Studentenzorn in Südamerika: Bildung muss kostenlos sein, Señor Presidente

Südamerikas Studenten kommen nicht zur Ruhe: Kaum begonnen, platzten die Gespräche zwischen Staatschef Piñera und Studentenvertretern über Chiles marodes Bildungssystem. Der monatelange Schul- und Uni-Streik geht weiter. Auch in Kolumbien strömten Studenten auf die Straße.

Bildungsproteste in Südamerika: Nackt und mit Feuer gegen teure Bildung Fotos
DPA

Santiago de Chile/Bogotá - Die Verhandlungen zwischen Studentenvertretern und der chilenischen Regierung, vertreten durch Staatspräsident Sebastián Piñera, sind kurz nach ihrem Start schon wieder beendet.

Vertreter der Studentenbewegung lehnten es am Donnerstag ab, unter den Bedingungen der Regierung über eine Reform des Hochschulwesens zu verhandeln. Der bereits drei Monate dauernde Streik an Schulen und Universitäten sowie die Protestmärsche sollten fortgesetzt werden, beschlossen Studentenversammlungen in mehreren Städten.

Demonstranten und Polizei gerieten unter anderem in Santiago und Valparaíso wieder aneinander. Die Demonstrationen verliefen allerdings eine Spur ruhiger als sonst, ohne den üblichen Tanz und Gesang. Wegen der landesweiten Trauer um 21 Tote eines Flugzeugabsturzes in der Vorwoche hatten die Studenten kurzzeitig erwogen, ganz auf Proteste zu verzichten.

Die Angebote der Regierung reichen den Studentenvertretern nicht aus. "Man lädt uns ein, in ein Schwimmbecken ohne Wasser zu springen", begründete Studentenführerin Camila Vallejo für ihren Dachverband Confech den Abbruch der Gespräche. Der konservative Präsident Piñera bedauerte das Scheitern und warf den Studenten indirekt vor, es fehle ihnen am guten Willen.

Chile bei staatlichen Bildungsausgaben OECD-Schlusslicht

Schüler und Studenten verlangen seit Monaten ein gerechteres und besseres Bildungssystem für ihr Land und gehen dafür seit Juni immer wieder zu Zehntausenden auf die Straße. Sie fordern, dass die Etats der öffentlichen Schulen und Universitäten aufgestockt werden.

Selbst staatliche Einrichtungen erheben hohe Studiengebühren, die sich vor allem ärmere Familien kaum leisten können. Üblich sind Tausende Euro im Jahr, viele junge Chilenen beenden ihr Studium daher mit hohen Schulden.

Wer es sich leisten kann, besucht eine der oft noch teureren Privat-Hochschulen. Durch mehrere Privatisierungswellen in den vergangen 30 Jahren sind in Chile nur noch 25 Prozent des Bildungssystems öffentlich finanziert. 838 Dollar gibt der Staat laut einer Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) im Jahr pro Student aus. Der Durchschnitt in den 34 OECD-Ländern liegt zehn Mal so hoch, der private Anteil an den Bildungsausgaben ist in Chile mit Abstand am höchsten. Laut Gesetz dürfen öffentliche wie private Hochschulen in Chile zwar keine Gewinne erzielen, viele tun es aber trotzdem.

"Wir fordern ein Grundrecht auf eine kostenlose und hochwertige Bildung für alle Chilenen und ein Ende der Profite der privaten Bildungseinrichtungen", sagte Studentvertreterin Vallejo. Die 23-jährige Geografiestudentin ist die charismatische Führungsfigur der chilenischen Studentenbewegung. Die Regierung hat sich zwar bereit erklärt, mit Stipendien und günstigeren Studienkrediten helfen zu wollen, doch das geht den Demonstranten nicht weit genug.

Sie fordern deutlich mehr staatliche Förderung und ein kostenloses Bildungssystem, was wiederum die Regierung ablehnt. Nichts im Leben sei kostenlos, irgendjemand müsse immer bezahlen, sagt dazu Präsident Piñera.

Bildungs-Wut auch in Kolumbien

Zum Gesprächsauftakt am Samstag hatten sich Piñera und Studenten- und Lehrervertreter im Präsidentenpalast von Santiago getroffen. Die Gespräche dauerten fast vier Stunden, blieben jedoch ohne Ergebnis.

Auch in Kolumbien machen Studenten ihrer Wut auf die Regierung Luft. Am Mittwoch gingen in Bogotá, Cali und anderen Städten Studenten und Lehrer auf die Straße, um gegen Reformpläne der Politiker zu protestieren. Auch sie fordern freie staatliche Bildung.

"Wir sind nicht nur rebellische Studenten, die Proteste anzetteln", sagte Natalia Amando, Studentenvertreterin und Bildungsaktivistin einem Reporter der politischen Wochenzeitung "Christian Science Monitor". Mit Verweis auf Chile sagte sie, die Studenten in Kolumbien versuchten, der Welt zu zeigen, dass sie kostenlose Bildung bräuchten. "Sie ist eine Notwendigkeit für eine gesunde Gesellschaft", sagte Amando.

Die Studenten wehren sich auch gegen eine schrittweise Privatisierung der Hochschulen. Im März hatte die Regierung angekündigt, private Investitionen in staatliche Hochschulen erlauben zu wollen. Inzwischen ist sie in diesem Punkt zwar wieder zurückgerudert. Viele Studenten sind allerdings nicht überzeugt, dass sich Universitäten nicht dennoch mehr und mehr am Profit orientieren. Wie der "Christian Science Monitor" berichtet, fürchten die Studenten neben steigenden Studiengebühren auch die Abschaffung von "unprofitablen" Fächern, besonders in den Geisteswissenschaften.

son/dpa/dapd/AFP

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1. Bildung,kostenlos
The_Hobbit 09.09.2011
Und wann gibt es Studentenzorn im Lande? Oder darf die Bildung in der fortschrittlichen Bundesrepublik nur für Wohlhabende verfügbar sein? Somit wären die ganze Auswahlverfahren im Bewerbungsprozess überflüssig, wen ein Doktor-Titel besitzt, ist dessen auch geburtsmäßig würdig, unabhängig davon, dass ein proletarischer Ghostwriter die Diplomarbeit verfasst hat. Schafft diese ganze demokratische Einmischerei ab und lasst endlich die regieren, die es auch sollen. Ich begrüße Eure Gnade
2. Erstaunlich
dojan 09.09.2011
dass im SPON immer vom *konservativen* Präsidenten Piñera berichtet wird, aber nie von der *kommunistischen* Studentenführerin Vallejo (https://secure.wikimedia.org/wikipedia/de/wiki/Camila_Vallejo). Erstaunlich auch, dass diese Proteste gerade jetzt stattfinden, wo eine konservative Regierung im Amt ist. Was war denn die letzten 20 Jahre unter durchgehend linksgerichteten Regierungen? Das "Bildungsbusiness" in Chile mit privaten und halb-öffentlichen Schulen und Universitäten ist in den 90ern erst so richtig in Schwung gekommen (also nach den Militärs). Wie die Pilze sind damals diese Einrichtungen aus dem Boden geschossen. Ein einträgliches Geschäft. Das die pro Kopf Ausgabe für Bildung so weit unter dem OECD Schnitt liegt, liegt wohl vor allem daran, dass Chile in der OECD auch beim pro Kopf Einkommen ziemlich weit unten rangiert. In Prozent vom BIP sind es ~3,2 (gegenüber 4,6 Deutschland).
3. Ihr Beitrag ist mir unverständlich
frigor 09.09.2011
Zitat von The_HobbitUnd wann gibt es Studentenzorn im Lande? Oder darf die Bildung in der fortschrittlichen Bundesrepublik nur für Wohlhabende verfügbar sein? Somit wären die ganze Auswahlverfahren im Bewerbungsprozess überflüssig, wen ein Doktor-Titel besitzt, ist dessen auch geburtsmäßig würdig, unabhängig davon, dass ein proletarischer Ghostwriter die Diplomarbeit verfasst hat. Schafft diese ganze demokratische Einmischerei ab und lasst endlich die regieren, die es auch sollen. Ich begrüße Eure Gnade
Was genau wollen Sie sagen?
4. .
donvito85 09.09.2011
Zitat von dojandass im SPON immer vom *konservativen* Präsidenten Piñera berichtet wird, aber nie von der *kommunistischen* Studentenführerin Vallejo (https://secure.wikimedia.org/wikipedia/de/wiki/Camila_Vallejo).
Worauf wollen sie hinaus? das alle Demonstranten auf den Strassen Chiles Kommunisten sind? die ersten 10 Jahre der letzten 20 Jahren waren keine linken Präsidenten an der Macht, die Linken waren an der Regierung beteiligt, aber die Präsidenten Alwyin und Frei waren keine Linken. Lagos und Bachelet waren die Linken, und im Bereich der Bildung haben diese beiden sehr wenig erreicht... allerdings waren diese auch mit trivialeren Sachen beschäftigt, wie die offizielle Scheidung (erst im Jahr 2000 legal!) und ähnliche soziale Angelegenheiten... Die Angaben von BIP sind hier völlig fehl am Platze, weil die Schere zwischen Arm und Reich in Chile um ein vielfaches grösser ist als in Deutschland... Fakt ist, wenn man in Chile arm ist, ist es sehr schwer dann in der nächsten Generation aus der Armut rauszukommen. Hinzu kommt noch der immer noch herrschende ekelhafte Klassismus in Chile, der dort viel stärker präsent ist als in Deutschland.
5. -
Ede W. Simson 09.09.2011
Ich kann mir nicht helfen, aber Menschen, die nackig protestieren, beginnen mich unsagbar anzuöden. Kommt der Quatsch nicht irgendwann mal außer Mode?
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  • Freitag, 09.09.2011 – 17:50 Uhr
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