Studenten-Oscar: Vier von fünf Hollywood-Finalisten aus Deutschland

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Hollywood, wir kommen: Mit "Made in Germany" können Filmhochschüler derzeit punkten. Gleich im Quartett ziehen deutsche Jungregisseure ins Finale des Studenten-Oscars ein. Die Filmstudenten sehen die Nominierung als Riesenerfolg - für sich und den deutschen Film.

Toke Constantin Hebbeln, 29, wurde langsam ungeduldig. Er wusste, dass die Filmakademie Baden-Württemberg seinen Film für den Student Academy Award in der Kategorie "Bester ausländischer Film" eingereicht hatte. Er wusste auch, dass die Entscheidung über die Nominierungen Anfang Mai fallen würde. Und Anfang Mai hatte er noch nichts gehört, weder aus Hollywood noch aus Ludwigsburg. Also rief er selbst in Los Angeles an, um zu erfahren, was denn nun aus der Bewerbung von "NimmerMeer" geworden war - dem Film, den zunächst niemand unterstützen wollte und der letztlich mit Ach und Krach durch private Gelder finanziert wurde.

Die Antwort am Freitagabend kam prompt und schnörkellos: "Herzlichen Glückwunsch, Sie sind im Finale", sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung - für Tokes Geschmack ein wenig zu nüchtern. "Man sagte mir, ab Montag werde die offizielle Pressemitteilung auf der Seite stehen, da könne ich ja dann nachschauen", erzählt er SPIEGEL ONLINE. Am Abend ließen der Regisseur und das Team von "NimmerMeer" es dann krachen, es gab Sekt und Champagner.

Mit dem Schüler der Filmakademie Baden-Württemberg konkurrieren gleich drei weitere deutsche Filmstudenten um den "Studenten-Oscar" , der am 9. Juni in Hollywood verliehen wird: Marc Brummund von der Hamburg Media School, Michael Dreher sowie Michaela Kezele, beide von der Hochschule für Fernsehen und Film München. Sie alle konnten sich unter insgesamt 49 Bewerbern durchsetzen.

"Das ist schon ein bisschen irre"

Deutschland-Alarm also in Hollywood - der Preis wird in dieser Kategorie seit 1981 vergeben, und eine so große Beteiligung deutscher Filmer gab es im Finale noch nie. Dabei sind sie durchaus erfolgsverwöhnt, stellten zahlreiche Finalisten und räumten auch schon acht Mal den Studenten-Oscar ab:

  • 2005: Ulrike Grote (Hamburg) für "Ausreißer"
  • 2003: Florian Baxmeyer (Hamburg) für "Die rote Jacke"
  • 2000: Florian Gallenberger (München) für "Quiero ser"
  • 1999: Marc-Andreas Bochert (Potsdam) für "Kleingeld"
  • 1998: Thorsten Schmidt (Filmakademie Baden-Württemberg) für "Rochade"
  • 1997: Raymond Boy (Köln) für "Ein einfacher Auftrag"
  • 1994: Katja von Garnier (München) für "Abgeschminkt"
  • 1988: Wolfgang Becker (Berlin) für "Schmetterlinge"

"Wenn man sich vorstellt, den kleinen goldenen Knecht in den Händen zu halten, ist das der Hammer und schon ein bisschen irre", sagt Marc Brummund, 37. "Mit dem internationalen Studenten-Oscar bewegen wir uns in einer kleinen Nische. Dass vier der fünf Finalisten Deutschland stammen, ist ein wahnsinniger Erfolg für den deutschen Nachwuchsfilm."

Brummunds Kurzfilm "Land gewinnen" erzählt die Geschichte einer illegal in Deutschland lebenden Familie, die für den Wunsch, dass ihr Sohn am Schulunterricht teilnehmen darf, ihren Aufenthalt im Land riskiert.

Dafür hat der Hamburger Regisseur gut anderthalb Jahre recherchiert: "Der Film sollte sich lohnen. Ich wollte ein Thema auswählen, das es wert ist, erzählt und nach außen getragen zu werden." So sei er auf die Welt der illegal in Deutschland lebenden "Schattenmenschen" aufmerksam geworden. Um den Stoff jenseits der Kurzfilm-Abende auf Arte und 3Sat einem breiteren Publikum zugänglich zu machen, arbeitet Brummund gerade an einer Spielfilm-Version von "Land gewinnen".

Die größte denkbare Anerkennung

Politische Bezüge haben auch die Beiträge von Michaela Kezele und Michael Dreher. Kezeles Kurzfilm "Milan" erzählt von zwei Brüdern während des Nato-Bombardements 1999 in Jugoslawien - "eine kleine, persönliche Geschichte am Rande des großen Krieges", sagt Kezele, 31. Eingereicht wurde der Film von der serbischen Filmhochschule in Belgrad, die ihn mitproduziert hat.

Für die Münchner Studentin, deren Eltern aus dem ehemaligen Jugoslawien stammen, war das Thema naheliegend: "Ich habe, bis ich 16 Jahre alt war, in Dubrovnik bei meinen Großeltern gelebt. Als der Krieg 1991 begann, bin ich zu meinem Eltern nach Deutschland gegangen." Auf die Nominierung ist sie sehr stolz: "Der Oscar ist ja quasi das Krönung der Filmpreise." Zunächst bleibt aber alles beim alten. "Ich arbeite an meinem nächsten Film, den ich gerade schneide. Fassen kann ich das alles noch nicht", erzählt Kezele aufgeregt.

Michael Drehers Film "Fair Trade" schildert die verstörende Geschichte einer Deutschen, die nach Marokko reist, um dort einen Säugling zu kaufen. Vor Ort besteht sie darauf, die leibliche Mutter des Kindes kennenzulernen.

Die äußerst emotionale Begegnung hinterlässt Spuren bei der Frau aus dem reichen Westen. Über die Straße von Gibraltar fährt sie nach Spanien. Der Kontaktmann, der ihr dort das Kind geben soll, wird von der spanischen Küstenwache entdeckt und entledigt sich seiner Schmuggelware, indem er sie über Bord wirft.

"Für mich steht die Straße von Gibraltar für die Trennung von Erster und Dritter Welt", sagt Dreher. "Der Film ist zu der Zeit entstanden, als die Debatte um afrikanische Flüchtlinge aktuell war. Einer der Gedanken war: Wir lassen nur das in unser Land, was wir auch haben wollen - Rohstoffe, Drogen, Kinder. Alles andere bemühen wir uns, möglichst draußen zu lassen", so der Absolvent der Münchner Hochschule.

Von abstrakt bis hollywoodesk

Toke Constantin Hebbelns Film "NimmerMeer" hebt sich deutlich von den deutschen Konkurrenten ab. Statt Wirklichkeit abzubilden, erzählt der 60-minütige Film ein Märchen im Umfeld des 18. Jahrhunderts. "Es ist mein Drittjahresfilm an der Akademie. In diesen Arbeiten sind wir ausdrücklich aufgefordert, zu experimentieren", sagt Hebbeln. "Das habe ich gemacht."

Sein Film sei nicht realistisch, auch wenn er die Menschlichkeit in ganz verschiedenen Facetten zeige. "Es geht um die Frage: Wie gehen Kinder mit dem Verlust eines geliebten Menschen um?" Den Ausweg aus der Trauer findet der zehnjährige Fischerjunge Jonas durch den Zauberer Grido. "Es war mir deshalb wichtig, die Geschichte aus der Perspektive eines Kindes zu erzählen. Kinder haben eine ganz andere Sicht auf die Dinge als wir."

Besonders freut sich Toke über die Nominierung, da am Anfang niemand an den Film geglaubt habe - weder die Filmförderung noch die Fernsehsender. "Aber auch wenn der Film sehr schwelgerisch ist, ist er nicht schwergängig. Er ist sogar fast ein wenig hollywoodesk."

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