Studenten mit Behinderung: Blinder Mut

Von Almut Steinecke

Den Campus und den Rest der Welt erkennt Bianca nur noch "wie ein schlecht fotografiertes Bild, total pixelig". Auch Maren ist fast blind und studiert trotzdem. Die Dortmunder Uni hilft den couragierten Studentinnen, so gut es geht - doch im Alltag lauern viele Hürden.

Manche Menschen üben ihren Wunschberuf nicht aus, weil sie es sich nicht zutrauen oder nicht wissen, was ihnen Spaß macht. Andere suchen einfach etwas länger - so wie Bianca Jakob, 26. Lehrerin will sie werden, darum studiert sie seit drei Semestern an der TU Dortmund Sonder- und Sozialpädagogik. Den Berufs-Durchblick fand Bianca an einem besonderen Ort: an einer Blindenschule.

2008 holte Bianca ihr Abi nach, sie hat nur zwei Prozent Sehvermögen. "An der Schule für Blinde und Sehbehinderte habe ich immer wieder einem Mitschüler den Stoff erklärt, da kam so viel Dankbarkeit rüber", erzählt sie. "Das fühlte sich so toll an, dass ich plötzlich wusste: Ich werde Lehrerin!"

Die Gelsenkirchenerin lacht und pustet eine blonde Strähne weg, die unter ihrer Strickmütze hervorlugt. Sie sitzt an einem Tisch im Café Sonnendeck auf dem Dortmunder Campus. Ihre Behinderung merkt man ihr kaum an, sie hat keinen Blindenstock, ihre Bewegungen wirken sicher. Aber im Gespräch erkennt man, dass Biancas grauen Augen das Gegenüber nicht fixieren können.

Seit sie zehn ist, schwindet Biancas Augenlicht

Ihre Behinderung kam schleichend. Als es losging, war Bianca zehn Jahre alt: "Meine Augen wurden schwächer, meine Handschrift schlechter, alles wurde einfach immer unschärfer." Bianca bekam eine Brille. Ihre Augen verschlechterten sich weiter. Mit 13 verwies sie ein Augenarzt an die Kölner Uniklinik. Diagnose: Makula-Degeneration - eine Schwächung der funktionellen Mitte auf der Netzhaut, zuständig fürs Fixieren von Objekten. Das wichtige Gewebe im Auge verfällt, mit Sehverlust als Folge.

Das tückische Leiden schritt so langsam voran, dass Bianca Zeit blieb, sich "darauf einzustellen, in einer immer mehr verschwimmenden Welt zurechtzukommen". Die Umgebung sehe für sie aus "wie ein schlecht fotografiertes Bild, total pixelig". Hell und Dunkel erkennt sie, nimmt auch Farben meist richtig wahr. Und: "Ich kann sehen, wenn die Sonne scheint", sagt Bianca, wendet den Kopf zum Fenster und lächelt.

Während sie lernte, sich durchs Leben zu tasten, suchte sie auch im eigenen Tempo ihren Beruf und lernte erst Hauswirtschafterin, dann Bürokauffrau in einer Blindenwerkstatt. Nach einigen Jahren wollte sie mehr. Auf das Fach-Abitur folgte die allgemeine Hochschulreife, dann die Entscheidung, in Dortmund zu studieren.

Mitstudent als persönlicher Assistent

Beileibe nicht alle Universitäten sind optimal auf sehbehinderte Studenten eingestellt. Ein spezielles Angebot hat etwa die Uni Marburg; Dortmund ist besonders stolz, vorn dabei zu sein. "Als erste deutsche Hochschule haben wir systematisch angefangen, Barrieren für Studenten mit Behinderung abzubauen, und haben heute für sie das umfassendste Angebot", sagt Birgit Rothenberg, 54, Leiterin der Beratung des Dortmunder Zentrums Behinderung und Studium.

Die Uni bietet ein breites Hilfe-Spektrum: Ein "Umsetzungsdienst" bearbeitet Prüfungsunterlagen und Skripte so, dass Menschen mit starker Sehbehinderung etwas damit anfangen können - durch Übersetzung in Blindenschrift, in Großdruck oder durch Umwandlung in Audio-Dateien. In einem speziellen Arbeitsraum installiert sind Leselupen, Speziallampen, Computertastaturen mit "Braillezeile" fürs Lesen nach Punktschrift.

All das darf Bianca nutzen, doch ihr fehlt ein "Persönlicher Assistent". Das sind oft Mitstudenten höherer Semester, die für behinderte Kommilitonen mitschreiben, Literatur suchen oder Bücher auf Tonband lesen. "Ein Assistent ist wichtig. Der Student mit Behinderung bekommt sein Leben indirekt zurück in die Hand und muss sich nicht nach der Gnade anderer richten", so Birgit Rothenberg.

Auf dem zweiten Bildungsweg kriegen Behinderte weniger Hilfe

Der Assistent wird vom behinderten Kommilitonen bezahlt und verdient mindestens acht Euro die Stunde. Die Vergütung sei wichtig, sagt Rothenberg, "sie trägt entscheidend dazu bei, dass der Assistent seinen Job ernst nimmt". Eigentlich übernimmt die Kosten der Landschaftsverband Westfalen-Lippe - aber nicht für alle. Nämlich nicht für: ausländische Studenten, Promotionsstudenten und behinderte Menschen auf dem zweiten Bildungsweg - und das ist Biancas Problem.

Gesetzeswidrig sei die Regelung nicht, so Rothenberg, "aber diskriminierend". Sie befürchtet, dass Bianca ihr Studium "nicht bis zum Ende allein durchhalten kann". Aus eigener Tasche bezahlen kann Bianca keinen Assistenten. Momentan helfen ihr noch Mitstudenten, "aber ich weiß nicht, wie das wird, wenn wir alle unsere Bachelor-Arbeit schreiben", sagt Bianca. "Dann haben alle viel Stress. Keine Ahnung, wie ich das schaffen soll." Ein Nebenjob wäre eine Möglichkeit, aber "den muss ich erstmal finden, als Sehbehinderte".

Einen persönlichen Assistenten braucht auch Maren Grübnau, 23. Sie hat Heilpädagogik in Münster studiert und schließt jetzt Rehabilitationswissenschaften in Dortmund an. Ihr Antrag liege seit November beim Landschaftsverband, seitdem habe sie nichts gehört, sagt die blinde Studentin. Kommilitonen aus der Interessengemeinschaft behinderter und nichtbehinderter Studierender erzählten, es könne bis zu einem halben Jahr dauern. Maren fragte nach, die "sehr nette und verständnisvolle" Sachbearbeiterin habe gesagt, die Anträge würden der Reihe nach bearbeitet, ihrer sei eben noch nicht dran gewesen.

Schmerzhafter Weg vom Augenlicht-Haben zum Nichthaben

Frank Tafertshofer, 47, Sprecher des Landschaftsverbandes, räumt ein, im Fall von Maren sei "eine Panne passiert". Weihnachtszeit und hohes Arbeitsaufkommen hätten zu der Verzögerung geführt, er bitte um Entschuldigung. Normalerweise solle es "höchstens einen Monat dauern, bis der Antragssteller zumindest eine Zwischennachricht von uns erhält". Tafertshofer verspricht, Maren werde bald vom Verband hören.

Warten kann Maren nicht. Seit ihrer Geburt leidet sie an einer seltenen Stoffwechselerkrankung; ein fehlendes Enzym für den Fettstoffwechsel führt zu Muskelzellverfall im Körper. Auch die Augen sind stark betroffen. Seit Maren 14 ist, geht sie nach der Dämmerung nur mit Blindenstock nach draußen. "Seit September setze ich den Stock auch tagsüber ein. Da habe ich aus Versehen ein Kind umgerannt, und die Mutter hat natürlich furchtbar geschimpft", sagt Maren.

Für Maren ist der Weg von "Mal-Augenlicht-gehabt-haben" bis "Kein-Augenlicht-mehr-haben" sehr schlimm. "Als das Versorgungsamt das Wort 'blind' in meinen Ausweis schrieb, war das wie eine Ohrfeige", sagt sie und schließt kurz die Augen. Bis sie Nachricht vom Landschaftsverband erhält, bezahlt sie zwei Assistenten "nach Bedarf" selbst und kratzt dafür momentan 320 Euro im Monat zusammen.

Wenn sie ihr Studium durchgezogen hat, könnte sie zum Beispiel an einer Reha-Klinik arbeiten - oder sie leiten. Dann könnte sie das leben, was ihr eine Dozentin in Münster ans Herz legte, an einem Tag, an dem Maren gerade heftig der Mut sank: Sie solle "aus der Behinderung eine Kompetenz machen".

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Studium
RSS
alles zum Thema Blindheit
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Blindentattoos: Das geht unter die Haut

Fotostrecke
Fußball-Reportagen für Blinde: Tor in Hamburg