Studenten-Umfrage: Künftige Lehrer zweifeln an Evolution

Jeder achte Studienanfänger hält Darwins Evolutionslehre, die wichtigste biologische Theorie, für fragwürdig, zeigte eine Umfrage an der Universität Dortmund. Dabei wollen einige von ihnen sogar Biologie-Lehrer werden.

Dortmund - Zu insgesamt 108 Aussagen sollten die Dortmunder Lehramt-Studenten ihre Meinung äußern, zum Beispiel zu: "Es gibt keine Beweise dafür, dass sich der Mensch aus anderen Lebewesen entwickelt hat." Viele kreuzten die Antwort "Ich stimme überhaupt nicht zu" an. Doch es gab auch angehende Lehrer, die sich für das Gegenteil entschieden.

Mensch & Affe: Tach, Kollege
Dominik Baur

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So hielten es 12,5 Prozent der Studienanfänger für unklar, ob überhaupt eine Evolution stattgefunden hat - fast 150 Jahre nach Vorstellung der Theorie durch den britischen Naturforscher Charles Darwin. Die Theorie beschreibt die Entstehung von Tier- und Pflanzenarten durch zufällige genetische Änderungen im Laufe von Jahrmillionen und gehört zum Fundament der biologischen Wissenschaft. Selbst von den 148 Biologie-Lehramtstudenten zeigten sich 5,5 Prozent skeptisch. Die Vorstellung, gemeinsam mit den Schimpansen "äffische" Vorfahren zu haben, lehnen von ihnen gar neun Prozent ab.

"Ich hoffe, dass sich diese Einstellung besonders bei den Biologie-Studenten während des Studiums noch ändern wird", so Professor Dittmar Graf, 51, der die Umfrage an der Universität leitete. Schließlich sei "die Evolution die wichtigste biologische Theorie überhaupt". Privat könne jeder glauben, was er wolle. "Aber im Schulunterricht soll nicht die eigene Überzeugung, sondern der Stand der Wissenschaft vermittelt werden", sagte Graf SPIEGEL ONLINE. Er lehrt an der Universität Dortmund sowohl Biologie als auch biologische Didaktik.

"Und Gott erschuf die Welt in sechs Tagen..."

Der Anlass für seine Evolutions-Umfrage zum Thema Evolution: In den USA lehnen breite Teile der Bevölkerung die Vorstellung ab, von anderen Lebewesen abzustammen. Sie sind überzeugt davon, dass ein Schöpfer den Menschen erschaffen hat, und legen die Bibel oft wörtlich aus - inklusive der sechstägigen Welt-Schöpfung und dem Glauben daran, dass die Erde noch keine 10.000 Jahre alt ist.

Seit Jahren tobt in den USA ein regelrechter Kulturkampf zwischen Naturwissenschaftlern einerseits, oft tief religiös geprägten Anhängern des Kreationismus oder des "Intelligent Design" andererseits. Die Auseinandersetzung führte auch zu zahlreichen Prozessen, in denen Gerichte darüber urteilen mussten, ob biblische Schöpfungsideen den Status einer wissenschaftlichen Theorie erreichen, gleichberechtigt im naturwissenschaftlichen Unterricht gelehrt werden dürfen oder gar müssen.

Inzwischen hat der Streit Europa erreicht, auch einige deutsche Schulen. "Vieles von dem, was die Amerikaner glauben, schwappt früher oder später zu uns rüber", sagt Dittmar Graf. Er habe herausfinden wollen, wie stark dies der Fall ist. Seine Vermutung: Ein kleiner Teil der Erstsemester würde sich zum Thema Evolution kritisch äußern. "Doch dass solche Ansichten auch unter Biologie-Studenten so verbreitet sind, hat uns überrascht", sagt er.

"Wissenschaft ist nüchtern, kalt, kompliziert"

Graf befürchtet, dass es sich dabei um einen Trend handeln könnte. Die Skepsis gegenüber der Wissenschaft wachse. "Wissenschaft ist nüchtern, kalt, kompliziert und wirft viele Fragen auf. Einige Menschen sehnen sich nach jemandem, der ihnen sagt, wo es lang geht." Viele suchten eine Erklärung in ihrem Glauben, so Graf. Um zu erfahren, ob dies allein Problem des christlichen Abendlandes ist, stellte Graf auch 500 Studenten aus Ankara die gleichen Fragen. Ihre Antworten müssen allerdings noch ausgewertet werden.

Doch nicht bei allen Studenten sieht Graf für die Zweifel an zentralen Wissenschaftstheorien religiöse Gründe: "Vielen fällt es einfach schwer zu glauben, dass der Mensch ein vom Baum gestiegener Affe ist." Sie wünschten sich, dass er eine Sonderstellung einnähme.

In einem Aufsatz die "Renaissance einer Parawissenschaft" und die "fragwürdige Faszination des Kreationismus" schreibt der Dortmunder Professor: "Einer der wesentlichen Antriebsmotoren der Auseinandersetzung ist das, was Sigmund Freud einmal als die zweite Kränkung der Menschheit bezeichnet hat: Als Konsequenz aus Darwins Theorie sinkt der Mensch, um es pointiert auszudrücken, von der Krone der Schöpfung, dessen Gestalt Gott nachempfunden wurde und für den Erde und Himmel erschaffen wurden, auf ein junges, durch Zufall entstandenes, gewöhnliches, affenverwandtes Lebewesen, das auf einem winzigen Planeten einer unbedeutenden Sonne am Rande der Milchstraße in einer Ecke des Universums lebt."

Doch es gibt auch Studenten, die über das Thema Evolution einfach zu wenig wissen - obwohl sie das Abitur bestanden haben. "Wir vermuten, dass das Thema im Unterricht nicht richtig vermittelt wird", sagt Graf. Er will daher bald auch Schüler fragen, was sie über die Evolution wissen - und darauf aufbauend Vorschläge für Lehrer erarbeiten, wie sie dieses Thema am besten vermitteln können.

kat/dpa

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