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Bloggende Studenten: Die Professoren-Stalker

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Online-Pranger: Die Gesinnungspolizisten Fotos
Verena Brandt/ UNI SPIEGEL

Linke Studenten haben ein neues Hobby: Sie stellen Professoren, die anders denken als sie, an den Internet-Pranger. Einige der anonymen Gesinnungspolizisten nennen sich "Caro" - und sind verstörend erfolgreich.

Professor Jörg Baberowski ist schmerzgeplagt, doch er hat genug Kraft, um über seine Feinde zu schimpfen. Er nennt sie die "Sekte", die "Bekloppten", die "Irren". Er stöhnt und ächzt und kann in seinem Bürosessel kaum sitzen, ein Bandscheibenvorfall quält ihn. Diese "Fanatiker" verfolgten ihn, sagt er, sie schrieben Unsinn im Internet, drängten ihn in eine Ecke, in die er nicht gehöre. Seit über einem Jahr gehe das nun schon so, ständig tauche neuer Quatsch im Netz auf. Inzwischen sei er sogar vorsichtig, mit wem er sich sehen lasse - schließlich wolle er niemanden in seine Probleme hineinziehen. "Die Typen fotografieren mich nämlich immer, wenn ich irgendwo öffentlich auftrete", sagt Baberowski.

Der 54-Jährige ist ein angesehener Historiker, Fachgebiet Osteuropa. Er wird oft zu Podiumsgesprächen geladen und erhielt 2012 den Preis der Leipziger Buchmesse für das Sachbuch "Verbrannte Erde", eine Studie über Stalin. Seit fast 13 Jahren ist er Professor an der Berliner Humboldt-Universität, und was ihm derzeit widerfährt, ist eine Form von Stalking, die besonders in der Hauptstadt, aber auch in anderen deutschen Hochschulstädten wie zum Beispiel Rostock und Frankfurt zu beobachten ist.

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Dahinter stecken studentische Gruppen, die mit großem Aufwand nach allem suchen, was nicht zu ihrem Weltbild passt. Um im Raster der Aktivisten hängen zu bleiben, kann es schon genügen, etwas anderer Meinung zu sein, in älteren Texten wiederholt das Wort "Neger" mitzulesen oder in Skripten bei "Student(*)innen" das (*) für die Transmenschen zu vergessen. Die Hatz ist zwar intellektuell oft dürftig unterfüttert, aber nicht ohne Folgen. Denn wegen der Wucht, die Webkampagnen entwickeln können, bleibt regelmäßig etwas kleben: Wenn ein Wissenschaftler Pech hat, muss er fortan mit dem Ruf leben, zumindest ein kleines bisschen radikal oder sexistisch zu sein.

Einer der fleißigsten Professorenjäger heißt Christoph Vandreier. Der Aktivist ist 34 Jahre alt, trägt Vollbart und ist eigentlich kein Student mehr. Trotzdem fungiert er noch als Sprecher der Berliner Studentengruppe International Youth and Students for Social Equality (IYSSE). Dabei handelt es sich um eine politische Splittergruppe, die in Berlin etwa ein Dutzend Mitglieder hat und dem marxistischen Theoretiker Leo Trotzki huldigt. Die IYSSE ist ein verschworener Haufen, sie ist die "Sekte", von der Professor Baberowski spricht.

Vandreier bestellt sich im Café der Humboldt-Universität einen Filterkaffee für 90 Cent und erklärt, was ihn an dem Berliner Historiker so sehr stört, dass seine Gruppe ihm regelmäßig mit Aufnahmegerät und Fotoapparat auflauert. "Jörg Baberowski", sagt der Trotzkist im Tonfall eines Dozenten, "betreibt mit seiner Forschung Geschichtsfälschung." Er relativiere zum Beispiel die Schuld der Deutschen am Zweiten Weltkrieg, indem er dem ehemaligen sowjetischen Diktator Josef Stalin eine Mitverantwortung an dessen Ausbruch gebe. Außerdem sei er eine Art Faschist, weil er sich von Deutschland wieder ein stärkeres militärisches Engagement an der Seite seiner Partner wünsche.

"Das sind erbärmliche Feiglinge."
(Politikwissenschaftler Herfried Münkler)

Man kann über Baberowskis Thesen diskutieren, man kann sie auch falsch finden - aber rechtfertigen sie, ihn an den Pranger zu stellen? Natürlich, glaubt Vandreier. Deshalb gehen seine Leute nicht nur regelmäßig auf Fotostreife, sondern haben auch Flugblätter drucken lassen, Infoveranstaltungen organisiert und etliche Texte und Filmchen fürs Internet produziert. "Wissenschaft statt Kriegspropaganda!" heißt eines seiner Videos auf YouTube. Es sind schwere Vorwürfe, die Baberowski gemacht werden - doch wer sich mit ihnen beschäftigt, merkt schnell, dass an vielen nur wenig dran ist und hier jemand aus einer Mücke einen Elefanten macht.

Auch Herfried Münkler hat derzeit Probleme mit studentischen Gesinnungspolizisten. Er ist einer der bekanntesten Politikwissenschaftler Deutschlands, wird oft in Talkshows eingeladen und schreibt Beiträge für Qualitätszeitungen, auch für den SPIEGEL. In dem Blog "Münkler-Watch" sezieren Studenten seit einigen Monaten alles, was der Wissenschaftler so von sich gibt. Sie werfen ihm militaristische, sexistische und rassistische Tendenzen vor - und schaffen es dank des Internets, dass die Öffentlichkeit regelmäßig von diesen Vorwürfen erfährt. Etliche Medien berichteten schon über das Münkler-Blog, unter anderem die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und die "Süddeutsche Zeitung".

Die Studenten, die hinter dem Blog stecken und den Kleinkrieg gegen Münkler führen, wollen anonym bleiben. Sie lehnen es ab, mit dem Historiker, der "jederzeit zu einem Streitgespräch bereit ist", zu diskutieren - vermutlich weil sie befürchten, ihm nicht gewachsen zu sein. "Das sind erbärmliche Feiglinge", glaubt Münkler. Die Aktivisten meiden auch den Kontakt mit den Medien, doch für den UniSPIEGEL wollen sie mal eine Ausnahme machen.

Das Gespräch soll auf einer Wiese an der Spree stattfinden, und tatsächlich taucht ein blonder Junge in Wollpullover und Chucks auf. "Ich bin nicht als ich hier", sagt er kryptisch. "Ich bin hier als Caro Meyer." - Caro Meyer, so nennen sich alle Mitglieder von "Münkler-Watch": Der Name ist geschlechtsneutral, das ist den Aktivisten sehr wichtig. Der "Caro", der zum Treffen erscheint, will sein Alter nicht nennen, dürfte aber Anfang zwanzig sein und wirkt ziemlich nervös. "Ich hätte nie damit gerechnet, dass unser Blog so einen Knall verursachen würde", sagt er.

"Caro" stört vieles an Münkler, unter anderem, dass der Politologe die feministischen Theoriedebatten der vergangenen 30 Jahre verschlafen habe. Außerdem sei es "nervig", dass an Münklers Institut die Diversity Politics systematisch eingedampft würden, ein Fachbereich, der sich mit Fragen von Geschlecht, Sexualität und Rasse auseinandersetzt. Deshalb hätten er und die anderen "Caros" beschlossen, ihren Unmut einem größeren Publikum kundzutun. Das habe auch schon im Fall des Soziologen Michael Makropoulos funktioniert. Hauptkritikpunkt an dessen Arbeit ist seine Literaturliste: Sie sei zu "eurozentristisch", finden die Blogger.

"Sie drängen mich in eine Ecke."
(Historiker Jörg Baberowski)

"Die Vorwürfe", kontert Makropoulos, "waren teilweise haarsträubend, aber sie wurden in einem hochnäsigen, selbstgerechten und teils aggressiven Ton geäußert." So sei ihm angekreidet worden, den Soziologen Niklas Luhmann zu besprechen - und zwar irrigerweise nicht wegen dessen Theorien, sondern weil Luhmann seine Hauptschaffenszeit in den Achtzigerjahren hatte, also in einer Zeit, als die aus der Sicht der Aktivisten teuflische CDU regierte. Kritik entzündete sich auch daran, dass Makropoulos in seiner Vorlesung nur Männer berücksichtige, aber keine Theoretikerinnen. Ein "Problem", das er gern lösen würde, entgegnet der Soziologe: "Aber es gibt schlicht keine Frauen, die Theorie auf dem Level von Durkheim, Simmel oder Habermas gemacht haben und deshalb in einer Einführungsvorlesung vorkommen müssten."

Makropoulos sieht aus wie ein französischer Existenzialist, ganz in Schwarz gekleidet, mit runder Brille. Er gibt sich in seinem kargen Büro alle Mühe, die Kritik sportlich zu nehmen. "Damit muss man umgehen können", sagt er und lächelt bitter. Es habe ihn aber schon etwas beängstigt, wie schnell sich der Protest hochgeschaukelt habe. Die "Münkler-Watch"-Leute hätten ihre Kritik über den E-Mail-Verteiler der Uni an Tausende Adressen geschickt. Plötzlich sprachen ihn Kollegen an, schlugen vor, rechtliche Schritte wegen Verleumdung einzuleiten. Er selbst wolle nichts an seiner Arbeit ändern, sagt Makropoulos. "Ich glaube aber, dass sich viele Kollegen von solchen Angriffen in der Art beeinflussen lassen, dass sie sich selbst zensieren oder ihre Literaturlisten vorsorglich nach den vermuteten Wünschen der Studenten aufbauen."

Makropoulos' Kollege Baberowski will den "Irren" auf jeden Fall nicht entgegenkommen. Wenn die in ihren Videos behaupteten, er vergleiche Stalinismus und Nationalsozialismus, wäre das für ihn völlig in Ordnung. "Dann ist das deren Meinung." Aber Zitate aus dem Zusammenhang zu reißen und zum Beispiel zu unterstellen, dass er es gutheiße, wenn Dörfer niedergebrannt würden - das gehe zu weit: "Das sind Lügen ohne Argument."

Ihn ärgere, wie sehr sich diese Fanatiker aufspielten, sagt Baberowski, dessen Veranstaltungen regelmäßig bis auf den letzten Platz gefüllt sind - genau wie die von Münkler. Es sei doch so: "Es gibt keine Studentenbewegung - im Netz können diese Leute aber eine simulieren." Der Vergleich mit den 68ern, den die "Sekte" gern bemühe, sei absurd: Damals hätten wohl etwa 30 Prozent der Kommilitonen die Ziele der kritischen Studenten unterstützt. Heute seien es vielleicht 0,1 Prozent.

"Der Einfluss dieser Leute ist so klein, dass sie anonym im Internet arbeiten müssen, weil sie sonst von ihren Kommilitonen niedergemacht würden", behauptet Baberowski. Der Fall seines Berliner Kollegen Malte Brinkmann zeige das doch exemplarisch. Linke Studenten störten eine Vorlesung des Erziehungswissenschaftlers; ihnen passte es nicht, dass Brinkmann Immanuel Kant behandelte - unter anderem deswegen, weil sie ihn für einen Rassisten halten. Offenbar jedoch waren die meisten ihrer Kommilitonen nicht ganz so kritisch: Sie riefen die Polizei, damit die Vorlesung wie geplant ablaufen konnte.

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© UNI SPIEGEL 4/2015
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Titelbild
Heft 4/2015 Wie Studenten Jagd auf ungeliebte Profs machen