Studenten als Geldanlage: Investiert in mich!
Bedürftige Studenten sollen sich künftig als Geldanlage vermarkten, so will es der Schweizer Kanton Luzern. Sie sollen Finanziers finden, die ihnen Geld für das Studium vorstrecken und später verzinst zurückerhalten. Kritiker sprechen von Menschenhandel.
Die Geschichte der Ich-AG ist kurz und unrühmlich: Erdacht in der Hartz-Kommission wurde die staatliche Existenzgründerhilfe bereits zum Unwort des Jahres gewählt, bevor der erste Strandkorbvermieter oder mobile Gulaschkoch sein Fördergeld auf dem Konto hatte. Und drei Jahre später war bereits wieder Schluss, die Große Koalition setzte dieser ungeliebten "Herabstufung von menschlichen Schicksalen auf ein sprachliches Börsenniveau" ein stilles Ende.
Das "sprachliche Börsenniveau" fürchtet Reto Wyss nicht: Der Regierungsrat für Bildung im Schweizer Kantons Luzern will eine Art Ich-AG für Studenten einführen. Beschließt das Kantonsparlament im November das neue Stipendiengesetz, ruft der Staat künftig Privatpersonen dazu auf, Studenten Geld zu leihen. Im Gegenzug werden sie später wie Aktionäre am Einkommen der Absolventen beteiligt.
Bewerbung mit einem "Lebensentwurf"
Mit dem neuen Gesetz soll die staatliche Studienförderung auf die Bedürftigsten konzentriert werden, deren Stipendien und Darlehen dafür üppiger ausfallen sollen. Alle anderen werden künftig an den Verein studienaktie.org verwiesen. Die von dem gebürtigen Saarländer Lars Stein gegründete Initiative vermittelt seit 2006 Studenten an potentielle Geldgeber.
Die Studenten bewerben sich mit ihrem ausformulierten "Lebensentwurf" bei ihren Investoren und geben an, welches Einkommen sie nach dem Studium erwarten. Überzeugen sie die Initiative und den Förderer, werden ein Kreditbetrag und eine Zinsspanne für die Rückzahlung festgelegt. Auch der Kanton kann sich mit bis zu einem Fünftel an einem solchen "Bildungsprojekt" beteiligen.
Wie viel ein Absolvent seinem Unterstützer nach dem Studium tatsächlich schuldet, hängt von seinem Einkommen ab. Verdient er exakt den Betrag, den er vorher geschätzt hat, sind es fünf Prozent pro Jahr. Liegt das Einkommen deutlich unter dem geschätzten Wert, kann der Zins auf bis zu 1,25 Prozent sinken. Wer überraschend gut verdient, zahlt im Extremfall 9,25 Prozent Zinsen. Innerhalb dieser Leitplanken ist aber alles zwischen Student und Finanzier verhandelbar. Auch der Kanton macht keine genaueren Vorgaben.
Der Chef der Schweizer Jusos, David Roth, vergleicht das mit "Menschenhandel", seine Parteikollegin Priska Lorenz nennt den Plan "ein sehr neoliberales Konzept". Bildungsfinanzierung sei Aufgabe des Staates, nicht die von Privatleuten, "die dann auch noch stattliche Zinsen dabei rausholen".
Auch Opernsänger und Kinesiologen bekommen Geld
Bildungspolitikerin Lorenz glaubt, der Kanton wolle so vor allem Geld sparen. Luzern, das sich sonst gern als neues Steuerparadies für Unternehmen und Vermögende geriert, erhöht seine Ausgaben für Stipendien und Studiendarlehen trotz steigender Studentenzahlen kaum. Das bestreitet nicht einmal Regierungsrat Wyss: "Ich habe keine Freude daran, dass wir nicht mehr Geld für Stipendien zur Verfügung haben. Aber ich muss mich mit der aktuellen Haushaltssituation auseinandersetzen."
"Ja, wir füllen Lücken", sagt auch Studienaktie-Gründer Stein. "Aber Lücken, die sonst keiner füllen würde." 200 Studenten sollen in den kommenden drei Jahren zu Anlageobjekten werden. Der Sozialdemokratin Lorenz graut davor: "Wir befürchten, dass mit den privaten Studiendarlehen nur noch Studenten unterstützt werden, die sich lohnen."
Das weist Lars Stein zurück: Unter den bislang Geförderten seien bereits Opernsänger und Kinesiologen, eine Künstlerin und ein 58-jähriger Promotionsstudent. Viele Investoren seien eher an der "sozialen Rendite" interessiert, ließen sich etwa in Kunst auszahlen und schätzten den persönlichen Kontakt mehr als die Überweisung aufs Konto. Dröge Durchschnitts-BWLer hätten es sogar schwerer, einen Finanzier für sich zu begeistern.
Wer sein Studium schmeißt, bricht den Vertrag
Doch das Darlehen kann relativ teuer werden, vor allem im Vergleich zu den vom Kanton abgesicherten Beihilfen. Bei denen zahlt der Staat bis ein Jahr nach Studienende alle Zinsen, danach hat ein Absolvent neun Jahre Zeit, das Darlehen zurückzuzahlen. Bei Privatinvestoren ist so viel Geduld eher selten.
Und wer mit seinem über Studieaktie finanzierten Ingenieurstudium nicht glücklich wird und hinschmeißt, wird vertragsbrüchig und muss seinen Kredit innerhalb von drei Monaten zurückzahlen. "Es ist ein eigenverantwortliches Modell", sagt Lars Stein. In Extremfällen müsste man "individuelle Lösungen finden".
Bisher habe das immer geklappt: Einer alleinerziehenden Schuldnerin halfen zwei Investoren bei der Jobsuche. Als ein Studienaktionär sein Studium abbrach, um selbstständig zu werden, half ein Investor, das Unternehmen zu finanzieren. "Wir sind eben keine Bank. Es sind ja alles Menschen", sagt Stein.
Bislang betreut der Verein nur etwas mehr als hundert Darlehensnehmer, durch den Auftrag des Kantons könnte sich diese Zahl in den kommenden Jahren verdreifachen. Lars Stein glaubt, dass seine ehemalige Studenteninitiative das stemmen kann, ohne den engen persönlichen Kontakt zu den Kreditnehmern aufzugeben. "Aber ich habe absolut Respekt vor dieser Aufgabe."
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