Briten an deutschen Unis: Flucht von der Insel

Von Rick Noack

Sie fliehen vor den horrenden Studiengebühren in ihrer Heimat: Bis vor kurzem gehörten britische Studenten noch zu den Exoten an deutschen Unis, doch nun zieht es Tausende zur Billigkonkurrenz auf dem Kontinent. Denn günstiger ist ein Studium fast nirgendwo zu bekommen.

Bye, bye Britain: Was britische Studenten an deutsche Unis treibt Fotos
AP

Svenja Rausch kennt den Andrang schon. Gerade hat sie ihren Stand auf einer Berufs- und Ausbildungsmesse an der University of Birmingham aufgebaut, schon ist sie von Studenten umringt. Die 29-Jährige hat ja auch ein attraktives Produkt anzubieten. Sie arbeitet für den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) und rührt die Werbetrommel für ein Studium in Deutschland. Ob man Deutsch können müsse, um in Deutschland zu studieren, fragen die Studenten, die an ihrem Stand stehen. Nein, antwortet Svenja, zehn Prozent der Master-Studiengänge würden auf Englisch unterrichtet. Und wie es um Stipendien und um Studiengebühren bestellt sei? Gebühren gebe es fast keine, sagt sie. "Das ist zu schön, um wahr zu sein", sagt eine Studentin und verstaut die Broschüren aus Deutschland in ihrer Tasche.

Für englische Studienbewerber erscheint es mittlerweile unvorstellbar, dass ein Studium gratis ist. Die Gebühren in England wurden zuletzt stark erhöht, in vielen Fällen um das Dreifache. Schon ein Bachelor-Studium kostet einen bis zu fünfstelligen Euro-Betrag im Jahr. Deshalb ziehen viele junge Engländer nun zur Billigkonkurrenz ins europäische Ausland. Die Massenflucht endet besonders häufig in Deutschland, denn günstiger ist ein Studium fast nirgendwo zu haben.

14 Bundesländer verlangen ab dem Herbst gar keine Gebühren mehr, nur Bayern und Niedersachsen wollen rund 500 Euro pro Semester. Damit haben die deutschen Hochschulen weltweit fast ein Alleinstellungsmerkmal, wie eine Hochschulberatungsfirma aus Kanada in einer Studie festhielt. Die Experten untersuchten 40 Länder. Generell seien Hochschulen weltweit zunehmend gezwungen, sich durch hohe Gebühren statt staatlicher Hilfen zu finanzieren.

Londons DAAD-Außenstelle verzeichnet einen "Anstieg im dreistelligen Bereich"

Bei der Messe in Birmingham scheint sich bereits eine Neuordnung der europäischen Hochschullandschaft abzuzeichnen: Viele Stände der britischen Unis sind verwaist, bei der billigen EU-Konkurrenz drängen sich die Studenten. Die größte Begeisterung ruft Svenja mit ihrem Stand hervor. Der Leiter der Londoner DAAD-Außenstelle geht von einem "Anstieg im dreistelligen Bereich" aus, seine Mitarbeiter könnten die vielen Anfragen an manchen Tagen kaum noch bewältigen. Die Begeisterung für den deutschen Nachbarn ist noch ungewohnt für die englischen Hochschulexperten. "Vor ein paar Jahren traf man in Deutschland doch eher einen mongolischen Studenten als einen britischen", sagt zum Beispiel Mark Huntington, Chef der britischen Consulting-Firma AStarFuture, die Briten beim Auslandsstudium hilft.

Attraktiv ist Deutschland aber nicht nur, weil das Studium gar nichts oder nur sehr wenig kostet. Auch das große englischsprachige Angebot sorgt auf der Insel für Begeisterung. Laut Edwin van Rest, Chef des europäischen Studienportals "StudyPortals", ist "in keinem anderen europäischen Land die Anzahl der englischsprachigen Master-Kurse in den letzten zwei Jahren so stark gestiegen wie in Deutschland". Marktführer sind momentan die Niederlande - aber wie lange noch? Inzwischen gibt es in Deutschland rund 650 Kurse, von Design über Economics bis Forestry.

Manche deutsche Hochschule freut sich bereits über den möglichen Ansturm

Besonders in den Naturwissenschaften finden sich viele englischsprachige Angebote; britische Experten berichten von einem deutlich wachsenden Interesse auch an technischen Studiengängen. Und was für Briten nicht teuer ist, ist für andere Studienbewerber ebenfalls billig und damit attraktiv. "Auch Studenten aus China oder Indien, die einen englischen Bachelor gemacht haben, werden nun vermutlich in anderen Ländern nach Master-Kursen suchen", sagt Chris Phillips, Veranstalter von Studiengangsmessen.

Manche deutsche Hochschule freut sich bereits über den möglichen Ansturm aus aller Welt. "Wenn das Interesse an Großbritannien abnimmt, könnte die Anzahl ausländischer Studierender hierzulande weiter steigen", sagt Herbert Grieshop, geschäftsführender Direktor des Center for International Cooperation der Freien Universität Berlin, die sieben Büros im Ausland unterhält, um für ihr Angebot zu werben.

DAAD-Mitarbeiterin Svenja merkt, dass sich auch viele junge Menschen aus anderen Ländern, die in England studieren, für einen Wechsel nach Deutschland begeistern. Kurz nach Eröffnung ihres Standes stehen Sonja aus Hongkong und Gillian aus Malaysia vor ihr. In England wollten sie klug werden, nicht arm, klagen sie und freuen sich über die Alternative. Für den Master aus England aufs Festland zu wechseln, sagt Sonja, habe noch einen weiteren Vorteil: "In Deutschland ist das Wetter besser als in England."

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insgesamt 67 Beiträge
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1. Was hat Deutschland davon? - nichts
Tim Leuther 04.06.2012
Von denen bleibt doch kaum einer hier um zu Arbeiten und Steuern zu bezahlen. Die können ja kein Deutsch. Nachlaufende Gebühren zahlen die auch nicht. Was soll das? Warum "freuen" sich die Unis? Warum macht man dafür Werbung? Was soll das ganze?
2. Eine bessere, nachhaltigere Werbung für Deutschland,....
sikasuu 04.06.2012
.... unsere Wirtschaft und deren Produkte gib es gar nicht! . Wenn es jetzt noch die Politiker schaffen, die Hochschulen vernnftig aus zu statten, kann das etwas werden. Deutsche Hochschulen waren schon einmal, vor ca. 100 Jahren ein exellenter Werbeträger und führend in den Natur- und Geisteswissenschaften. Lasst du Jungs und Madels hier studieren und mit einem guten Eindruck, guter Ausbildung und vielleicht etwas Deutschkenntniss wieder weiter ziehen. Was besseres kann uns langfristig nicht passieren!
3.
aquarelle 04.06.2012
Zitat von Tim LeutherVon denen bleibt doch kaum einer hier um zu Arbeiten und Steuern zu bezahlen. Die können ja kein Deutsch. Nachlaufende Gebühren zahlen die auch nicht. Was soll das? Warum "freuen" sich die Unis? Warum macht man dafür Werbung? Was soll das ganze?
Das gilt natürlich auch nie für die Deutschen, die dann immer alle in NL, A oder der Schweiz bleiben um zu arbeiten... Wenn sie in Deutschland studieren wollen, sollten sie zumindest etwas Deutsch können, erleichtert den Alltag ungemein. Ich sehe das an meinen Kommilitonen, die erst jetzt einen Deutsch-Kurs belegen und sich beschweren, dass die regionale Literatur ja nur auf Deutsch ist... Gilt für jeden: Wenn man in ein fremdes Land geht, sollte man zumindest die Basis beherrschen.
4.
cs01 04.06.2012
Zitat von Tim LeutherVon denen bleibt doch kaum einer hier um zu Arbeiten und Steuern zu bezahlen. Die können ja kein Deutsch. Nachlaufende Gebühren zahlen die auch nicht. Was soll das? Warum "freuen" sich die Unis? Warum macht man dafür Werbung? Was soll das ganze?
Erstens gehe ich davon aus, dass man während eines Studiums in Deutschland auch ein wenig Deutsch lernt. Das sollte automatisch passieren. Man muss nur kein deutsch können, um hier ein Studium zu beginnen. Zweitens sehe ich das als eine der besten PR-Chancen für Deutschland, wenn junge Akademiker aus aller Welt sich hier ausbilden lassen und eine Weile im Land gelebt haben. Vieleicht bekommt ja der eine oder andere junge Brite sogar mit, dass der zweite Weltkrieg vorbei ist und in Deutschland niemand mehr im Stechschritt marschiert. Drittens werden eine erkleckliche Anzahl dieser Studenten auch für deutsche Firmen arbeiten, sei es in Deutschland oder sonstwo. Damit sorgen sie auch direkt oder indirekt für deutsche Steuereinnahmen.
5. Wtf!
jObserver 04.06.2012
Da wird mit Geld geworben, und wir haben nichts davon. Dank unserer 0-Euro-Politik. Die Engländer kommen selbst, wenn die Studiengebühren 1000 Euro betragen würden, selbst 5000 Euro wären billig! Stattdessen nehmen wir denen nichts und finanzieren ihnen ihr Studium, ohne dass diese jemals Steuern zahlen werden. 25.000 bis 250.000 Euro kostet ein Student - das zahlen nur Deutsche an Steuern wieder zurück. Keine Chinesen und keine Engländer.
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