Von Bernd Kramer
Als dann noch der Billardtisch kam, wurde es endgültig zu eng für Marc Bruch, 24, und seinen Mitbewohner Lars Roth, 25. Die Küche mussten sich die beiden bereits mit einem Tischkicker teilen. Der hatte schon so viel Platz eingenommen, dass Marc rückblickend lieber von "einer Bar mit Küchenfunktion" spricht. Und dann waren da noch die 340 DVDs, die auch ihren Raum brauchten.
Klarer Fall: Etwas Größeres musste her. Dabei sind 75 Quadratmeter im Mehrparteienhaus eigentlich schon großzügig bemessen für eine Zweier-WG. "Naja", sagt Lars, "75 Quadratmeter sind nicht klein. Aber eben auch nicht riesig."
Jetzt sind es jedenfalls 870 Quadratmeter: Unter sieben Meter hohen Decken stehen Billardtisch, Kicker, ausgesessene Sofas, Flachbildfernseher, Regale mit Cornflakes-Packungen und Nudeltüten, die etwas angestaubt sind von den häufigen Bohrmaschinen-Einsätzen. Außerdem Farbeimer, Umzugskisten, leere Pizzakartons und mehrere Paletten weißer Mauersteine. Hier, in einer alten Wuppertaler Lagerhalle mit angrenzendem Bürotrakt, wollen Marc und Lars ihre neue WG gründen - eine Riesen-WG. Oder "ein Wohnheim mit WG-Charakter", wie Marc sagt. Auf eigene Faust hochgezogen. Noch ist alles eine Baustelle, aber eines Tages soll es dann so aussehen:
Größenwahnsinnig? "Einfach nur total geil", sagt Marc. Die Idee kam ihnen zufällig, als Lars und Marc am Kaffeetisch einer Freundin den Immobilienteil der Zeitung durchblätterten und auf diese Anzeige stießen: "Gewerbehalle auch als Wohnraum zu vermieten."
Ab da ließ die Vorstellung sie nicht mehr los. Industrieschick, meint Marc, gefalle ihm sowieso besser als Stuck an den Decken. Und dann waren da ja noch diese Probleme mit der Polizei in der alten Wohnung. Die kam immer gerade dann vorbei, wenn die beiden feierten. Und mal etwas lauter einen Film zu sehen, erzählt Lars, ist ebenfalls tückisch, wenn drüber und drunter Leute zu schlafen versuchen.
Das Riesen-WG-Duo gibt sich professionell
Und hier? Kein Problem. Sie haben es direkt ausprobiert, mit "Death Race", einem Film, dessen Handlung vor allem darin besteht, dass Autos möglichst geräuschvoll ineinander fahren. In einem der Zimmer durfte währenddessen jemand Probe schlafen - was problemlos funktionierte.
Marc und Lars führen über ihre Baustelle, fast schon wie die Inhaber eines Immobilienunternehmens mit klarer Rollenverteilung: Marc, der gelernte Kälteanlagenbauer im grauen Overall, der Anpacker, der in allem Rohen das Fertige kommen sieht, stolz an die Rigipsplatten klopft und der WG als besonderes Extra einen doppelseitig begehbaren Kühlschrank bauen will. Lars, der Business Administration studiert, der das Hemd in die Hose gesteckt hat und ein graues Jackett drüber und still alles durchrechnet.
Vor allem das Startkapital, erklärt Lars, um die Halle anmieten und umbauen zu können, sei nicht so einfach aufzutreiben gewesen. "Die Banken wollten uns keinen Kredit geben", sagt er. "Die kennen entweder Immobilienkredit oder Existenzgründerkredit, da passten wir mit der WG nicht richtig ins Schema." Also haben die beiden Geld bei Verwandten, Freunden, Bekannten geliehen.
"Es muss funktionieren, das ist ja das Geile!"
Wie viel genau, möchten sie zwar nicht sagen, aber durchaus fünfstellig ist die Summe, die die beiden vorschießen und über die Jahre über die Mieten wieder reinholen wollen; verdienen wollen sie an ihrem Projekt ausdrücklich nicht, sagt Marc. Ein Risiko. "Aber es wird funktionieren, weil " Weil? "Weil halt! Es muss funktionieren, das ist ja das Geile."
Bisher läuft alles nach Plan. Die Zimmer waren schon weg, bevor es sie überhaupt gab. Die künftigen Bewohner sind zwischen 18 und 39 Jahre alt, Studenten, aber auch Berufstätige, Deutsche, eine Holländerin und ein Kalifornier.
Alex, 21, der Sicherheitstechnik studiert, hat eben die Wand in seinem Zimmer glatt gespachtelt, um sie mit der Silhouette Wuppertals bemalen zu können. Nebenan, im Zimmer von Jonathan, 23, stehen auf dunkelbraunem Laminat bereits Bett und Schränke. Die meisten hatten einfach irgendwo Matratzen in die Ecke geworfen, um noch während der Bauphase in der WG wohnen zu können.
Bis dann vor zwei Wochen drei Herren von der Bauaufsicht auf die provisorische Funkklingel am Halleneingang drückten und den Bewohnern erklärten, dass noch niemand den Bau beziehen dürfe, ehe die Nutzungsänderung von Gewerbe- auf Wohnfläche genehmigt sei. Nutzungsänderungsgenehmigung? Lars und Marc mussten sich erst einmal bei einem Architekten erkundigen, was das heißt. Der überarbeitet ihre Pläne jetzt so, dass alle Vorschriften eingehalten werden. "So lange können wir leider nichts Großes am Bau machen", sagt Lars.
Ärgerlich für die beiden. Dafür soll die Einweihungsparty umso größer werden. In ihrer alten WG mussten Lars und Marc damals 70 Mann auf 75 Quadratmeter quetschen. Diesmal sollte der Platz für alle halbwegs reichen. Auch für den Billardtisch.
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