Studenten und Karriere: Basteln an der eigenen Biografie

Von Jan Friedmann und Markus Verbeet

Wer nach der Universität erfolgreich in den Beruf einsteigen will, sollte zusätzlich zum Abschluss weitere Qualifikationen erwerben. Soziales Engagement steht dabei hoch im Kurs - denn viele Arbeitgeber schätzen es ebenso wie Sprachgewandheit und Praxiswissen.

Wie viele Sprachen er denn beherrsche? Dieser Frage weicht der Biophysiker Daniel Mietchen, 30, gern aus - um nicht als Aufschneider dazustehen. Mietchen besuchte als Jugendlicher spezielle Sprachschulen in Halle und Ost-Berlin. Dort lernte er Russisch, Englisch, Französisch, Tschechisch und Latein. "Was anfänglich ein Zwang war, ist mir mittlerweile ans Herz gewachsen." Er hörte nicht mehr auf mit dem Sprachenlernen.

Heute promoviert Mietchen am Fraunhofer-Institut für Biomedizinische Technik in St. Ingbert. Wenn es in seinem Institut einen Artikel aus dem Hebräischen zu übersetzen oder eine Gruppe von japanischen Kollegen herumzuführen gilt, ist Mietchen Ansprechpartner. Der vielsprachige Studienstiftler engagiert sich auch bei Eurodoc, einem europaweiten Zusammenschluss von Doktoranden. Im letzten Urlaub absolvierte er einen Sprachkurs in Usbekistan - um die mittelasiatischen Lieder besser zu verstehen, die er mit seiner Band spielt.

Daniel Mietchen kann getrost als sprachbegabt gelten, so viel ist sicher. Jetzt lassen sich solche Fähigkeiten erstmals auch im Vergleich zu anderen Studenten einordnen. Der SPIEGEL wollte genau wissen, was deutsche Studenten umtreibt. Gemeinsam mit der Unternehmensberatung McKinsey und dem Internet-Betreiber AOL befragte er mehr als 50 000 angehende Akademiker nicht nur zu ihren Fremdsprachenkenntnissen, sondern auch zu Studienleistungen, Praktika, Auslandsaufenthalten und außeruniversitärem Engagement (siehe SPIEGEL-Titel 48/2004). Die Auswertungen liegen jetzt als SPIEGEL special vor.

Detailliert wie nie zuvor zeigen die Ergebnisse, was hervorragende Studenten vom Durchschnitt unterschneidet:

  • Wer zwei Fremdsprachen beherrscht, hebt sich von der Masse ab.
  • Wer zwei Praktika absolviert, ist damit allenfalls Durchschnitt.
  • Wer einmal im Ausland gelebt oder gearbeitet hat, hat damit der Hälfte seiner Kommilitonen etwas voraus.

Solche Vergleichsmöglichkeiten werden immer wichtiger, seit die Noten einander immer ähnlicher werden. Der Wissenschaftsrat hat herausgefunden, dass Biologiestudenten im Durchschnitt eine 1,3 als Abschlussnote erzielen, Psychologen, Mathematiker und Physiker eine 1,4 und Philosophen und Chemiker immerhin eine 1,5. Nur noch wenige Fächer wie Jura und Medizin trotzen dem Trend zur Kuschelnote.

"Innerhalb eines jeden Faches sind Leistungsunterschiede und Bewertungsdifferenzierungen deutlich zu machen", fordert Peter Wex, Leiter der Arbeitsstelle Bildungsrecht und Hochschulentwicklung an der FU Berlin. Denn die Einheitsnoten machen alle gleich und keinen glücklich. Leistungsstarke Studenten werden entmutigt - und schwächere in falscher Sicherheit gewiegt.

Studentenspiegel: Die kompletten Ranglisten der 16 Fächer
Germanistik Politologie Betriebswirtschaft
Mathematik Medizin Maschinenbau
Chemie Biologie Informatik
Soziologie Physik Jura
Elektrotechnik Psychologie Volkswirtschaftslehre

Denn gute Abschlussnoten garantieren noch längst keinen erfolgreichen Berufseinstieg. Dazu müssen zusätzlich außerfachliche Qualifikationen kommen, denn sie machen erst den Unterschied. Wie etwa Fremdsprachen: Englisch, das zeigt die Umfrage, spricht fast jeder deutsche Student. Über 96 Prozent der Teilnehmer geben an, mehr als nur Grundkenntnisse zu besitzen. Doch das war es dann auch schon: Bei der Frage nach anderen Fremdsprachen müssen die meisten passen - auch wenn sie im Gymnasium eigentlich eine zweite Sprache hätten lernen sollen. Französisch, pardon, kann nur ein Viertel der Befragten parlieren. Und Spanisch spricht knapp jeder Zehnte.

Hier wird der Unterschied zur Studenten-Elite offensichtlich. Denn diejenigen, die auf anderen Gebieten glänzen, zeigen sich gleichfalls besonders sprachgewandt.

Unter den zehn Prozent aller Umfrageteilnehmer, die insgesamt besonders auffielen, spricht jeder zweite Französisch und jeder vierte Spanisch.

Sprachkenntnisse
DER SPIEGEL

Sprachkenntnisse

Eine Teilnehmerin überraschte gar mit Kenntnissen der Sprache eines Pygmäenvolks: Die Ethnologin Jutta Schmidt Machado suchte die Baka in Kamerun für ihre Magisterarbeit auf. "Die sind wenigstens toleranter gegenüber Fehlern in Grammatik und Aussprache als die Franzosen."

Derzeit erforscht sie als Doktorandin der Universität Köln in Brasilien die Nutzung des Regenwalds um São Paulo. "In vielen Ländern gelebt zu haben und auch exotische Sprachen zu sprechen ist für eine Karriere in der Entwicklungszusammenarbeit unerlässlich", sagt Schmidt Machado. Seit ihrem Abitur verbrachte sie insgesamt über vier Jahre im Ausland, arbeitete in Angola, Costa Rica, Ecuador, Nicaragua und Kamerun. "Nach einem halben Jahr in einem Land habe ich immer das Gefühl, ich muss mal wieder woanders hin."

Eine solche Bereitschaft, in die Ferne zu schweifen, ist ebenfalls typisch für die Elite unter den Umfrageteilnehmern. Fast alle Top-Studenten haben bereits im Ausland studiert oder gearbeitet (93 Prozent), knapp die Hälfte von ihnen sogar länger als ein Jahr. Anders die Masse der Studenten: Ungefähr jeden zweiten Umfrageteilnehmer zog es noch nie in die Ferne - außer vielleicht im Urlaub.

Praktika
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Praktika

Hans-Joachim von Massow hingegen hat die Semesterferien konsequent für Praktika genutzt. "Wir haben in Deutschland ja immer drei Monate Studium und dann drei Monate frei", sagt der 26-Jährige, der gerade an der Universität Witten/Herdecke seine Abschlussarbeit in Wirtschaftswissenschaften schreibt.

Seine Praktika führten ihn in viele Länder: In Moskau arbeitete er bei RTL und der Unternehmensberatung Roland Berger, für die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG war er in Düsseldorf und später in Paris. Aber spektakulär war das alles nicht - gemessen etwa an dem Praktikum in Nowosibirsk, wo er den Gouverneur bei seinen Amtsgeschäften begleiten durfte, oder an seinem Einsatz im Libanon.

Dorthin fuhr Massow im Herbst 2002 im Auftrag der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, die das deutsche System der Lehrlingsausbildung in alle Welt exportiert. "Ich habe untersucht, welche Kriterien eine Rolle spielen, wenn Kfz-Betriebe Mitarbeiter einstellen", sagt Massow. Sein Ergebnis spiegelt die politische Zerrissenheit des Landes wider: Im Süden des Libanon geht es nur mit Hisbollah-Parteibuch, in den anderen Landesteilen nur ohne.

Seinen Bericht stellte Massow kurz vor dem Ausbruch des Irak-Kriegs fertig - immer in der Sorge, dass die Kämpfe gleich beginnen könnten. "Das Ende meines Praktikums hat praktisch Hans Blix bestimmt", sagt Massow. Als der Uno-Waffeninspekteur aus dem Irak abreiste, fuhr Massow über Syrien und die Türkei mit dem Auto zurück nach Deutschland.

So spektakulär sind die Arbeitserfahrungen anderer deutscher Studenten in der Regel nicht. Doch im Durchschnitt zwei Praktika absolvieren auch die übrigen Teilnehmer der Umfrage. Nur: Was machen die Studenten in diesen Praxisphasen eigentlich? Auch das bringt die Umfrage ans Tageslicht.

Eigenverantwortlich arbeiten nach eigener Einschätzung mehr als die Hälfte der Betriebswirtschaftler und fast zwei Drittel der Informatiker - teilweise sogar in Leitungsfunktionen. Dagegen sehen sich rund 30 Prozent der Jurastudenten hauptsächlich zum Zusehen verdammt und beschreiben ihre Aufgaben mit "Beobachtung/ Hilfstätigkeit".

Auch dabei können erste Kontakte zu Arbeitgebern geknüpft werden, die sich dann in weiteren Praxisphasen vertiefen lassen. Carsten Jäger, 22, angehender Wirtschaftsingenieur, machte sein erstes Praktikum im vierten Semester bei Siemens, das zweite absolvierte er ebenfalls bei dem Hightech-Konzern, und die Diplomarbeit schreibt er, klar, in Zusammenarbeit mit Siemens. "Es gibt sehr viele Wiederholungstäter", sagt Stefan Fischer, bei Siemens im "Talent Management" tätig. Diese Treue zu einem Konzern mögen manche als langweilig empfinden, Carsten Jägers Einsatzorte aber sind es nicht. Erst Ciudad Juárez, jetzt Guadalajara, beides in Mexiko.

Solche Lebensläufe lassen einen großen Vorteil des viel kritisierten deutschen Hochschulsystems erkennen: Es bietet den Studenten zahlreiche Freiräume, ihre Interessen zu verfolgen und ihre Ideen zu verwirklichen. Die Ferien sind lang, und auch während der Vorlesungszeiten bleibt meist noch Freizeit.

Angela Lawaldt, 29, Psychologiestudentin in Jena, rief das "Diversity Dance Theatre" ins Leben und tourte mit ihrer Truppe unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen durch Bosnien. "Wir wollten Kinder spielerisch an Vorurteilsfreiheit heranführen", sagt Lawaldt.

Vor ihrer Tournee zur Völkerverständigung verbrachte Lawaldt ein freiwilliges soziales Jahr in Haifa, im Sommer darauf organisierte sie ein Training in Pristina. Israel, Kosovo, ein Auslandsstudienjahr in Oxford - und zwischendurch immer wieder Jena. "Natürlich hätte ich schneller studiert, wenn ich nichts nebenbei gemacht hätte", sagt Lawaldt, die gerade ihre Diplomarbeit schreibt. "Aber gerade von diesen Erfahrungen konnte ich in Unternehmenspraktika und im Studium besonders profitieren."

Dementsprechend betätigen sich viele Studenten in ihrer Freizeit. Nur ein Viertel der Umfrageteilnehmer gab an, sich in keiner Weise außerhalb der Schule oder des Studiums engagiert zu haben. Ein Fünftel hingegen nannte gleich drei Engagements.

Besonders beliebt: die Mitarbeit in Hochschulgruppen oder Schulinitiativen (28 Prozent) sowie sportliche Aktivitäten (23 Prozent). Weitaus seltener dagegen sind Engagements in der Politik (7 Prozent), in der Kirche (5 Prozent) und für die Umwelt (1 Prozent). Wenig überraschend: Germanisten betätigen sich überwiegend in Kunst und Literatur, Politologen und Juristen in der Politik, Soziologen und Psychologen übernehmen zumeist soziale Aufgaben.

Das ist aller Ehren wert und wird außerdem von vielen Arbeitgebern gern gesehen. Solches Engagement bringt Vorteile bei der Jobsuche. Und ist künftig vielleicht Voraussetzung, um einen guten Studienplatz zu ergattern.

Englische und amerikanische Eliteuniversitäten achten schon lange genau darauf, was Bewerber in ihrer Freizeit geleistet haben; private deutsche Hochschulen wie die Bucerius Law School in Hamburg oder die WHU in Koblenz eifern ihnen nach. Doch auch an großen staatlichen Universitäten könnten solche Qualifikationen bald darüber entscheiden, wer einen Studienplatz bekommt. Wenn die Universitäten sich ihre Studenten generell selbst aussuchen dürfen, werden sich vielseitige Bewerber durchsetzen.

Doch was heißt das für angehende Akademiker, die ihre Chancen beim Berufseinstieg erhöhen möchten? Sie müssen sich wohl selbst ihr Profil zusammenpuzzeln. "Überall wird verlangt, dass man Sprachkenntnisse mitbringt, aber es wird wenig dafür getan", sagt Karen Freund, 24, die auf ihr Karlsruher Elektrotechnik-Diplom noch einen Bachelor in Internationalen Beziehungen in Dresden sattelt. "Also musste ich mir Sprachkurse und Auslandsaufenthalte selbst organisieren."

Die drei Studenten Holger Friedrich, Max Maendler und Ernst von Kimakowitz prägen in ihrem Buch "Die Herausforderung Zukunft" das Schlagwort des "Biografiebastlers". Der Studienabschluss sei heutzutage unwichtiger "als zum Beispiel EDV-Kenntnisse, Praxiserfahrung, Sprachkenntnisse, Auslandsaufenthalte und vor allem, was man neben dem Studium alles so privat gemacht hat", schreiben die Autoren.

Dank der detaillierten Daten, die der SPIEGEL in seiner Umfrage zusammengetragen hat, können Studenten erstmals erkennen, was ihre Kommilitonen neben dem Studium alles leisten. Nur die Bastelanleitung für die eigene Biografie müssen sie darin noch selbst entdecken.

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