Studenten in Lettland: Jung, deprimiert und abgeklärt

Von Caterina Lobenstein

2. Teil: Letten protestieren mit den Füßen

"Warum soll ich meinen Mund aufmachen?", fragt eine Philosophiestudentin im sechsten Semester. Sie sitzt im Foyer der historischen Fakultät auf einem Sofa, Kaffeebecher in der Hand, den Kopf nach hinten auf die Lehne gestützt. Dass Seminare ausfallen, dass sie nachts am Tresen stehen und Geld verdienen muss, dass sie schon jetzt davon ausgeht, nach dem Studium keinen Job zu finden - all das, sagt sie, sei in Lettland völlig normal. Dann lacht sie und zuckt mit den Schultern: "It's all fucked up."

Als sie zur Schule ging, war ihr Land ein Wachstumswunder, ein baltischer Tigerstaat. Jetzt, da sie studiert und eine Arbeit sucht, geht dieses Land am Stock. Gestützt durch Kredite des Internationalen Währungsfonds, geplagt von Arbeitslosigkeit, Hungerlöhnen und erdrückenden Schulden. Im Schatten der Krise ist in Lettland eine No-Future-Generation herangewachsen, jung und gut ausgebildet, aber perspektivlos. Nur, dass sie nicht wütend und laut ist, sondern deprimiert und abgeklärt.

Kollektives Schweigen als Erbe der Sowjetdiktatur

"Wir sind nicht in Portugal oder Griechenland", sagt der Geschichtsprofessor Ilgvars Misans. "Wir sind in Lettland, und hier gibt es keine Protestkultur." Misans sitzt in seinem Büro, drei Schreibtische stehen in dem kleinen Raum, er teilt ihn sich mit zwei Kollegen. "Ein bisschen eng und stickig, aber das passt schon", sagt er. Für Misans ist die Ruhe im Lande, dieses kollektive Schweigen, ein Erbe der Sowjetdiktatur: Die Bevölkerung sei nicht daran gewöhnt, ihre Meinung laut zu sagen, "man arrangiert sich", sagt er. "Oder man protestiert mit den Füßen und wandert aus."

Einer seiner besten Doktoranden hat kürzlich eine Stelle in Freiburg bekommen, nach einem Forschungsaufenthalt in London. Der junge Historiker käme gern zurück nach Lettland, aber in Riga hat Misans keinen Job für ihn. "Das Einzige, was ich ihm anbieten kann, ist meine eigene Stelle", sagt er. "Aber bis zur Rente habe ich noch zehn Jahre."

Ilgvars Misans bangt um seine Mitarbeiter, Madara Komarovska bangt um ihr Stipendium.

Silva Mežinska hat das Bangen satt. Die 22-jährige Physikstudentin hat sich beim Deutschen Akademischen Austauschdienst beworben, vor wenigen Wochen kam die Zusage. Im Herbst wird sie die Technische Universität Riga verlassen und in Bonn weiterstudieren.

Keine Zeit für Patriotismus

Kommt sie danach wieder zurück? "Keine Ahnung, ob ich später in Lettland einen Job bekomme", sagt Silva. "Und wenn ich einen hätte: Wer garantiert mir, dass ich am Monatsende meinen Lohn überwiesen bekomme? Und wenn ich meinen Lohn bekäme: Was, wenn die Steuern weiter steigen?"

Es sind Fragen, die fast alle lettischen Studenten und Akademiker beschäftigen. Hunderte verlassen daher jedes Jahr das Land, das nicht einmal zweieinhalb Millionen Einwohner hat. In einem Germanistikseminar fragte kürzlich eine Dozentin, wer sich vorstellen könnte, nach dem Studium im Land zu bleiben. Nur einer von 15 hob den Arm.

Man kann in Riga wahllos Menschen ansprechen, auf der Straße, im Bus, im Supermarkt, und fast jeder wird von Verwandten reden, die längst im Ausland sind. Großeltern erzählen, wie sie sich sonntags zum Skypen verabreden mit dem Enkel in Kopenhagen und der Tochter in Stockholm. Mütter besuchen ihre Kinder in Dublin oder Paderborn. Man muss lange suchen, um jemanden zu finden, der jung ist, Träume hat und trotzdem bleiben will.

Macht es traurig, dass all die Krisenkinder dem Land den Rücken kehren? "Ich bin hier geboren, natürlich tut es weh", sagt Silva Mežinska. Dann muss sie los, für Heimatseligkeit bleibt keine Zeit. Sie will noch Bewerbungsbögen ausfüllen für ein Wohnheim in Bonn. "Mit Patriotismus allein", sagt sie, "kannst du nicht überleben."

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Heft 4/2011 Leistungsdruck an der Uni: Studenten im Psycho-Stress

Fläche: 64.559 km²

Bevölkerung: 2,070 Mio.

Hauptstadt: Riga

Staatsoberhaupt:
Andris Berzins

Regierungschefin: Laimdota Straujuma

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