Studenten als Vermieter: Wir kaufen uns ein Haus, ein kunterbuntes Haus

Von Alexander Demling

Studenten als Vermieter: Billige Zimmer für immer Fotos
Alexander Demling

Die Mieten steigen in vielen Uni-Städten rasant, bezahlbare Wohnungen für Studenten sind knapp. Warum also nicht ein Haus kaufen und an sich selbst vermieten? Studenten aus Heidelberg wollen dafür eine Million Euro zusammenbekommen - und bauen auf eine Idee aus der Hausbesetzerszene.

Von ihrer Zweck-WG genervt sind viele Studenten, aber nur wenige würden deswegen gleich selbst ein Haus kaufen. Vinzenz Erb ist da anders. "Die Leute in der Wohnung verstanden sich nicht besonders, deswegen ging auch nicht viel zusammen. Ich wollte etwas Gemeinschaftlicheres", sagt der 25-jährige Sonderpädagogik-Student aus Heidelberg über seine frühere Wohngemeinschaft.

Doch statt nur umzuziehen, gründete er mit neun Freunden die Wohninitiative "Hagebutze". Seitdem besichtigen Vinzenz und seine Freunde Häuser, werben um weitere Mitstreiter und trommeln im Heidelberger Stadtrat für ihr Konzept. Ihr Ziel: 320 Quadratmeter für neun Bewohner, großer Garten, Gemeinschaftsraum für Wohnzimmerkonzerte, Diskussionsabende oder Flohmärkte. Kosten für Kauf und Sanierung: rund eine Million Euro.

Reiche Eltern haben weder Vinzenz noch seine Mitstreiter. Brauchen sie auch nicht. Das Haus wird nicht ihnen gehören, sondern einer GmbH, die sie extra gegründet haben. Von Freunden, Familie und Sympathisanten haben Vinzenz und seine Leute bereits 180.000 Euro eingesammelt, die Verzinsung können die Kreditgeber selbst zwischen null und drei Prozent wählen. Ihr Ziel von 150.000 Euro haben sie schon übertroffen, als nächstes peilen sie 300.000 Euro an. Den Rest leihen die Studenten für etwas über drei Prozent bei einer gemeinwohlorientierten Bank.

Wo bekommen Studenten eine Million Euro her?

Der Trick: Nicht die Studenten selbst nehmen die Kredite auf, sondern ihre GmbH. Die zahlt mit den Mieteinnahmen später die Kredite zurück. "Als bei den ersten Sitzungen die Million Euro im Raum stand, dachten wir: 'Wow, das ist ja ein Riesending'", sagt Paul Pfeiffer, 28, Dreadlocks, runde Brillengläser und einer der Mitgründer. "Aber als wir uns genauer damit beschäftigten, merkten wir, wie überschaubar die Risiken sind."

Denn Vinzenz, Paul und die anderen zahlen nur 12.600 Euro, gut die Hälfte des Kapitals der GmbH ein. Der Rest stammt vom "Mietshäuser-Syndikat": Darin sind 68 Projekte in ganz Deutschland zusammengeschlossen, die alle einst wie die "Hagebutze" begannen. Allein 27 sind im vergangenen Jahr entstanden: "Das sind natürlich nicht nur Studenten. Aber junge Menschen haben oft die Zeit und die Energie, sich dafür zu engagieren", sagt Paul. Je weiter die Projekte mit ihrer eigenen Abzahlung sind, desto mehr zahlen sie für die Neuen. Im Gegenzug bekommt das Syndikat ein Vetorecht gegen den Verkauf des Hauses. Damit es die günstigen Wohnungen auch noch gibt, wenn die Gründergeneration auszieht.

Denn zu jedem Zeitpunkt sollen die Kaltmieten etwa 20 Prozent unter dem örtlichen Mietspiegel liegen. "Es entsteht kein Eigentum, deswegen gibt es auch kein Gewinninteresse", erklärt Vinzenz Erb. In ihrem neuen Haus kalkulieren sie mit rund 7,50 Euro pro Quadratmeter. In der Nachbarschaft liegen die Mieten kaum unter zehn Euro.

Wie Studenten die Rezepte der Hausbesetzer nutzen

Wie das am Ende funktionieren kann, sieht man in der Grethersiedlung in Freiburg, dem ältesten Syndikatprojekt Deutschlands. Anfang der achtziger Jahren wehrte sich ein alternatives Handwerkerkollektiv gegen den Rausschmiss. Nach mehreren Räumungsversuchen kauften die Besetzer das Gelände 1987 schließlich mit Direktkrediten. Heute wohnen dort 100 Menschen in meist frisch sanierten Wohnungen für 5,70 Euro pro Quadratmeter - in Laufweite zu Uni und Innenstadt. Im Hof gibt es neben einer therapeutischen Töpferwerkstatt auch "den ersten illegalen Radiosender der BRD" und "das älteste illegale Café" Freiburgs, wie Stefan Rost erzählt.

Der 68-Jährige ist einer der Väter des Syndikats und wohnt seit über 30 Jahren in verschiedenen Projekten in Freiburg. "In der Anfangszeit mussten wir mit ansehen, wie Projekte, die wir mit aufgebaut hatten, wieder privatisiert wurden. Das Syndikat hat da eine Wächterfunktion", sagt Rost.

So erhalten Syndikatshäuser selbst in teuren Städten wie Hamburg günstigen Wohnraum: ein gelb gestrichener Neubau in der Altstadt von Altona etwa. Hier wohnt Monika Thelosen mit ihrem Sohn Till und einer Mitbewohnerin. Stolz führt sie durch die 93 Quadratmeter große, helle Wohnung. Vier Zimmer, neue Einbauküche, Balkon. Keine 540 Euro bezahlen die alleinerziehende Mutter und ihre Mitbewohner für die Wohnung, in der Nachbarschaft ist das Doppelte üblich. Eine Mietsteigerung muss sie trotzdem nicht fürchten. Das Haus haben die Bewohner selbst gebaut und bezahlen die Kredite mit ihrer Miete nun ab.

Bis dahin ist es für Erb und seine Mitstreiter in Heidelberg noch weit. Zumal sie erstmal wieder ohne Haus dastehen, der Stadtrat hat ihr Wunschhaus inzwischen an eine andere Gruppe verkauft. Trotzdem suchen die Studenten weiter. Ab 2014 sollen aber Wohnungen auf einem ehemaligen Stützpunkt der US-Armee entstehen, dann könnte die "Hagebutze" zum Zug kommen. Ob Erb da aber jemals einzieht, weiß er noch nicht. Mittlerweile lebt er in einer neuen WG und ist dort sehr zufrieden. "Aber das Projekt hat viel Spaß gemacht und ich habe so viel gelernt. So oder so hat es sich gelohnt."


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1. Ob GmbH oder nicht
zx6 14.03.2013
Jede Bank, die ein bißchen auf Ausfallsicherheit ihrer Kredite Wert legt, wird zwar der GmbH den Kredit geben, aber selbstverständlich die Entscheidung auf Basis der Bonität und der Sicherheiten der Gesellschafter treffen - und natürlich auch deren persönliche Haftung verlangen.
2. Machbar
bartholomew_simpson 14.03.2013
Wenn der Flächenanspruch pro Bewohner reduziert , Eigenleistung bei Sanierung und Unterhalt erbracht, und auf teure externe Dienstleister verzichtet wird, ist ein solches Projekt machbar. Auch Migranten, die als Familie zusammenrücken, mit wenig Fläche pro Person zufrieden sind, und das Geld zusammenlegen, können sich Häuser kaufen.
3.
sponner_hoch2 14.03.2013
Aha. Also ein Privat betriebenes Wohnheim. Welch Neuerfindung. Auslagerung geschäftlicher Aktivitäten in eine GmbH (welch ein "Trick"!) - auch noch nie dagewesen. Finanzierung eines Immobilienkaufs mittels Kredit - das Bankgewerbe ist überrascht. Abzahlung des Immobilienkredites durch Mieteinnahmen bzw. gesparte Mitausgaben - auch komplett neu für Bank- und Immobiliengewerbe. Gemeinnützige Einrichtungen, die keinen Gewinn (als Eigenzweck) erwirtschaften wollen bzw. erzielten Überschuß wieder für ihre Zwecke einsetzen - noch nie dagewesen. Mal ehrlich, was will uns dieser Artikel eigentlich sagen?
4. Wie soll das rechtlich laufen ?
iffel1 14.03.2013
Mietende = Studienende ? Wie läuft das bei "ewigen" Studenten ? Lebenslanges Wohnen, wenn nach Studienende nicht ausgezogen wird ? Räumungsklagen ? Sanierungsbedarf bezahlt durch außerordentliche Umlagen/Bafög ? Na das wird doch nix !
5.
monologue 14.03.2013
Hört sich ja ganz einfach an, mal eben schnell 180000 Euro von Familie, Freunden und Sympathisanten einzusammeln...
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