Studenten in Wohnungsnot: Schlafplatz, wo bist du?

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Es wird eng, nicht nur an der Uni, auch in den Wohnheimen: Eine Umfrage zeigt, dass zum Semesterstart in vielen Uni-Städten günstige Zimmer fehlen. Studentenwerke planen mit Containern und Matratzenlager - oder empfehlen gleich die Flucht aufs platte Land.

Erschöpft am Küchentisch: Viele Studenten warten noch auf den richtigen Schlafplatz Zur Großansicht
Corbis

Erschöpft am Küchentisch: Viele Studenten warten noch auf den richtigen Schlafplatz

"Herzlich willkommen beim Studentenwerk Berlin", sagt die Frauenstimme. "Zur Zeit sind leider alle Vermittlungskräfte im Gespräch. Bitte rufen Sie uns zu einem anderen Zeitpunkt wieder an. Vielen Dank." Dann tutet es.

So dürfte es gerade an vielen Servicetelefonen der Studentenwerke zugehen. 60.000 Studenten mehr als noch im Vorjahr drängen in diesen Wochen an die Unis, auch wegen doppelter Abi-Jahrgänge und dem Aussetzen der Wehrpflicht.

Aber während die Unis sich, jedenfalls zum Teil, auf den Ansturm vorbereitet haben, fehlt es in vielen Uni-Städten an Wohnraum. Die Zahl der Wohnheimplätze, WG-Zimmer und günstigen Apartments ist keineswegs so sehr gestiegen, wie die Zahl der Studienplätze, wie ein Rundruf bei den Studentenwerken zeigt.

Das Problem ist dieses Jahr besonders groß. Selbst in einer Stadt wie Berlin, in der die Mieten mancherorts noch immer niedrig sind, warteten kurz vor Semesterstart noch 500 Bewerber auf einen Wohnheimplatz. Jahrelang sei die Situation entspannt gewesen, sagt der Berliner Studentenwerksprecher Jürgen Morgenstern. Für den Mehrandrang gebe es jetzt nicht genug Plätze.

An der Uni Köln sind zum Wintersemester 1.300 neue Studienplätze geschaffen worden - neuer studentischer Wohnraum ist allerdings erst ein Semester später geplant. "Die Infrastruktur ist bei den Reformen nicht gut bedacht worden", sagt Peter Schink, Geschäftsführer des Studentenwerks in Köln. Wer dort nah an Uni oder Hochschule wohnen möchte, muss sich auf Wartezeiten von bis zu drei Jahren einstellen, was der Regelstudienzeit vieler Bachelor-Studiengänge entspricht.

Last-Minute-Zimmer in Hamburg, Matratzenlager in München

Jeder achte Student lebt hierzulande in einem Wohnheim der Studentenwerke. Weil die Zimmer öffentlich gefördert werden, sind sie oft günstiger als Angebote auf dem freien Markt. Bundesweit bieten die 58 Studentenwerke gut 180.000 Wohnheimplätze an. Um den momentanen Andrang aufzufangen, wären nach Schätzung des Deutschen Studentenwerks (DSW) jedoch bis zu 25.000 zusätzliche nötig.

Der Raumnot wollen die Studentenwerke jetzt kreativ begegnen. In Hamburg etwa sollen sogenannte Last-Minute-Zimmer helfen: Wer in der provisorischen Bleibe wohnen möchte, zahlt 25 Euro pro Nacht für ein Einzelzimmer, 15 Euro für ein Doppelzimmer. Maximale Wohndauer bei hoher Nachfrage: acht Tage.

In München können Studenten schon seit Jahren mit etwas Glück ihren Wohnheimplatz per Los ergattern. Auch in diesem Jahr gab es in der Mensa an der Lothstraße wieder 280 Plätze zu gewinnen. Wenige Wochen vor dem Uni-Start habe man zwar noch keinen großen Unterschied zu den Vorjahren bemerkt, hieß es im September beim Münchner Studentenwerk. Noch in diesem Wintersemester sollen außerdem 1.200 neue Wohnplätze entstehen, außerdem könne man problemlos knapp 90 Notbetten in Gemeinschaftsräumen bestehender Wohnheime aufstellen. Wirklich helfen wird das bei dem aktuellen Wartelistenstand von 6.000 Bewerbern aber wenig.

Als ultima ratio wurde deshalb auch schon über ein Matratzenlager für Studenten nachgedacht. "So etwas Ähnliches hat es zuletzt in den Achtzigern gegeben", sagt Studentenwerksprecher Ingo Wachendorfer. Damals mussten Container aufgestellt werden. Beim Studentenwerk Würzburg ist vor Semesterstart eine solche Maßnahme in Vorbereitung. Zusammen mit der Uni Bamberg plant Würzburg, auf einem Parkdeck 40 Schlafcontainer in ein Wohnheim zu verwandeln.

80 Kilometer pendeln, Untermieter im Kinderzimmer?

Auch ein Blick auf die Landkarte kann helfen, wie das Studentenwerk Nürnberg-Erlangen zeigt: Das vergibt laut seiner Homepage wegen der hohen Nachfrage Wohnheimplätze ausschließlich an Erstsemester, die nicht aus dem "pendelfähigen Umkreis des Hochschulortes" kommen und der beträgt stolze 80 Kilometer. Und noch ein guter Rat des Studentenwerks: Wohnheim-Suchende sollen in die Nachbarstadt Fürth ausweichen, dort sei weniger los.

Auch in den Traditionsunistädten Tübingen, Marburg, Göttingen und Heidelberg sind Wohnheimplätze Mangelware. "Der Ansturm macht sich bei uns deutlich bemerkbar", sagt Oliver Schill, Geschäftsführer des Studentenwerks Tübingen, wo schon im Sommer nur noch 80 freie Plätze auf 1000 Bewerber kamen.

Während in Marburg und Göttingen zu diesem Semester alte Wohnheime saniert wurden, hat das Studentenwerk in Heidelberg 192 ehemalige US-Wohnkasernen angemietet, in denen rund 640 Studenten Platz zum Schlafen finden sollen. Wer am Ende leer ausgeht, dem bleibt auch in Heidelberg nur das Notquartier. Die erste Nacht kostet dort acht, jede weitere vier Euro. Pro Raum gibt es vier oder fünf Betten, eine Toilette und ein Waschbecken. Duschen muss man im Sportinstitut der Uni.

Die teils skurrilen Strategien gegen die Wohnheimnot haben Studentenvertreter der Uni Kassel inzwischen aufs Korn genommen. Sie suchen Eltern, die wohnungslosen Studenten leerstehende Kinderzimmer günstig überlassen. Zwölf potentielle Vermieter habe sich bereits gemeldet. Ursprünglich sei das Ganze als scherzhafte Antwort auf immer voller werdende Hörsäle und Wohnheime gedacht gewesen, sagt der Asta-Vorsitzende Sebastian Weise-Kusche. "Aber natürlich freut es uns, wenn wir dadurch auch wirklich helfen können." Studenten, die wirklich in die Kinderzimmer ziehen wollen, hätten sich aber noch nicht gemeldet.

Wer lange Warteschleifen am Telefon und auf Bewerberlisten vermeiden will, dem bleibt noch der Blick auf weniger belebte Studienorte. DSW-Sprecher Grob sagt, dass es vor allem in Brandenburg und in den ländlichen Teilen Bayerns gut aussehe. Wer nicht unbedingt in Berlin oder München wohnen müsse, solle über eine Bewerbung dort nachdenken. Zum Studieren in die Großstadt, wohnen auf dem Land? Im Jahr des Erstsemesteransturms scheint nichts mehr ausgeschlossen.

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insgesamt 19 Beiträge
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1. Wie froh...
sascha-maria 19.10.2011
Wie froh ich doch bin, schon in einer Wohnung zu wohnen. Die neuen Studenten tun mir auf jeden Fall Leid, wo es ohnehin schon so schwierig ist, eine Wohnung zu finden.
2. ....
latinistin 19.10.2011
das schlimmste bei der wohnungsmisere sind die ortsansässigen wohnungsgenossenschaften und maklerbüros, die für bruchbuden horrende mieten verlangen oder wohnungsmakler, die für einmal wohnung aufschließen und lustloses durchwatscheln einen guten riesen provision bekommen. meiner meinung nach müsste es sowas wie gesetzliche regeln geben, die provisionszahlungen für studenten, die am studienort eine wohnung suchen, verbieten. gäbe es diese abzocke nicht, würden wohl auch viel mehr studis schneller eine bleibe finden.
3. Überall?
einuntoter 19.10.2011
Ich denke, wenn man als Student ein bisschen Fahrzeit in Kauf nimmt, kann man hier in Hamburg doch günstige Wohnungen finden. So z. B. in Bergedorf, von dort bis zum Dammtor in gut 20 min. Eine 2-Zimmerwohnung kostet ab 350 EUR. Ist das in anderen Städten (außer vielleicht München, Freiburg) nicht ähnlich?
4. Es gäbe Studentwohnungen, wenn .........
fuzzi-vom-dienst 19.10.2011
In Darmstadt stehen seit Jahren tausende von Wohnungen der US-Besatzungstruppen leer, seitdem die USA fast nur noch Soldaten, aber kaum noch Familienangehörige hier haben und die auch noch an anderen Standorten. Darmstadt hat ca. 35.000 Studenten versch. Unis bzw. Fachhochschulen. Die Studenten müssen z.T. täglich bis zu 100 km einpendeln, obwohl dieser Wohnraum (kurz vor Abzug der Amis zum größten Teil aufwendig renoviert!!) zur Verfügung steht und z.B. auch "zur Vermeidung von Bauschäden" im Winter beheizt wird. Diesen Irrsinn muss man sich mal vorstellen! Mannheim hatte dies ganz anders gehandhabt und nach Abzug der Amis einen großen Teil der Kasernen mit relativ geringem Aufwand in ansehliche Studentbuden verwandelt. Aber die Korruption in Darmstadt und die angeblich nicht zu klärenden "Zuständigkeiten" (waren die Mannheim anders?!) verhindern vernünftige Lösungen. Dafür stehen diese Objekte jetzt für Spekulanten offen. Überschlägig könnte man in diesen Wohnblocks bzw. Kasernen zwischen 4.000 und 8.000 Studenten Wohnraum bieten, zum größten Teil allerdings nur in WGs. Wäre aber immer noch besser als jeden Tag stundenlang in der Bahn zu sitzen!
5. ...
latinistin 19.10.2011
Zitat von einuntoterIch denke, wenn man als Student ein bisschen Fahrzeit in Kauf nimmt, kann man hier in Hamburg doch günstige Wohnungen finden. So z. B. in Bergedorf, von dort bis zum Dammtor in gut 20 min. Eine 2-Zimmerwohnung kostet ab 350 EUR. Ist das in anderen Städten (außer vielleicht München, Freiburg) nicht ähnlich?
sicher, das wird nicht das problem sein. fahrzeiten von 20 minuten sind für großstädter peanuts. das problem liegt woanders: sobald städte sich in insellage befinden und kein ballungsraum bzw. speckgürtel vorhanden ist, gibt es so gut wie keine ausweichmöglichkeiten, bzw. oftmals sind die städte auch gar nicht so groß. wenn ich da an marburg denke, das 80.000 einwohner hat und kein großes umfeld und dahingegen berlin, das sogar die studenten aus wildau, potsdam und frankfurt mit abfängt, betrachte, sind das schon riesige unterschiede. die meisten studis hätten sicher auch kein problem, sich außerhalb der stadt eine bleibe zu suchen. wenn eine unistadt jedoch kein semesterticket anbietet, das mehr als die stadt selbst abdeckt, kommen im monat nochmal immense fahrtkosten auf den studenten zu. und wenn es kein semesterticket gibt, das die stadtgrenzen überschreitet, gibt, dann sind die verbindungen meist auch schlechter, weil sie weniger gefragt sind.
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