Online im Hörsaal: Immer appgelenkt

Von Almut Steinecke

Facebook, Twitter und dann noch schnell die Mails checken - Studenten sind während der Vorlesung oft im Stand-by-Modus. Das bringt nicht nur im Studium Probleme, sondern tut auch dem Geist nicht gut. Wer alleine nicht davon loskommt, muss zum Suchttherapeuten.

Professor Thomas Hoeren erinnert sich noch gut an einen Abend im November, der sein Borussen-Herz arg quälte. Er konnte sich schlecht konzentrieren an jenem Mittwochabend. Ausgerechnet beim Vorrundenspiel gegen Ajax Amsterdam musste der Münsteraner Jura-Professor eine Sondervorlesung zum Thema "Informationsrecht" halten, die erst spät enden sollte. Vom Champions-League-Spiel seines Lieblingsvereins Dortmund würde er deshalb so gut wie gar nichts mitbekommen, so dachte Hoeren.

Die Uhr zeigte schon 21 Uhr, doch der Hörsaal war voll: Hoerens Veranstaltungen erfreuen sich stets großer Beliebtheit. Allerdings schienen ihm auch die Studenten noch abgelenkter zu sein als sonst. Ein Gemurmel erfüllte den Raum, dann ging plötzlich ein Raunen durch die Stuhlreihen. Hoeren kann sich vorstellen, was da los war: Da werden einige andere Dortmund-Fans nebenbei auf ihrem Smartphone oder Tablet per Ticker oder gar Livestream verfolgt haben, wie sich ihre Mannschaft so schlägt.

"Okay", sagte Hoeren, "ich fühle heute mit Ihnen. Während wir uns hier mit so schwerem Stoff beschäftigen, erleidet Dortmund vielleicht gerade seine Schicksalsminute!"

"Keine Sorge, Herr Professor", rief ein Student und hielt sein Smartphone hoch. "Dortmund führt."

Ausnahmsweise war es Hoeren an diesem Abend mal recht, dass sich einige der Hochschüler während der Vorlesung immer mal wieder über ihren kleinen Computer beugten. Ansonsten gehe ihm die "multimediale Multipräsenz" aber gehörig auf die Nerven, sagt er.


Foto Verena Brandt/ Illustration Eva Jauss

Bekenntnis eines Festnetz-Professors: Der Düsseldorfer Jurist Thomas Hoeren macht keinen Hehl daraus, dass er mit moderner Technik fremdelt. Smartphone-süchtigen Studenten und Kollegen rät er, sich fortzusharen. Hoeren sagt: Ich bin gerne Cyber-phob. mehr...


Leider sei es schon "ganz normal", mal eben mitten in der Vorlesung einen Tweet zu senden, seinen Status zu posten oder mit Freunden zu chatten. Er empfinde das als "verlängerte Privatsphäre, die in den öffentlichen Raum hineinreicht und dort massive Störungen verursacht". Es sei ihm kaum möglich, etwas gegen den Stand-by-Modus seiner Studenten zu unternehmen.

Natürlich könnte er die Teilnehmer zu Beginn einer jeden Vorlesung auffordern, Handys, Smartphones und Tablets auszuschalten. Er könnte an die Vernunft appellieren und daran erinnern, dass das, was er da sagt, wichtig ist für die Prüfung, für die berufliche Zukunft, vielleicht sogar fürs Leben.

Aber er will seine Studenten nicht wie Grundschüler behandeln. Deswegen könne und wolle er die Geräte auch nicht einsammeln, er habe dazu auch "keine Ermächtigungsgrundlage". Wie solle man das zudem auch organisieren, wenn 300 Studenten anrücken, von denen fast 100 Prozent Handy und Computer mitbringen?

Hoeren ahnt, dass er das Ruder nicht mehr herumreißen kann: Facebook, WhatsApp und Co. haben die Seminarräume und Vorlesungssäle erreicht, und so, wie es aussieht, werden sie auch nicht mehr weichen. Er wird sich wohl damit abfinden müssen, dass ein Großteil der Studenten abgelenkt ist und der Sound einer ankommenden Kurznachricht zur Geräuschkulisse gehört.

Soziale Netzwerke sind wie Zigaretten für Raucher

Alle Erwachsenen unter 30 sind im Netz unterwegs, laut einer Studie von ARD und ZDF verbringen sie dort täglich drei Stunden - was auch daran liegt, dass die Surferei praktisch an jedem Ort Deutschlands möglich ist.

Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen zieht daher eine ernüchternde Bilanz: "Auch wir als Dozenten stehen nun in ständiger Konkurrenz zur permanent mitlaufenden Netzkommunikation." Das allein sei eigentlich schon gravierend genug. Schlimmer sei es allerdings, dass das mediale Dauerrauschen Auswirkungen auf die Lernfähigkeit der Studenten habe.

Angehenden Akademikern falle es schwerer denn je, aufmerksam zuzuhören oder lange Texte mit Muße und Gewinn zu lesen, hat Pörksen festgestellt. Es sei vielen schlicht unmöglich, sich abzuschotten, die Restwelt auszublenden, Facebook-Postings zu ignorieren.

Soziale Netzwerke seien für viele so etwas wie Zigaretten für Raucher. Auch wenn es dem einen oder anderen mal gelinge, das Ding auszuschalten, den Rechner zuzuklappen und sich abzuschneiden von dem digitalen Kosmos: Die Buchlektüre sei weitgehend zu einem "groben, flüchtigen Scannen" verkommen.

Gelesen werde wie im Netz: quasi von Link zu Link springend, angetrieben von dem unterschwelligen Gefühl, dass man etwas verpasst, wenn man allzu lange irgendwo verweilt, sagt Pörksen.

Dazu passt, dass offenbar immer mehr Studenten lange Texte als Zumutung empfinden. Noch vor ein paar Jahren hätte man sein 500 Seiten starkes Script "Internetrecht" als Lernmaterial "ohne Murren" zur Vorbereitung auf seine Vorlesungen akzeptiert, möglicherweise sogar ganz gelesen, sagt der Münsteraner Professor Hoeren.

In letzter Zeit häuften sich dagegen die Anfragen, ob man das Script nicht auf 30 Seiten kürzen und mit Bildern und Grafiken versehen könnte. Außerdem werde schon während der Veranstaltung gern mal in den Tiefen des Netzes recherchiert, ob es das, was der Prof da vorn referiert, nicht auch irgendwo in komprimierter Form gibt.

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insgesamt 74 Beiträge
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1. wenn die Damen und Herren..
Spiegelleserin57 24.03.2013
Studenten ihren Stoff beherrschen und morgens aufgeweckt und munter zur Vorlesung kommern ist ja alles o.k. ansonsten sollte ein PÜrof es einfach so handhaben , die Karawane zieht weiter, wer nicht mit kommt hat einfach Pech gehabt!
2. Blockieren
lovearthatecops 24.03.2013
warum die unis nicht einfach hf sender in ihre hör säale bauen , auf die handy frequenzen eingestellt kommt in dem raum dann kein signal mehr durch für notrufe kann man dann vorne am proftisch ein festnetz nutzen um ärzte zu rufen zb
3. Wenn man
Mancomb 24.03.2013
denn mal im Hörsaal Empfang hätte! Obwohl ich vom Hörsaal aus den Funkturm sehe (!), habe ich keinen. Dürfen in Deutschland denn überhaupt Störsender verbaut werden? Smartphones sind ungemein praktisch, wenn man mal schnell etwas nachschauen will. Dafür benutze ich sie (oder würde, wenn ich in dem blöden Hörsaal überhaupt Empfang hätte) während der Vorlesung und für nichts anderes. Wer die Telefone ständig für etwas anderes nutzt, wird früher oder später schon die Quittung dafür kriegen.
4. Generation smartphone und der Untergang
unbreakable79 24.03.2013
Welche Auswirkungen die momentanen Erscheinungen der Generation smartphone mit sich bringen, sind noch garnicht ausgemacht.Das heutige Leben in einer Informationsgesellschaft verändert grundlegende Kommunikations- und Sozialstrukturen, die wiederum den Menschen und sein Wesen verändern. Das ständige Mitteilungsbedürfnis und die sofortige Erreichbarkeit jedes einzelnen, sind nur Krankheitssyptome eine Epidemie, die sich immer mehr und mehr ausbreitet. Der Virus dieser Krankheit ist die Information und der Mensch ist der Wirt.Das Bild dieser Krankheit ist klar: Informationen werden nicht mehr eigenständig verarbeitet und reflektiert sondern nur konsumiert. Wenn der Mensch aber seine Reflektionsfähigkeit in Bezug auf sich und seine umwelt einbüßt, ist der Untergang des Abendlandes nicht mehr weit.
5.
ehf 24.03.2013
Wer schon so unvernünftig ist, diese "social media" überhaupt zu nutzen, sollte als Student wenigstens so schlau sein, seine Smartphones, Notebooks etc. beim Uniaufenthalt zuhause zu lassen. Das erspart dann auch die Kosten und die Mühe, einen Suchttherapeuten aufsuchen zu müssen.
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Heft 1/2013 Wie Tablets und Smartphones vom Studium ablenken
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