Studentenbefragung des SPIEGEL: Die Elite von morgen
Bei klassischen Rankings sagen Studenten, Personalchefs oder Professoren, was sie von Deutschlands Hochschulen halten. Die neue Studentenbefragung des SPIEGEL kartiert die Uni-Landschaft danach, wo die besten Nachwuchsakademiker studieren. Ergebnis: Die Klügsten klumpen zusammen - vor allem im Süden.
Maike Luhmann, 23, studiert Psychologie an der Universität Koblenz-Landau - nach einem Studienjahr in Brüssel. Ihr Vordiplom beendete sie mit der Note 1,0
Bei Christoph Schmitz muss es von allem etwas mehr sein: Er jobbte in Uganda bei der Konrad-Adenauer-Stiftung und im US-Bundesstaat North Carolina beim Logistik-Riesen Schenker; im heimischen Hennef bei Bonn organisierte er den kommunalen Wahlkampf für die CDU. Seine erste Firmengründung, eine kleine Unternehmensberatung, lag da schon ein paar Jahre zurück.
Schmitz ist 25 und kann sich demnächst mit drei Studienabschlüssen schmücken. Den US-amerikanischen Master of Business Administration (MBA) hat er bereits in der Tasche, zurzeit sitzt er an der Technischen Universität Dresden an seiner Diplomarbeit in BWL. Außerdem will er noch das Wirtschaftsdiplom von der Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg mitnehmen, wo er vor seinem Uni-Studium eingeschrieben war. "Wäre doch schade, wenn das FH-Studium umsonst gewesen wäre", meint Schmitz.
Zusatzqualifikationen zählen
Nicht alle Studenten an deutschen Unis sind Turbo-Akademiker wie Schmitz. Doch sie sind besser als ihr Ruf. Die erste große sozialwissenschaftliche Untersuchung zur Qualifikation der heutigen Hochschülergeneration, der "Studentenspiegel", zeigt: Das überlaufene, unterfinanzierte Uni-System bringt durchaus leistungsstarke Absolventen hervor. Und vor allem: Mehr denn je arbeiten sie schon während des Studiums daran, ihre Chancen auf dem Jobmarkt durch Praktika, Auslandsaufenthalte und Zusatzqualifikationen zu mehren.
SPIEGEL-Rangliste: Betriebswirtschaft, Biologie, Chemie, Elektrotechnik
Die mit über 50.000 Teilnehmern weltweit größte Online-Befragung von Studenten, die der SPIEGEL im vergangenen Sommersemester gemeinsam mit der Unternehmensberatung McKinsey und dem Internet-Provider AOL durchführte, zeichnet ein neues Bild der künftigen Akademiker-Generation. Gleichzeitig kartiert sie die Universitätslandschaft zwischen Kiel und Konstanz neu: Jeder kann jetzt sehen, wo die besten Kommilitonen studieren.
So bietet der Studentenspiegel die Grundlage für eine ganz neue Art des Hochschul-Rankings. Bisher standen bei Uni-Ranglisten stets die Lehranstalten auf dem Prüfstand: Verglichen wurden die Forschungsleistungen, gemessen an der Zahl der Veröffentlichungen, dem Renommee der Professoren oder der Menge eingeworbener Drittmittel. Oder aber die Studenten waren aufgefordert, die Qualität der Lehre an ihrem Studienort zu bewerten. Diesmal jedoch sind erstmals die Hochschüler selbst die Studienobjekte. Die zentralen Ergebnisse:
- Die Elite-Bildung an deutschen Unis hat längst begonnen. Die besten Studenten konzentrieren sich erkennbar an ganz bestimmten Standorten.
- Die Geschwindigkeit, mit der sich dieser Prozess vollzieht, ist von Fach zu Fach unterschiedlich. In Ingenieurfächern wie Maschinenbau oder Elektrotechnik zum Beispiel schneiden die Studenten durchgehend gut ab; die Unterschiede von Uni zu Uni fallen eher gering aus. Ganz anders dagegen in Disziplinen, in denen Konkurrenz durch private Hochschulen das Klima verändert hat. Die Besten der Fächer Jura und Betriebswirtschaft zum Beispiel versammeln sich an nur wenigen Universitäten.
- Sieger des Gesamt-Rankings ist die Technische Universität (TU) München; hier trifft sich in den Hörsälen fast aller Fakultäten eine studentische Elite. Ansonsten aber erreicht kaum eine Hochschule in allen Fächern Spitzenpositionen. Es sind meist einzelne Fachbereiche, nicht ganze Lehranstalten, die besonders herausragen.
- Drei Faktoren erweisen sich als entscheidend für die Rekrutierung brillanten Nachwuchses: die Auswahl der Studienbewerber durch die Unis, eine lange akademische Tradition sowie enge Kontakte der Hochschule zu außeruniversitären Forschungseinrichtungen und zur Industrie.
Das Licht Germaniens
Am Neckar begrüßt zu Semesteranfang der Hochschulchor die Neuankömmlinge schon mal leicht ironisch mit Versen aus einem Liederbuch, das 1886 zur 500-Jahr-Feier erschienen war, und preist die Uni als "Lux Germaniae divina", als göttliches Licht Germaniens.
SPIEGEL-Rangliste: Germanistik, Informatik, Jura, Maschinenbau
Das soll nun anders werden. Zwar werden in fast allen Bundesländern die ohnehin knappen Uni-Etats zusammengestrichen, zwar balgen sich die Studenten mehr denn je in maroden Seminarräumen um die knappen Plätze - für einen Bereich jedoch ist plötzlich Geld da: Die Förderung der Besten steht ganz oben auf der Agenda von Politik und Wissenschaft. Erfolgsverwöhnte Unis wie Heidelberg sehen sich längst als heiße Kandidaten für jenen Wettbewerb, an dessen Ende Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn Deutschlands neue Elite-Hochschulen küren will.
"Klar erkennbare Leuchttürme"
"Unsere Gesellschaft braucht Eliten", hatte Gerhard Schröder schon zu Beginn seiner Amtszeit als Bundeskanzler verkündet. Anfang dieses Jahres präsentierte seine Partei denn auch ihr Programm zur Förderung von Spitzenuniversitäten. "Klar erkennbare Leuchttürme" will Schröders Genossin Bulmahn fortan aus der Bildungslandschaft ragen lassen.
Anna Rohlfing, 22, studiert als Stipendiatin der Studienstiftung Internationale BWL, derzeit in Mailand. Seit ihrem 5. Lebensjahr spielt sie Cello
Ob Bulmahns Elite-Gelder wie geplant ab 2006 fließen, soll sich erst im Dezember entscheiden, wenn die Föderalismuskommission ihre Empfehlungen vorlegt. Der Wettstreit ist längst in vollem Gange. Schon heute wählt die Elite mit Bedacht den Studienort, das beweist das SPIEGEL-Ranking. Begehrt sind einige der Privatuniversitäten, doch auch staatliche Großeinrichtungen wie die TU München.
Auswahlgespräche senken Abbrecherquoten
Wie kaum eine andere staatliche Hochschule in Deutschland setzt die TU München schon jetzt konsequent um, was Hochschulreformer fordern. So sucht die Uni sich seit dem Jahr 2000 in vielen Fächern ihre Studenten selbst aus. Wer seinen Studienwunsch in einem Auswahlgespräch begründen muss, so die Erfahrung, setzt sich intensiver damit auseinander und bricht das Studium dann später nicht so schnell ab.
SPIEGEL-Rangliste: Mathematik, Medizin, Physik, Politologie
Viele staatliche Universitäten zwingt derzeit allein der Ansturm der Bewerber zur Vorauswahl - wenn auch bislang meist nur über die Abiturnote. In Freiburg etwa sorgt noch die ZVS im Fach Psychologie dafür, dass nur die Leistungsbereiten kommen. Zurzeit liegt der Numerus clausus bei 1,0. Auch die extrem niedrige Abbrecherquote unter den Studenten ist ungewöhnlich: 80 Erstsemester gehen pro Jahr in Freiburg an den Start, 70 machen einen Abschluss.
Schnell trotz Praktika und Auslandsstudium
Die besten Studenten, das zeigt der Studentenspiegel, sind mobil und studieren schnell. Im Schnitt bringen die Top-10-Prozent ihr Studium in rund neun Semestern hinter sich (bundesdeutscher Schnitt: 11 Semester) - und das, obwohl mehr als 90 Prozent einen Auslandsaufenthalt in ihre Ausbildung einbauen.
Nicos Nohlen, 23, ersann an der Uni Heidelberg die erste Studentenzeitschrift für Jura. Er lernte in Luxemburg, Paris und Leuven Recht
Gerade an Massenuniversitäten wie Berlin oder Köln zählt Eigeninitiative. An kleinen Privathochschulen wie der Bucerius Law School oder der WHU kennen die Professoren ihre Studiosi meist mit Namen. Doch wen es in die wirtschaftswissenschaftliche Abteilung der Universität Köln verschlägt, der muss sich schon etwas einfallen lassen, um den Professoren im Gedächtnis zu bleiben.
SPIEGEL-Rangliste: Psychologie, Soziologie, Volkswirtschaft
Überall grübeln die Bildungspolitiker derzeit, wie sich die in Deutschland verstreuten Talente am besten entfalten lassen. Weder Unis noch Fachbereiche, sondern einzelne Studenten zu fördern ist das Ziel der Studienstiftung des deutschen Volkes. Derzeit betreut dieses größte und älteste der Begabtenförderungswerke in Deutschland rund 6000 Hochbegabte.
Ab Herbst 2005 will die Studienstiftung zusätzlich zu einer "virtuellen Universität" laden: "Wir wollen die Besten zusammenbringen", erklärt Generalsekretär Gerhard Teufel. Elite-Förderung sei nicht davon abhängig, dass eine bestimmte Hochschule zur Elite-Universität erklärt wird, sondern hänge in erster Linie von der Exzellenz der Studenten ab.
Jan Friedmann, Julia Koch, Joachim Mohr
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