Ohne Numerus clausus wären die gar nicht hier. Und jetzt verfolgen die einen schon bis in die eigenen vier Wände. Missmutig schalte ich die Stereoanlage jetzt ganz aus, Falco verstumme und sei mir nicht bös. Muss sowieso noch lernen, für das Seminar in Zeitgeschichte morgen.
Obwohl ich mir das auch sparen könnte, denn bei 40 Teilnehmern kommt man ohnehin praktisch nie zu Wort. Die Uni Wien quillt über: Seminarplätze, Diplomarbeitsbetreuer oder einfach nur einen Sessel im Lesesaal abzustauben, das erfordert strategisches Denken von fast militärischer Dimension - und vor allem Geduld.
In Mindestzeit kann man hierzulande praktisch nur noch an Privatunis studieren. An den öffentlichen Hochschulen schwappen seit Jahren jeden Herbst Tausende Deutsche rein, die zu blöd waren, um in ihrem Heimatland einen Studienplatz zu bekommen. Die heben das akademische Niveau auch nicht gerade, dafür aber die Immobilienpreise. Mein Freund Markus, Makler in Innsbruck, freut sich immer über die allherbstliche Invasion: "15 bis 20 Prozent der Mietpreise von WG-tauglichen Wohnungen verdanke ich den Piefke", erzählte er mir bei meinem jüngsten Innsbruck-Besuch.

Tatsächlich war jedes zweite Auto vor der MedUni, der Medizinischen Universität, ein Mercedes mit Münchner Kennzeichen. "Die kaufen ihren Kindern auch gern mal eine Wohnung und legen das Geld dann bar auf den Tisch", weiß Makler Markus. "Arme bleiben lieber daheim und warten entweder auf einen Studienplatz oder gehen arbeiten." Vor der Uni wollten an dem Tag ein paar Studenten schnell ein bisschen Geld verdienen und haben selbstbedruckte T-Shirts verkauft: "Klaus Numerus: Meistgehasster Deutscher". Ich fand das sehr lustig, aber prompt hat sich ein Piefke aufgeregt. Selbstironie ist keine deutsche Stärke.
Ich schlage das Skriptum auf und suche nach der Leseliste: Europäische Einigung steht auf dem Programm, das hat mir gerade noch gefehlt. Dieser Lara-Tussi würde eine Geschichtsstunde auch nicht schaden. Deutsche kommen immer nach Wien und glauben, eine deutsche Stadt zu finden. Als ob Österreich das eine deutsche Fürstentum wäre, das es leider nicht ins Vaterland geschafft hat. Ich sollte runtergehen und ihr mal erklären, dass Österreich schon alt war, als bei ihr daheim noch die Romantiker auf der Wartburg herumhüpften und von einem Deutschland bestenfalls träumen konnten.
"Ich hab' ein ganzes Jahr verloren, weil ich mich komplett neu einlesen musste", hab ich mal eine Deutsche am Nebentisch im Café Stattfrau jammern hören. Der Germanistik-Doktorandin war im ersten Jahr eine lange Leseliste in die Hand gedrückt worden. Von Adalbert Stifter bis Heimito von Doderer quälte sie sich durch Perlen der österreichischen Literatur, die hierzulande Teil des Bachelor-Studiums sind. Sie habe die Unterschiede drastisch unterschätzt, erzählte sie einer Freundin lautstark. Und bestellte dann auch noch "Kaffee", auf der ersten Silbe betont. Dass der Kellner sie gleich mit dem in Wien üblichen Charme und einem zornigen "Sowas kennan's in Deitschland b'stelln" abkanzelte: Es war ein kleines Stück Befriedigung für mich.
Zu blöd für Deutschland? Komm nach Wien!
Österreich ist Ausland, das sollte man jedem Piefke klipp und klar gleich bei der Einreise sagen. Am besten schriftlich geben. In Dänemark oder in den Niederlanden würden sie sich ja auch nicht so aufführen. Glaube ich zumindest. Wirklich wissen kann ich das natürlich nicht, schließlich hab ich noch nie außerhalb Wiens gelebt. Wo denn auch? In Deutschland? Dort gibt es ja Beschränkungen an den Unis. Nur die österreichischen Politiker sind wieder mal zu dämlich, um den Zugang zum Studium zu regulieren, ausbaden müssen es dann die Studenten.
Österreich macht sich freiwillig zur Fortbildungsstätte für minderbegabte Piefke, brennt dafür wie ein Luster - und die eigenen Leute bleiben auf der Strecke. Weil von den Deutschen sicher niemand im Land bleibt: Die kleben ja schon hierzulande beisammen wie die Kletten, bloß nicht anpassen, bloß keine Wurzeln schlagen.
Eine Freundin, die bei einem Catering-Service jobbt, hat mal mit einem Piefke zu streiten begonnen. Der bestand darauf, eine Weißweinschorle gereicht zu bekommen - sie pochte darauf, dass es in Österreich keine Weißweinschorlen gebe. "Der Vollkoffer hat echt 15 Minuten mit mir gestritten, bis mein Chef das mitbekommen hat und ich ihm schnell den Weißen Spritzer gegeben hab."
Kulturelle Ignoranz und präpotentes Auftreten, das liegt ihnen. Österreicher als provinzielle Alpennazis abstempeln, sehr gut. Dass in eben diesen Alpen in den meisten Hotels heute Ossis die Drecksarbeit machen, das trübt das Bild nur leicht. Da darf man sich eben nicht ablenken lassen von der eigenen Überlegenheit. Aber irgendwann werden sie schon noch akzeptieren lernen, dass alle Welt Beethoven für einen Wiener hält.
Ich schlage das Skriptum auf, zurück zur Geschichte. Zumindest die bleibt uns Österreichern ja noch.
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