). Am Aufwand kann meist direkt die Wertschätzung durch die anderen Doktoranden abgelesen werden. Am besten sind aber immer die Erläuterungen durch den nächsten Absolventen die bei der Übergabe erzählt werden. Für mich war das ein sehr emotionales Erlebnis.
5.
abaluma 13.03.2013
Physiker muss man einfach mögen
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Studium
RSS
alles zum Thema Zeitgenössische Kunst
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 15 Kommentare
Fotostrecke
Schaf unter der Guillotine: Kopflos in den Kunstskandal

DDP
Uni Bolognese: Erstsemester sind ratlos, Professoren kratzen sich am Kopf. In den Chaostagen der Bachelor-Master-Umwälzung sickern sonderbare neue Begriffe in den akademischen Jargon. SPIEGEL ONLINE klärt auf - mit dem kleinen Bachelor-Alphabet.
Fotostrecke
Pinkel-Petra: Polizistin mit runtergelassener Kampfhose