Studentisches Trendleiden: Ein Grauen namens Aufschieberitis

Keine Zeile geschrieben, und morgen ist schon Abgabe? Wieder nur telefoniert und staubgesaugt, obwohl die nächste Klausur dräut? Die anderen kriegen's auch nicht besser hin: Sechs von zehn Studenten kennen den Nervenabrieb durch Aufschieben, wie eine neue Studie zeigt.

Auch mit Tagträumen kann man prima aufschieben Zur Großansicht
Corbis

Auch mit Tagträumen kann man prima aufschieben

Jedes Semester das gleiche Spiel: Hochmotiviert geht es in die ersten Vorlesungen und Seminare. Der Stundenplan läuft über mit Veranstaltungen, an denen man jetzt-aber-wirklich konsequent teilnehmen will - und die man natürlich mit einer Hausarbeit erfolgreich abschließen wird, gar keine Frage. Man muss es sich nur gut einteilen, dann ist das alles locker zu schaffen.

Am Anfang des Semesters glaubt man daran noch.

Und dann sitzt der Student am Schreibtisch, hat sich nach langem Ausprobieren für eine Schriftart entschieden und gestaltet jetzt das Deckblatt. Den Titel der Arbeit mittig oder linksbündig? Das Räsonieren kann schon mal ein paar Stunden dauern, zumal Spülmaschine, Waschmaschine, Kaffeemaschine zwischendurch bestückt und bedient werden wollen. Nicht zu vergessen all die Anrufe, die man dringend erledigen muss. Außerdem ist bei Facebook wieder so viel los. Und Sport ist doch auch wichtig!

Fast jeder Student kennt das Grauen namens Aufschieberitis, im Fachbegriff Prokrastination. Darüber gibt es Bücher und Blogs. Eine repräsentative Studie (pdf) der Pädagogischen Hochschule Freiburg zeigt jetzt sehr detailliert, wie verbreitet das Leiden ist - und wo die Studenten die Ursachen dafür sehen.

736 Studenten ließen die Freiburger Wissenschaftler Auskunft geben. Es ging ums Arbeitsverhalten, um Selbstdisziplin und darum, wie sie sich fühlen, wenn sie an Hausarbeiten schreiben oder für Klausuren lernen müssen. Die Studie zeigt: Sechs von zehn Studenten leiden an Aufschieberitis - fast 60 Prozent gaben an, Arbeitsaufträge vor sich herzuschieben. Ihre typische Flucht ins "Ausweichverhalten": Statt sich an ihre Hausarbeit zu setzen oder für die Klausur zu lernen, telefonieren sie lieber, räumen auf oder putzen die Fenster, so Karin Schleider, Professorin und Autorin der Untersuchung.

Hilfe, die Prüfung naht!

Bei mehr als der Hälfte der befragten Studenten äußert sich die Aufschieberitis darin, dass sie sich nur schwer konzentrieren können und leicht ablenken lassen. Jeder Dritte klagt über Leistungsängste, bei jedem Vierten bis Fünften reichen die Symptome von Nervosität über Gereiztheit bis hin zu psychosomatischen Beschwerden. Jeder fünfte Student weist insgesamt 20 derartige Merkmale für Lernstörungen auf - und ist damit gewissermaßen ein schwerer Fall.

Besonders vor Prüfungen geht es den Studenten schlecht, sie sind häufig Auslöser für psychische Probleme. Besonders gefürchtet sind mündliche Prüfungen; sie ängstigen die Hälfte der Befragten. Auf den nächsten Plätzen - mit über 40 Prozent - folgen Klausuren und die Abgabe von schriftlichen Arbeiten.

Ziemlich präzise gaben die Studenten Auskunft über Faktoren, die ihre Lernstörungen noch verstärken. So nennt jeder zweite Schlafmangel. Als nervig werden auch Professoren empfunden, die nicht genau wissen, was sie wollen. Unklare Arbeitsziele und fehlende Lernstrategien nennen vier von zehn Studenten als Störfaktoren.

Für Frust sorgen aber auch volle Hörsäle und Seminarräume, über die zwei Drittel der Befragten klagten. Dass nicht klar und nachvollziehbar geregelt ist, welche Leistungen man eigentlich erbringen muss, nannten 43 Prozent der Studenten. Und immerhin noch ein gutes Drittel beklagte die Prüfungsbelastung.

otr

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Forum - Morgen, Morgen…Verschieben Sie auch so gern?
insgesamt 235 Beiträge
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1.
A.M.HB 13.04.2006
Laut Sprichwort soll es ja ein Zeichen von Faulheit sein, alles auf morgen zu verschieben. Ich gehöre leider auch zu denen, die am besten unter Termindruck arbeiten können. Tipps, wie ich das ändern könnte, hab ich nur theoretische: Das Unangenehmste sofort erledigen, dann geht der Rest - angeblich - leicht von der Hand. Bin mal gespannt, ob ich hier verwertbare Tipps und Tricks nachlesen kann.
2.
nonopin 13.04.2006
Ich bin definitiv auch jemand, der Druck braucht... Ein bisschen verbessern konnte ich das. Wenn unangenehmes ansteht, sag ich mir: "das sind jetzt xy Minuten deines Lebens, die bringst du hinter dich und dafür wirst du xy Stunden sehr zufrieden sein mit dir!" Hilft ganz gut (je nach Tagesform und Wetter...). Oder aber ich erinnere mich an Unangenehmes, das zurückzuführen war darauf, dass ich Dinge zu lange habe liegen lassen... Hilft auch ganz gut:))
3.
sojiti 13.04.2006
ich halte es mit scarlett o'hara: morgen auf tara will ich über das nachdenken. dann werde ich es ertragen. morgen wird es mir schon einfallen. schließlich, MORGEN ist auch ein tag.
4.
dericon 13.04.2006
Hängt vielleicht damit zusammen, daß die Dinge, die ich (wir?) verschiebe, für mich nicht wichtig sind. Die für MICH wichtigen Dinge erledige ich sofort. Alles andere sind Forderungen anderer, für die ich teilweise nicht mal Verständnis habe. Warum auch? Ich fühle mich einfach nur belästigt ...
5.
Rainer Helmbrecht 13.04.2006
Ja, ich gehöre auch zu den Menschen, die (fast) alles auf Morgen verschieben. Diese Macke habe ich schon seit Jahrzehnten. Von den vielen Problemen, die ich verschiebe, gehört auch mein Wahlverhalten. Alle vier Jahre nehme ich mir vor mich zu informieren und nur noch eine Partei zu wählen, die meinem Willen entspricht. Jedesmal denke ich, na ja, so kurz nach der Wahl musst du alles erstmal zur Ruhe kommen lassen. Nichts über das Knie brechen, diesmal mit Augenmaß. Dann vergehen so ein-zwei Jahre und man versucht die Bestätigung für die alte Wahl zu finden. Dann bemerkt man.... Menschenskind, jetzt hast du wieder die gleichen Schaumschläger gewählt..... aber zum letzten Mal. Nun fange ich an die Parteien "wissenschaftlich" zu untersuchen. Ich wäge ab, suche alle Fallen, weiss immer noch nicht, ob Moral oder Cleverness der Politiker das rechte Kriterium ist. Inzwischen nähert sich der neue Termin. Ich werde hippelich, berate mich mit Freunden, Nachbarn, Parteigängern, frage alte Leute, junge Leute. Rede mir den Kopf heiss, fange an meine Freunde zu belehren, meine Feinde zu beleidigen und dann ist Wahltag! Jetzt mache ich den üblichen Fehler..... ich gehe erst wal wählen...... und nehme mir vor: Das nächst Mal werde ich mich informieren und nur noch die Partei wählen, hinter der ich zu 100 Prozent stehe;o).
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