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Schavan in Chile: "Bildung ist ein öffentliches Gut"

Chiles wütende Studenten bekommen unerwartete Hilfe: Bildungsministerin Annette Schavan sagte in Santiago, Bildung dürfe man nicht dem freien Markt überlassen. Mit dem Fingerzeig mahnt sie ihren Gastgeber, Präsident Piñera, der am marktwirtschaftlichen Bildungssystem nicht rütteln will.

Ministerin Schavan: Auf ein Wort mit Präsident Piñera Fotos
Deutsche Botschaft Santiago de Chile

Es klingt wie ein Satz, den die Studenten in Chile seit eineinhalb Jahren unermüdlich auf ihre Protestplakate pinseln: "Bildung ist ein öffentliches Gut", sagte Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) am Montag in der chilenischen Hauptstadt Santiago. Und weiter: "Es ist unsere politische Verantwortung, dass junge Menschen gute Chancen bekommen." Bildung dürfe man nicht dem freien Markt überlassen.

Es sind Worte, die ihrem Gastgeber, dem chilenischen Präsidenten Sebastián Piñera, nicht gefallen haben dürften: Der konservative Staats- und Regierungschef sperrt sich seit mehr als einem Jahr gegen die Forderung von Lehrerverbänden, Schülern und Studenten, das weitgehend privatisierte Bildungssystem in seinem Land zu reformieren.

Die Zitate verbreitet Schavans Ministerium am vierten Tag ihrer Südamerikareise, und sie waren offenbar ein bewusster Fingerzeig in Richtung der Regierung und der Studenten, die noch immer gegen Piñeras Bildungspolitik protestieren.

Nur zwei Tage vor Schavans Ankunft in Santiago war die Stadt wieder von teils gewalttätigen Bildungsprotesten erschüttert worden: Tausende Demonstranten, die Veranstalter sprachen von 70.000, die Polizei von 5000, marschierten am Donnerstag durch die Innenstadt, später flogen Glasflaschen und Steine, die Polizei versprühte Tränengas, berichtete die Nachrichtenseite der "Santiago Times". Mehr als hundert Menschen seien festgenommen worden, viele davon minderjährig.

Profitorientierte Privat-Unis und der Rückzug des Staates haben das Studieren in Chíle enorm teuer gemacht und das öffentliche Schul- und Hochschulsystem ausgetrocknet. Studenten zahlen oft mehrere tausend Euro pro Jahr Studiengebühren, auch an staatlichen Universitäten.

Unter der Militärherrschaft von Augusto Pinochet wurde die kostenlose Hochschulbildung in Chile abgeschafft und die Kosten für das Schulwesen auf Städte und Gemeinden abgewälzt. Zu Beginn der neunziger Jahre wurde das Bildungssystem dann für den freien Markt geöffnet.

Nur ein Viertel des Bildungssystems ist öffentlich finanziert

Mehr als die Hälfte der chilenischen Studenten geht heute auf private Hochschulen, gerade noch 25 Prozent des Bildungssystems sind öffentlich finanziert. 838 Dollar geben die öffentlichen Kassen laut einer Studie der OECD im Jahr pro Student aus, der OECD-Schnitt liegt zehnmal so hoch.

Die Forderung der Studenten, Bildung kostenlos für alle zugänglich zu machen, lehnt Präsident Piñera kategorisch ab. Er hat zwar mehr Stipendien und niedrigere Zinsen für Studentendarlehen angekündigt. Außerdem will die Regierung die Bildungsausgaben im Haushalt 2013 um knapp zehn Prozent auf umgerechnet rund zehn Milliarden Euro erhöhen. Doch den Demonstranten geht das nicht weit genug.

Bildungsministerin Schavan reist mit einer Delegation von Hochschulvertretern und unterzeichnete in Chile ein Abkommen, das die wissenschaftliche Zusammenarbeit beider Länder stärken soll. Es gehe dabei unter anderem um die Forschung und Berufsausbildung im Bergbausektor, teilte ihr Ministerium mit. Chiles Regierung will in den nächsten acht Jahren 67 Milliarden US-Dollar in den Bergbau investieren.

Schavans Reise, die am Samstag in Chile begann und die sie am Dienstag in Bogotá in Kolumbien fortsetzt, endet am Freitag in Brasilien. Einer der Schwerpunkt der Reise ist eine stärkere Zusammenarbeit in der beruflichen Bildung. "Alle drei Länder brauchen gut ausgebildete Fachkräfte", sagte Schavan. Deshalb sei das Interesse am deutschen System der dualen Ausbildung groß.

son/AFP

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insgesamt 31 Beiträge
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1. Schweigen wäre Gold gewesen
hxk 02.10.2012
Zitat von sysopDeutsche Botschaft Santiago de ChileChiles wütende Studenten bekommen unerwartete Hilfe: Bildungsministerin Annette Schavan sagte in der Hauptstadt Santiago, Bildung dürfe man nicht dem freien Markt überlassen. Der Fingerzeig geht an ihren Gastgeber, Präsident Piñera, der am marktwirtschaftlichen Bildungssystem nicht rütteln will. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/studentenproteste-in-chile-bildungsministerin-schavan-reist-umher-a-859174.html
Immer noch besser als es deutschen Bildungsreformern zu überlassen. Die haben ein einstmals funktionierendes Schulsystem fast vollständig kaputt refomiert. Dienen wir als Vorbild oder als abschreckendes Beispiel?
2. Sind Doktortitel wohlfeil? ... Schöne neue Bildung?
wibo2 02.10.2012
"Bildung ist ein öffentliches Gut" ... ??? ... Was ist das doch für ein grotesker Satz. "Schulische Ausbildung ist eine staatliche Aufgabe" ... das meinte Frau Schavan wohl. Aus historischer, philosophischer, pädagogischer sowie sozialpolitischer Perspektive betrachtet haben die Bologna Reformen alternativlos zum Niedergang der deutschen Universität geführt. Es ist Zeit für eine Neubesinnung. Eine Bildungsministerin mit ungeklärtem Bildungsabschluss sollte sich im Auslandzurückhalten mit ungefragten Ratschlägen. Adorno bezeichnet als Halbbildung eine lückenhafte, oberflächliche, weil nur als Selbstzweck oder zur Anpassung erworbene Bildung. Bullemielernen bezeichnet Precht das, was Schavan einführte. Diese Frau ist einfach nur noch peinlich...
3. optional
sprücheklopferklopfer 02.10.2012
wer will sie sehen, wer lädt die bitte ein?...vorallem zu diesem Thema, bei der Ihre Kompetenz bei -1000 liegt...!
4. "marktwirtschaftlich" ein zutreffender Begriff
manni-two 02.10.2012
für das deutsche Bildungssystem -in der Praxis- die Chancengleichheit ist nur Theorie.
5.
diesernameistbereitsverge 02.10.2012
Von den bisherigen Kommentatoren war wohl noch keiner in Chile. Selbstverständlich ist Deutschland ein hervorragendes Vorbild. Und natürlich hat Schavan recht: Bildung ist ein öffentliches Gut. Keine Ware, kein Produkt, mit dem Geld verdient werden sollte. Es ist nur positiv, wenn nicht "nur" die Studenten, nicht "nur" das Volk, sondern auch eine deutsche Ministerin Pinera auf den richtigen Weg hinweisen.
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Fläche: 756.096 km²

Bevölkerung: 17,711 Mio.

Hauptstadt: Santiago de Chile

Staats- und Regierungschef: Michelle Bachelet

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