Studenten-Prostitution in Kenia: Esther und ihr Sugar Daddy
Suche Sex, biete Luxus: In Kenia halten sich reiche alte Männer junge arme Studentinnen, die ihre Vergnügungssucht ausleben wollen. Die Edel-Prostituierte Esther berichtet, was geschieht, wenn nachts die Limousine vor ihrem Wohnheim vorfährt.
Es ist Freitagabend. Vor das Studentinnenwohnheim der Universität von Nairobi fährt ein dunkler Range Rover. Breite Reifen, Metallic-Lack. Aus einem Zimmer im zweiten Stock ist Gekicher zu hören. Dann fällt die Tür ins Schloss. Fünf Paar High Heels stöckeln über den Flur, die Treppe hinunter. Autotüren knallen. Und das dunkle Auto, das so wenig auf den Campus passt, verschwindet in der Dunkelheit - mit Studentin Esther* auf der Rückbank.
Am frühen Nachmittag hatte Esther, 23, eine SMS von Robert bekommen: Er erwarte sie in einem seiner Clubs. "Bring' vier hübsche Mädchen für meine Freunde mit", schrieb er. Robert und seine Freunde wollen Spaß haben. Esther und ihre Freundinnen wollen sich auch amüsieren. Aber sie erwarten zusätzlich Bares.
An der Uni ist die Soziologie-Studentin bekannt. Nicht etwa wegen ihrer herausragenden Beiträge in den Seminaren oder ihrer guten Noten. Esther schläft lieber lange aus, ihr Examen liegt noch in weiter Ferne. Und doch wird sie, wenn sie über den Campus schlendert, von allen Seiten gegrüßt. In ihrem ersten Semester hatte Esther den dritten Platz beim Uni-internen Schönheitswettbewerb belegt. Seither ist sie Mitglied in der Jury und trainiert die Mädchen für den Laufsteg.
Der Berufspolitiker zahlt einfach besser
Sie fällt auf in ihrem extravaganten Outfit. Die meisten Studentinnen teilen sich zu dritt wenige Quadratmeter im Wohnheim für gut 15.000 kenianische Schilling im Jahr, das sind rund 100 Euro. Esther leistet sich ein vollständig möbliertes Einzelzimmer und über die Miete muss sie sich keine Gedanken machen. Nicht Club-Besitzer Robert ist der Grund, Esther hat einen noch freigiebigeren "Sugar Daddy", der ist Berufspolitiker.
Sie wollte ins Hochschulparlament und brauchte einen Sponsor für ihre Kampagne, erzählt sie. Der Parlamentarier wollte eine Studentin für einsame Nächte. Seither chauffieren sie die teuren Autos am Freitagabend seltener in die Clubs der Stadt und öfter in schicke Restaurants. Bei Rinderfilet, feinen Bohnen und Rotwein diskutiert sie dann mit ihrem Finanzier über Politik.
Die Zimmer für die Nacht sind in der Regel schon reserviert. Der Abgeordnete versprach ihr Geld und ein eigenes Zimmer. Dafür verlangte er alles von Esther - bis auf Verhütung. Einmal fragte sie ihn, ob er keine Angst vor Aids habe. Er nahm ihre Hand, erzählt Esther, blickte auf die frisch manikürten Fingernägel und sagte: "Die sehen sauber aus. Du bist eine gesunde Frau."
Eigentlich mag sie diese Nächte nicht, sagt Esther. Eigentlich würde sie ihr Geld lieber anders verdienen. Etwa mit ihren selbst genähten Kleidern oder mit Kuchenbacken für Studentenpartys. Aber ein Wochenende auf Sansibar oder ein paar Tage im Ferienhaus des Abgeordneten im Ferienort Naivasha nordwestlich der Hauptstadt lassen sie dann doch wieder schwach werden. Es sei eben so leicht verdientes Geld und mache den Alltag so viel einfacher, sagt Esther.
Das schnelle Großstadtleben ist teurer
Viele Studentinnen in Nairobi kommen wie Esther vom Land in die Hauptstadt und sind zum ersten Mal auf sich allein gestellt, weit weg von Eltern und Verwandten. Das Großstadtleben ist schneller, bunter, sündiger. Vor allem aber ist es teurer und es verändert Erwartungen und Perspektiven. Das bekommen auch die männlichen Studenten zu spüren.
"Während unseres ersten Semesters haben wir viele Freundinnen verloren", sagt Andrew Adwera. Er studierte bis 2004 Ingenieurswissenschaften an der Universität von Nairobi. Heute ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter und weiß, wie sich viele Studenten über Wasser halten. Auch ihm habe damals der staatliche Studienkredit von gut 400 Euro im Jahr nicht ausgereicht, um den Ansprüchen seiner Freundin gerecht zu werden.
Sie habe sich dann einen reichen, älteren Mann gesucht. Andrew schätzt, dass sich in Nairobi rund ein Drittel der Studentinnen ähnlich finanzieren wie Esther. Esther glaubt, es sind noch mehr. Es gebe kaum eine Kommilitonin, die sich nicht einen großzügigen Finanzier wünscht. An Freitagen dächten die meisten ihrer Freundinnen nur an das eine: "Wo gehe ich heute angeln?"
Seit Esther mit den Topverdienern ins Bett steigt, sagt sie auch zu vielen Kommilitonen nicht mehr Nein, unerwünschte Nebenwirkungen inklusive. Im vergangenen Jahr ließ sie zwei Abtreibungen vornehmen. Dass Abtreibungen gefährlich sind, weiß sie selbst. Nicht aus gesundheitlichen oder emotionalen Gründen, sondern weil sie unkompliziert sind und sorglos machen. Zumindest für die wenigen Frauen, die sich wie Esther den schnellen, aber kostspieligen Gang in eine private Klinik leisten können. Eigentlich hat Kenia strenge Abtreibungsregeln, Schwangerschaftsabbrüche sind nur erlaubt, wenn das Wohl der Mutter gefährdet ist. Viele Frauen setzen ihr Leben aufs Spiel wenn Verwandte, Freunde oder sie selbst die Abtreibung vornehmen.
Esther war auch mal eines der "guten Mädchen", sagt sie. Es sind die Studentinnen, mit denen sie heute nicht mehr viel zu tun hat. In ihrem ersten Semester wollte auch Esther noch alles richtig machen. Sie stammt aus einer religiösen Familie in Kisumu am Victoriasee. Als sie 2008 in die Großstadt kam, schloss sie sich einer Bibelgruppe an. Das war vertraut und gab Halt. "Wenn ich heute die Leiterin meiner Bibelgruppe sehe, wechsle ich die Straßenseite", sagt sie: "Für uns sind die guten Mädchen nicht in dieser Welt angekommen."
Manchmal geht Esther auch nur mit ihren Freundinnen aus. In einer Edel-Disco vertrinken sie dann schon einmal den Gegenwert von 200 Euro an einem Abend, ungefähr so viel, wie die Uni im Jahr an Studiengebühren verlangt. Viel Geld brauchen sie trotzdem nicht. Sie wissen, dass sie Männer treffen werden, die für den Abend aufkommen.
Studentin Mercys letzte Party
Anstrengend sei das Doppelleben schon, findet Esther. Natürlich wissen ihre Familie und manche Freundinnen nichts von ihren nächtlichen Streifzügen. Darum müsse sie wissen, welche Maske sie wann zu tragen habe. "Wenn ich ein gutes Mädchen treffe, dann frage ich sie, wie die Kirche gestern war. Wenn ich ein schlechtes Mädchen treffe, frage ich, mit wie vielen Männern sie gestern geschlafen hat."
So spielt sie auch gegenüber ihren Eltern die gewünschte Rolle. Sie ist Papas Liebling und erhält jeden Tag einen Anruf. Wenn sich sonntags ihre Mutter meldet, sagt sie gerne, sie käme gerade von der Kirche. In Wahrheit kuriert sie häufig ihren Kater aus.
Dass das Leben eines Luxus-Girls in Nairobi nicht risikolos ist, weiß Esther. An einem Samstagmorgen im Juni wurde die Studentin Mercy Chepkosgei Keino tot an einer von Nairobis Ausfallstraßen gefunden. Die Zeitungen waren voll davon. Mercy, 25 Jahre alt, war gerade dabei, ihr Studium der Kommunikationswissenschaft zu beenden, sie wollte heiraten, hieß es.
Am Vorabend war sie auf einer Party im Apartment eines Abgeordneten im gehobenen Stadtteil Westlands. Mercy soll, stark angetrunken, mit dem Gastgeber in Streit geraten sein. Bodyguards brachten sie weg, danach verlor sich ihre Spur. Am Morgen lag ihr lebloser Körper neben einem Highway. Wie so häufig in Kenia blieb der Todesfall unaufgeklärt.
Esther ist sicher, dass es Mord war. Politiker wüssten schon, wie sie einen solchen Fall unter den Teppich kehren, sagt sie. Kurz waren in ihrem Freundeskreis alle schockiert. Dann war das Leben zwischen den Welten und das schnell verdiente Geld doch wieder verlockender als die Angst vor unberechenbaren Freiern.
*Name von der Redaktion geändert
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