Buddhismus-Uni: Wir studieren Seelenfrieden

Von , Seoul

Einen Abschluss, nur fürs Meditieren? Ganz so einfach bekommt man ein Buddhismus-Diplom der buddhistischen Privat-Uni in Seoul nicht. Die Studenten müssen Sanskrit büffeln und uralte Texte entziffern. Nicht alle sind dort, weil sie gläubig sind. Manche treibt die Angst vorm Sterben oder der pure Stress.

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Buddhismus-Studenten erzählen: "Ich bin ein entspannterer Mensch"
Buddhismus im Westen, das sieht oft so aus: Auf Meditationskissen fahnden gestresste Projektleiter und Managerinnen im Dunst von Räucherstäbchen nach dem inneren Frieden. Was bei uns manchmal wie eine Modeerscheinung wirkt, hat in anderen Ländern hingegen eine jahrhundertealte Tradition. In Südkorea zum Beispiel gehört der Buddhismus zum Alltag.

In der Hauptstadt Seoul steht sogar eine buddhistische Hochschule, die private Dongguk-Universität. Ihr Ziel: den Studenten buddhistische Tugenden näherbringen und den buddhistischen Geist in die Welt hinaustragen.

Studenten zahlen hier rund 2500 Euro im Jahr, plus 700 Euro Aufnahmegebühr, wenn sie sich mit buddhistischer Literatur, Kunst oder Geschichte beschäftigen wollen. In einem der nüchternen Seminarräume spricht eine Klasse ihrem Dozenten tibetische Silben nach. Die dunstige Sonne schafft es kaum durch die apricotfarbenen Vorhänge. Über der Tafel hängt das verblichene Foto einer Buddha-Statue.

In dem Raum sitzen an einem Tag im Frühling unter anderem ein koreanisches Rentnerpärchen, ein Mönch aus Nepal, eine Studentin der Kunstgeschichte aus Litauen.

Hier erzählen sie, was sie an die Universität in Seoul verschlagen hat, um Buddhismus zu studieren. Mal ist es Geschäftssinn, mal tiefer Glaube oder die Angst vor dem Sterben, der sie antreibt:

Lakpa Sherpa, 29: "Ich bin gerne Mönch"

Lakpa Sherpa lebte in einem Kloster in Nepal, bevor er nach Südkorea kam. Zur Großansicht
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Lakpa Sherpa lebte in einem Kloster in Nepal, bevor er nach Südkorea kam.

"Ich stamme aus dem Volk der Sherpa in Nepal und der Buddhismus gehört zu unserer Tradition. Meine Familie hat mich in ein Kloster bei Katmandu geschickt, als ich 17 war. Ich sollte drei Jahre dort bleiben, und sie haben mir die Wahl gelassen, was ich danach machen möchte. Ich bin gerne Mönch. Vor drei Jahren zog ich nach Seoul. Mein Onkel lebt hier in einem Kloster, dort brauchten sie Verstärkung. Ich habe meinen Lehrer in Nepal gefragt, ob ich gehen darf und er war einverstanden. Wenn ich mit dem Bachelor fertig bin, möchte ich einen Master machen. Doch hier in Südkorea vermisse ich die Natur und die Berge. In Seoul gibt es viel zu viele Menschen, sie lenken ab und ich kann mich nur schlecht konzentrieren."

Yeo Ji Won, 34: "Man muss im Innern nach Antworten suchen"

Yeo Ji Won brach ihr Studium in den USA ab, als sie an Krebs erkrankte Zur Großansicht
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Yeo Ji Won brach ihr Studium in den USA ab, als sie an Krebs erkrankte

"Ich habe BWL in den USA studiert, als bei mir vor vier Jahren Lymphdrüsenkrebs diagnostiziert wurde. Ich brach mein Studium ab und kam nach Südkorea zurück. Die Möglichkeit, dass ich sterben könnte, hat mir große Angst gemacht. Ich suchte nach Halt und ging in ein Meditationszentrum. Dort lag ein buddhistisches Buch mit dem Titel 'Wie man glücklich stirbt'. In dem stand, dass man in seinem Innern nach Antworten suchen muss und nicht draußen in der Welt. Das hat mein Leben verändert. Als es mir wieder besser ging, habe ich angefangen, Buddhismus zu studieren. Ich bin jetzt im vierten Semester. Die Angst vor dem Tod ist noch nicht verschwunden, aber sie ist nicht mehr so stark. Wenn ich weiterstudiere, schaffe ich es vielleicht, sie zu überwinden."

Kang Shin Won, 58, und You Kyung Hee, 56: "Studieren ist entspannt"

Das südkoreanische Ehepaar You (links) und Kang hilft sich mit den Hausaufgaben Zur Großansicht
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Das südkoreanische Ehepaar You (links) und Kang hilft sich mit den Hausaufgaben

Kang: "Wir sind Buddhisten, und als wir in Rente gingen, wollten wir mehr über die Theorie lernen, die hinter unserem Glauben steht. Früher habe ich für eine Bank gearbeitet, meine Frau hat den Haushalt organisiert."

You: "Ich merke, wie sich mein Geist geweitet hat und dass ich noch viel gläubiger geworden bin, seit ich mich so intensiv mit dem Buddhismus beschäftige. Ich glaube jetzt weniger oberflächlich."

Kang: "Wir sind fast fertig mit unserem Master. Parallel haben wir damit begonnen zu promovieren, in indischer Philosophie und Buddhismus. Vier Tage in der Woche kommen wir an die Uni. Es ist recht entspannt hier, wir helfen uns gegenseitig mit den Hausaufgaben und den Vorbereitungen für Seminare."

Giedre Stumbryte, 22: "Zu Hause ist man katholisch"

Giedre Stumbryte konnte ihre Neugierde auf Tibet in Litauen nicht stillen Zur Großansicht
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Giedre Stumbryte konnte ihre Neugierde auf Tibet in Litauen nicht stillen

"Ich wollte zu Hause in Litauen Buddhismus studieren, aber das gab es an meiner Uni nicht. Also habe ich mich für Kunstgeschichte eingeschrieben. Vor einem Monat kam ich für ein Austauschsemester nach Seoul, hier lerne ich viel über den Buddhismus. Mich interessieren politische Dinge, zum Beispiel der Konflikt zwischen China und Tibet, und wie Tibeter die Welt sehen. Außerdem bin ich Vegetarierin und glaube daran, dass alles lebt und dass wir die Natur und ihre Geschöpfe lieben müssen. In Litauen verstehen wenige, dass ich Buddhismus studieren will. Dort kannst du insgeheim denken und glauben, was du willst, aber nach außen hin ist man katholisch, so gehört es sich."

Choi So Hee, 22: "Buddhismus ist ein vielversprechendes Feld"

Choi So Hee aus Incheon überzeugte ihre christlichen Eltern von ihrer Fächerwahl Zur Großansicht
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Choi So Hee aus Incheon überzeugte ihre christlichen Eltern von ihrer Fächerwahl

"Ich glaube an gar keine Religion. Buddhismus studiere ich, weil ich Übersetzerin für Englisch werden will und dazu ein Fachgebiet wählen musste. Buddhismus gehört zu meiner Kultur und es ist ein vielversprechendes Feld. Ich habe gehört, dass sich Westler sehr dafür interessieren und ich will demnächst in die USA ziehen. Meine Eltern sind Christen und sie fanden meine Fächerwahl zuerst überhaupt nicht gut. Jetzt haben sie es akzeptiert, weil ich mich wirklich sehr reinhänge. Ich mag die buddhistische Philosophie und ich möchte Bücher darüber ins Englische übersetzen. Außerdem will ich als Yoga-Lehrerin arbeiten, das passt auch gut dazu."

Woo Seun Gu, 23: "Ich bin ein entspannterer Mensch"

Woo Seun Gu aus Seoul litt in der Schule sehr unter dem Druck Zur Großansicht
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Woo Seun Gu aus Seoul litt in der Schule sehr unter dem Druck

"Als ich in der Highschool war, habe ich ständig für die Aufnahmeprüfung zur Uni gelernt. Damals ist mir ein Buch eines hohen koreanischen Mönchs in die Hände gefallen. Er hat in einfachen Worten erklärt, wie man mit Leid umgeht. Das hat mich tief beeindruckt. Damals habe ich gelitten, weil ich so viel pauken musste. Buddhismus ist gut, um mit Stress fertig zu werden. Jetzt bin ich ein entspannterer Mensch und ich kann mich eher über kleine Dinge freuen. Meditiert habe ich noch nicht, das stelle ich mir sehr schwer vor, aber eines Tages versuche ich es. Ich bin nicht sehr gläubig. Ich möchte Journalist werden und über Kulturthemen schreiben. Und der Buddhismus gehört zu unserer Kultur."


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insgesamt 9 Beiträge
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1. Buddhistische Universität
rainer_daeschler 13.05.2013
Durch den Artikel entsteht der falsche Eindruck, die Dongguk Universität in Seoul wäre ausschließlich zum Zweck buddhistischer Studien. Das ist sie so wenig wie die Universität Nijmegen in dne Niederlanden, die bis 2004 noch den Zusatz "Katholisch" trug, für die Glaubenslehre. an der Dongguk Universität studieren über 17.000 Studenten und alle maßgeblichen Fakultäten sind abgedeckt. Es handelt sich also keinesfalls um Ein- bis Zwei-Gebiete-Universität, wie viele der Gründungen an Privatuniversitäten in den letzten Jahren in Deutschland. Es ist eine ganz normale Universität, die Buddhismus als eines Ihrer Schwerpunkte pflegt.
2.
kain.klarname 13.05.2013
Kennt jemand dieses Buch oder weiß, wo man es bekommt?
3. Buch
Layer_8 13.05.2013
Zitat von kain.klarnameKennt jemand dieses Buch oder weiß, wo man es bekommt?
"In dem stand, dass man in seinem Innern nach Antworten suchen muss und nicht draußen in der Welt"? Versuchs mal mit dem für den Anfang: Die Vier Edlen Wahrheiten: Die Grundlage buddhistischer Praxis: Amazon.de: Dalai Lama, Marion B. Kroh: Bücher (http://www.amazon.de/Die-Vier-Edlen-Wahrheiten-buddhistischer/dp/3596149738/ref=sr_1_7?ie=UTF8&qid=1368472848&sr=8-7&keywords=Dalai+Lama)
4. Auch in Deutschland gibt es ein systematisches Studium des Buddhismus
dborrmann 13.05.2013
Man kann am Tibetischen Zentrum in Hamburg ein systematisches Studium des Buddhismus absolvieren. Der Studiengang dauert 14 Semester. Ich bin glücklich, dort Buddhismus studieren zu können. Sanskrit oder Tibetisch sind nicht obligatorisch. Das Studium ist gut strukturiert und umfassend. Zur Zeit bin ich im 6. Semester. Ich bin sehr glücklich über diese Möglichkeit in Deutschland.
5. klischee, ick hör dir trapsen...
Lagenorhynchus 13.05.2013
"...Buddhismus im Westen, das sieht oft so aus: Auf Meditationskissen fahnden gestresste Projektleiter und Managerinnen im Dunst von Räucherstäbchen nach dem inneren Frieden. " So ein Schwachsinn. Im japanischen Zenbuddhismus sind die meisten zenmeister mittlerweile aus Amerika oder Europa. Und wer glaubt, dass man für Buddhismus asiatische Gesichtszüge haben muss, der muss auch Protestantismus für etwas genetisches halten.
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