Meine Eltern sind mir immer nah. Ich erkenne sie in meinen Augen und meinen Knubbelknien. In meiner Angewohnheit, am Ohr zu zupfen, wenn ich nachdenke. Als Koordinatensystem, anhand dessen ich die Welt wahrnehme, als Reibefläche, als Maßstab. In allem, was ich ihnen zuliebe mache oder aus Trotz.
Meine Eltern sind immer bei mir. Aber diese Art der Nähe meine ich jetzt nicht.
Seit Juli trennen nur zweieinhalb Zentimeter meine Eltern und mich - so breit ist die Schiebeplatte zwischen dem Dachboden, den ich seit Juli bewohne, und ihrem Stockwerk. Selbst die Nabelschnur war länger. Ich bin wieder zu Hause eingezogen.
Im Juli verkaufte die Hausverwaltung das Haus, in dem meine WG zu Hause war. Die Semesterferien hatten gerade angefangen, ich hatte nichts dringendes in Berlin zu tun und beschloss, den Sommer bei meinen Eltern in Süddeutschland zu verbringen - zum ersten Mal seit dem Abitur.
Die Pro-Argumente waren nicht originell, aber schwerwiegend: Mamas Pfannkuchen, die gute Kaffeemaschine und die Gelegenheit, alte Freundschaftsbänder enger zu knüpfen. In Ulm warteten die Katze, die Bücher, die ich in den ersten 20 Jahren meines Lebens gesammelt habe und Gartengurken.
Um meine Freiheit sorgte ich mich nicht. Ich hatte keine Solange-du-deine-Füße-unter-meinem-Tisch-hast-Eltern. Ich hatte keine Angst, plötzlich minutiös meine geographischen Koordinaten rapportieren zu müssen. Klar, Liebesleben klappt hinter zweieinhalb Zentimeter Sägespan nicht besonders gut. Privatsphärenkürzungen gegen mietfreie Gemütlichkeit empfand ich aber als einen durchaus fairen Tausch. Zum ersten Mal seit drei Jahren stand ich also nicht mit einem Übernachtungskoffer, sondern einem Lastwagen vor der elterlichen Tür. Ihre Adresse war wieder die meine.
Was folgte, lässt sich in drei Phasen aufteilen:
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