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Studentin in Rage: Meine Armut kotzt mich an

Clubs, Shoppen, Sonntagsbrunch: Das Studentenleben kann so schön sein. Wenn das Geld reicht. Trotz zweier Jobs kann die Berliner Studentin Julia, 25, nicht mithalten. Ihr Kontostand sagt Njet - und bei Unterschichtenwitzen lacht sie nur gequält mit. Ein zorniger Zwischenruf.

Die Leute strömen in den bunt erleuchteten steinigen Palast moderner Clubkultur. Sie sind stylish, gut gelaunt und haben ein hippes Smalltalk-Thema auf den Lippen. Ich bin im Berghain mit Freunden meiner Freundin; junge, dynamische, kommunikative Menschen. Friedrichshain, Berlin, Mitte der Woche.

Der Weg zur Bar, an Fotos pornografischer Art vorbei. Ich ordere locker wie gewohnt zwei Wodka-Kirsch, meine Freundin hat morgen Geburtstag, da lade ich sie ein, selbstverständlich. Wir wollen ja reinfeiern. Der betont schwule Barmann schaut beleidigt, als ich ihm kein Trinkgeld gebe. Sorry, denke ich, aber diese elf Euro werden nicht die letzten sein heute abend. Ich war unglaublich froh, als ich erfuhr, dass ich auf der Gästeliste stehe. 20 Euro hätte der Eintritt gekostet; ich habe den Ausgehvorschlag nicht moniert. Ist ja auch irgendwie unelegant, immer als armer Schlucker dazustehen.

Studentin Julia: Die peinlichen Armutsdetails kennen auch die meisten Freunde nicht Zur Großansicht

Studentin Julia: Die peinlichen Armutsdetails kennen auch die meisten Freunde nicht

Bin ich aber. Offiziell gehöre ich zu den 13,2 Prozent der armen Bevölkerung in Deutschland. Ich studiere, seit kurzem sogar an einer Eliteuniversität. Die Freie Universität ist jetzt internationale Netzwerkuniversität - und ich mittendrin. Um das zu finanzieren, arbeite ich in zwei Jobs nebenher, das schon zu Schulzeiten, durchgängig. Verkäufer, Marktstand, Promoter, Fernsehrunner und Tischeschieber - ich habe so ziemlich alles durch. Im Arbeitsoutfit einer Zeitung, ein bunt bedruckter Plastiksack als Körperüberzug, hoffte ich, nie jemandem zu begegnen, der mich in der Uni als studentische Hilfskraft antrifft. Das passt irgendwie nicht zusammen.

Mittlerweile habe ich mir ein unemotionales Lächeln angewöhnt, wenn es um das Thema der Lebensfinanzierung und Nebenjobs geht. Sätze wie "Na ja, ein bisschen zuverdienen halt" oder "Ich find's schöner, unabhängig von meinen Eltern zu sein" begleiten mich seit jeher.

Der eine Minijob reicht gerade für die Miete

Nein, ich antworte nicht mehr: "Ich habe tatsächlich keine Wahl, ohne meine Arbeit könnte ich nicht wirklich überleben." Das hört sich so übertrieben an. Dabei ist es die Wahrheit.

Ich gehe bei Aldi und Netto einkaufen, viele Produkte von Plus und Lidl sind einfach zu teuer. Die Einnahmen eines Minijobs gehen allein für die 300 Euro Miete meiner 32 Quadratmeter drauf. Meine Klamotten sind fast alle markenlos. Obwohl ich gern Adidas, Bench und Diesel bei mir im Schrank hängen hätte, rege ich mich oft über andere auf, die kleidungstechnisch aus diversen hippen Modezeitschriften stammen könnten. Meine Freunde leben ein Leben, das sich von meinem gravierend unterscheidet.

Ich versuche es bloß zu verstecken. Es ist mir peinlich!

Mein Vater kümmert sich nicht um mich und meinen Bruder, seit wir laufen können. Das Bafög-Amt hat festgestellt, dass mein Vater mittlerweile so viel verdient, dass das Amt nicht mehr dafür zuständig ist. Es hat mir die Verantwortung der finanziellen Selbstversorgung zurückgeschoben. Eine Klage war nicht finanzierbar, der Ausgang aufgrund eines Fachrichtungswechsels ungewiss.

Meine Mutter ist Hartz-IV-Empfängerin. Seit ich denken kann, hat sie diverse ABM-Maßnahmen und Umschulungen durchlaufen. Sinnlos! Nie hat jemand mal gefragt, wo ihre Schwächen oder Stärken liegen. Unabhängig von ihren Kompetenzen hat die Bundesagentur für Arbeit meine Mutter in die Arbeitslosigkeit und Randgruppenpositionierung finanziert.

Zwei, drei meiner Freunde wissen um die Situation meiner Mutter und meines eigenen Lebens. Sonst verschweige ich diese Details. Die wenigsten können damit umgehen, ich möchte sie auch nicht in die Verlegenheit bringen, etwas dazu sagen zu müssen. Wahrscheinlich kommt dann beim nächsten Unterschichtenwitz ein mitleidiger Blick. Nein danke, da lache ich lieber mit.

Joggen ist umsonst

In mir baut sich eine Aggression auf, die in letzter Zeit immer stärker wird. Das ständige Essengehen oder Brunchen am Sonntag reizt mich, und ich kann nicht erklären, wieso ich manchmal mit heftigen Worten reagiere. Ich gehe jetzt wieder regelmäßig joggen - zum Aggressionsabbau. Im Prenzlauer Berg. Das ist kostenlos. Hier wohne ich schon lange. Ich bin Ur-Berlinerin, hier geboren.

Die Musik ist laut, die Location beeindruckt mich. Ich war noch nie im Berghain, aber das behalte ich für mich an diesem Abend. 20 Euro sind einmal Einkaufen. Wenn ich das erklären müsste, wäre ich ein Stimmungskiller. Ich lache und lüge gekonnt die zugezogenen Freunde samt Freundin an.

Irgendwie habe ich mich an die bayerischen Nummernschilder der Autos und die schwäbischen Dialekte gewöhnt. Manchmal wird mir aber doch schlecht, wenn ich den im Vorbeigehen von P&C gekleideten Blondinen beim Elternbesuch zuhören muss: "Unn dasch hier vorn isch mein Türke, bei dem ich immer Obst kauf."

Eigentlich ist mein Lebenslauf nicht schlecht. Ich war im Ausland zum Studieren und habe Praktika in den USA und Afrika absolviert. Ich habe keine Probleme, mich in Fremdsprachen einzulernen und auf Menschen zuzugehen, arbeite nebenbei in der Uni, habe soziale Kompetenzen und beginne bald mit meiner Abschlussarbeit. Ich bin dann fast 26.

Arm und schuld daran

Klingt doch ganz gut. Sich so etwas aufzubauen kostet bloß viel Zeit und bringt leider kein Geld. Im Gegenteil - das kostet mehr als ein Jahr Kindergeld. Das gebe ich im Übrigen immer meiner Mutter, ich wünsche ihr ein bisschen Würde, neben den 345 Euro im Monat, die sie bekommt. Die durch die Zeit im Ausland entstandenen Schulden muss ich später abbezahlen.

Ich würde viel lieber meine Neigungen ausleben und mich von dem ganzen Arbeits- und Sozialstress mal erholen, eine Woche Urlaub machen. Keine Billig-Pauschaltour, sondern vielleicht nach Skandinavien, Wellness, Sauna und so weiter. Ohne dabei auf den Preis schauen zu müssen. Doch das sind Luftschlösser.

Vor einer Weile titelte ein Berliner Stadtmagazin "Meine Armut kotzt mich an". Ja, ich kotze mich auch an. Und wie! Beim Zahnarzt habe ich fast 400 Euro für eine Krone bezahlen müssen - ein Monat Arbeit. Ikea kann ich lange schon nicht mehr ertragen, aber die Bücherstapel ohne Halt haben den urbanen Stil überlebt. Viele junge Designer gibt's in meiner Gegend, ich kenne sie. Von der anderen Seite, zum Schaufenster hinein. Yep! Meine Armut kotzt mich an.

Die Debatte um arme Kinder in Deutschland ist kurzzeitig entbrannt, man müsse handeln, das könne sich das reiche Deutschland nicht leisten. Irgendwann sind diese Kinder erwachsen. Ich habe verstanden. Ich bin arm und schuld daran.

Meine Ex-Freundin hat mich damals angemotzt, dass ich mit meinem Selbstmitleid allein fertig werden müsse. Stimmt auch. Also reiche ich, ohne mit der Wimper zu zucken, den 50 Euro-Schein gen Bar, um Mitternacht, um meine Freundin und ihre Freunde auf eine Runde Sekt einzuladen. Herzlichen Glückwunsch!

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