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Studenten helfen Illegalen: "Wartet da nicht die Polizei?"

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Ihre Patienten dürften gar nicht da sein: Mainzer Medizinstudenten behandeln Menschen, die illegal in ihrer Stadt leben, ehrenamtlich und kostenlos. Eigentlich besteht eine Meldepflicht für die Statuslosen, doch die angehenden Mediziner wollen keine Namen hören - sie wollen helfen.

"Keine Polizei, nein, keine Polizei." Anna Kremer spricht in den Telefonhörer. "Es gibt keine Probleme." Ihre Stimme ist ruhig, der Blick konzentriert. "Wartet da nicht die Polizei?", das sei die Frage, die sie beinahe immer als erstes hört. Die 25-Jährige beruhigt den Anrufer. Er soll doch vorbeikommen, Namen spielen keine Rolle, wirklich nicht.

Sprechstunde beim Verein Medinetz in Mainz. Draußen ist es dunkel, 18 Uhr, ein Wintermontag. Hier kümmern sich Medizinstudenten wie Anna Kremer um die Versorgung von Menschen ohne Papiere. Mahmadou Diol* ist mehrmals am Eingang des Caritas-Zentrums in der Mainzer Neustadt vorbeigegangen, in dem Medinetz die Sprechstunde anbietet. Es ist kalt, seine Nase hat er in den Kragen gesteckt, die Kapuze über den Kopf und tief in die Stirn gezogen. Er beobachtet die Hofeinfahrt des grauen Hauses genau. Bevor er den Hof betritt, will der Senegalese herausfinden, wer aus dem Zentrum herauskommt, wer hineingeht. Ob ihn vielleicht doch die Polizei erwartet hinter den erleuchteten Milchglasscheiben.

Vor der Einfahrt steht ein grünes Schild, in sieben Sprachen lockt es nach innen. Das Angebot: Krankenversorgung, anonym und kostenlos. Diol lebt bei einem Bruder in Mainz. Als sein Asylantrag abgelehnt wurde, ist er untergetaucht. Jetzt hat er Schmerzen, aber keine Aufenthaltsgenehmigung und damit auch keine Krankenversicherung. Hätte er Geld, könnte er selbst einen Arzt bezahlen. Er ist sich nicht sicher, was er tun soll. "Ich kann ja nicht einfach so zum Doktor." Er suchte eine Lösung und hat dann drinnen angerufen. Aber reingehen, das traut er sich nicht, noch nicht.

Wer sich nicht offenbart, kriegt keine Leistungen

In Deutschland leben zwischen einer halben und einer Million Menschen ohne Aufenthaltserlaubnis. Doch wer keine Papiere hat, darf nicht krank werden. Denn Deutschland ist das einzige europäische Land mit ausdrücklicher Übermittlungspflicht für Behörden. Öffentliche Ämter wie zum Beispiel das Sozialamt oder ein öffentliches Krankenhaus sind verpflichtet, Menschen ohne gesicherten Status der Ausländerbehörde zu melden. Paragraf 87, Absatz 2 des Aufenthaltsgesetzes kann aus Zahnschmerzen also ein unlösbares Problem machen, im Extremfall auch eine Abschiebung. "Die Patienten haben einfach Angst zum Arzt zu gehen oder sich beim Sozialamt einen Krankenschein zu holen", sagt Jakov Gather, Vorstandsmitglied bei Medinetz.

Wer sich dem Staat nicht offenbart, kriegt von ihm keine Leistungen - so steht es in einem Bericht zur Lage illegaler Einwanderer des Bundesinnenministeriums (BMI) aus dem Jahr 2007. Ein Migrant ohne Papiere könne sich zwar privat oder als Asylbewerber behandeln lassen, dann muss er aber "seinen Aufenthaltsstatus offen legen". Das allerdings ist für Statuslose gleichbedeutend mit einer Einwilligung in die eigene Abschiebung. Die Behörden vor Ort drücken oft beide Augen zu und lassen Helfer wie den Verein Medinetz gewähren.

Rund zwanzig Medizinstudenten, junge Ärzte und eine Allgemeinmedizinerin im Ruhestand beraten, telefonieren, vermitteln für den Mainzer Verein. Manche veranstalten auch Fundraising-Partys, um Operationen und Medikamente bezahlen zu können. "Wir werden toleriert", sagt Gather über seine Arbeit in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt. Wie streng die Behörden mit Helfern der Illegalen sind, ist von Stadt zu Stadt, von Bundesland zu Bundesland verschieden.

Viele kommen mit akuten Beschwerden - manche zu spät

Zwei Stunden pro Woche können Patienten zur Sprechstunde in die Mainzer Neustadt kommen, manche tun dies spät, manche rechtzeitig und manche trauen sich doch nicht. Die Beschwerden der Migranten sind meist akut. Gather spricht von Zahnschmerzen, gynäkologischen Problemen, psychischen Leiden - und von Menschen, die zu spät kommen und denen nicht mehr zu helfen ist.

Medinetz kooperiert mit 30 Ärzten aus Mainz und Umgebung, die Migranten kostenlos behandeln. Rainer Lange, Gynäkologe, macht Vorsorgeuntersuchungen für Schwangere. "Ich biete Ultraschall und persönlichen Einsatz", sagt der Arzt. Für Lange ist medizinische Grundversorgung ein Menschenrecht, ohne Wenn und Aber. Zwar gibt es das Asylbewerberleistungsgesetz, nach dem Menschen ohne geregelten Aufenthaltsstatus bei akuter Krankheit, Schmerzen oder Schwangerschaft offiziell Ansprüche auf medizinische Basisversorgung haben. Doch Lange weiß, dass viele Patienten Angst haben, dieses Recht wahrzunehmen, oder nicht wissen, an wen sie sich wenden sollen. Hinzu kommen häufig Sprachprobleme.

Die Motivation der Mainzer Aktivisten, die Gesundheitsversorgung ihrer Patienten zu sichern, ist groß. Doch eine langfristige Lösung kann Medinetz nicht bieten. "Nichtstaatliche Hilfsorganisationen gehen einen Schritt in die richtige Richtung", sagt Uli Sextro, Sprecher des Arbeitskreises Asyl in Rheinland-Pfalz. Doch er findet, dass der Staat seine Verantwortung an Dritte abgibt. Lösungsvorschläge gebe es. "Zum Beispiel die Ausstellung von anonymen Krankenscheinen, die dann bei den Kassen abgerechnet werden könnten oder die Errichtung eines staatlichen Fonds für kostspielige Behandlungen", sagt Sextro. Das Land Berlin prüft derzeit, ob solche anonymen Krankenscheine an Illegale in der Hauptstadt ausgegeben werden können.

Die zentrale Forderung des Vereins Medinetz konzentriert sich aber auf die Abschaffung der strengen Meldepflicht, weil die Organisation das Recht auf Gesundheitsversorgung wichtiger findet als staatliche Regeln zur Migrationskontrolle. Einwanderer lassen sich von ihrer illegalen Einreise nicht dadurch abhalten, dass ihnen der Weg zum Arzt versperrt ist, davon ist Vorstandsmitglied Gather überzeugt.

Mahmadou Diol schleicht unschlüssig vor dem Caritas-Zentrum auf und ab. Er war seit acht Jahren nicht mehr beim Arzt. Wenn der 50-Jährige glaubt, krank zu sein, fühlt er sich oft schlecht und hat Angst, "dass etwas Schlimmes dahinter stecken könnte". Diesmal traut er sich nicht. Am nächsten Montag wird er wieder kommen und das Zentrum dann auch betreten. Die Studenten von Medinetz werden ihm dann einen passenden Arzt vermitteln, seine Zahnschmerzen werden verschwinden und Diol fühlt sich ein wenig besser.

*Name geändert

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