Studienabbrecher: Ein bisschen Schwund ist immer

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In Medizin oder Pharmazie lässt fast niemand den Abschluss sausen. Bei Ingenieuren, Natur- und Geisteswissenschaftlern dagegen ist die Abbrecherquote hoch - und steigt in einigen Bachelor-Studiengängen sogar, wie eine aktuelle Studie zeigt.

In einem Beitrag über Studienabbrecher an deutschen Hochschulen findet der Bildungsforscher Martin Leitner fast poetische Worte und nennt als Beispiel für legendäre Fehlschläge den Bergsteiger George Mallory, der 1924 vergeblich den Mount Everest zu erklimmen versuchte. Mitunter werde "doch gerade in der tragisch scheiternden Kreatur menschliche Größe und Charakterfestigkeit deutlich sichtbarer als bei geradlinigem Erfolg", schreibt Leitner.

Wird es ihm gelingen, den großen Bogen vom Mount Everest zu deutschen Studenten zu schlagen? Mühelos: Anders als der tragische Held im Himalaya, so Leitner weiter, sei der Studienabbrecher von "würdigender Anerkennung des Misserfolgs weit entfernt, er steht für das kleine Scheitern. Ein Scheitern, das irgendwie langweilig wirkt, weil es so oft stattfindet. Viele zigtausend Mal jedes Jahr in Deutschland. Ein Scheitern, das erst dann seine Dramatik erhält, wenn es in Statistiken abstrahiert, in Kohorten komprimiert und volkswirtschaftlich monetarisiert wird."

In Medizin halten praktisch alle durch

Leitner ist Geschäftsführer des Hochschul-Informations-Systems (HIS), das sich seit vielen Jahren mit dem Thema Studienabbruch beschäftigt. Den Anteil der Abbrecher an deutschen Universitäten und Fachhochschulen seriös zu ermitteln, ist verzwickt - der Weg der Erstsemester ins Studium, durch die Hochschulen, in andere Studiengänge oder hinaus ins Arbeitsleben lässt sich nur schwer verfolgen. Darum erfassen die Hannoveraner Bildungsforscher neben den Abbrecherquoten auch "Schwundquoten" und "Schwundbilanzen", in die auch Studiengangwechsler hineinspielen.

Abbrecher nach Fächern: In Medizin kommen fast alle durch
IDW

Abbrecher nach Fächern: In Medizin kommen fast alle durch

Die jüngste Auswertung von HIS zeigt, wie stark sich Durchhaltewillen und Studienumfeld in den vielen akademischen Disziplinen unterscheiden. In den überwiegend stark verschulten Staatsexamina-Studiengängen Jura, Medizin und Lehramt liegt der Aussteiger-Anteil bei lediglich sieben Prozent. Dagegen brechen in den bisherigen Diplom- und Magisterstudiengängen an Universitäten 29 Prozent der Studienanfänger ihr Studium ab, an Fachhochschulen 21 Prozent. Dabei erreichen die Abbruchquoten in Maschinenbau, Elektrotechnik, Informatik, Mathematik, Physik und Chemie Werte um die 30 Prozent. Ähnlich trist sieht es bei den Sprach- und Kulturwissenschaftlern aus.

HIS hat vor allem den Absolventenjahrgang 2006 untersucht, mithin jene Studenten, die in den Jahren 1999 bis 2001 ins Studium starteten. Gegenüber der Untersuchung zwei Jahre zuvor sank die Abbrecherquote quer durch alle Fächer leicht auf 21 Prozent. Frauen erreichen dabei bessere Erfolgsquoten als ihre männlichen Kommilitonen.

Verschulung erhöht Druck und senkt Abbruchneigung

Bereits im Februar hatten die Bildungsforscher auch erste Daten zur Umstellung auf die neuen Bachelor- und Master-Studiengänge veröffentlicht. Und die sorgten durchaus für Überraschungen: An den Universitäten blieben 25 Prozent der Erstsemester auf der Strecke, an den Fachhochschulen sogar 39 Prozent - das liegt erheblich über dem Schnitt der alten Diplom- und Magisterstudiengänge. Dabei war eines der Ziele der Bachelor-Umstellung, die Studenten zügiger durch ein klarer strukturiertes Studium zu schleusen und so auch die Abbrecherquote zu senken.

Dies gelingt offenbar nicht. Oder jedenfalls nicht durchweg. Positive Tendenzen sehen die HIS-Forscher in den Sozial-, Sprach- und Kulturwissenschaften an Universitäten. Hier irrten viele Studenten zuvor orientierungslos durch die Uni, die Reihen lichteten sich im Laufe des Studiums besonders stark - und durch Bachelor-Studiengänge wurden diese Bereiche neu und straffer organisiert.

Schlecht sieht es besonders in den Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaften an Fachhochschulen aus. Dort ist Verschulung alles andere als neu. In den ersten Semestern wird traditionell stark gesiebt, nun haben die Studenten zusätzliche Sorgen: Die Studienzeit ist eingedampft worden, aber die vielbeschworene "Entrümpelung" kaum gelungen. Man paukt also die nahezu gleichen Lehrinhalte in kürzerer Zeit - und schon trägt es noch mehr Studenten aus der Kurve.

Chaos bei der Bachelor-Umstellung

In Maschinenbau und Elektrotechnik an Fachhochschulen sehen die HIS-Forscher den größten Handlungsbedarf, sprechen aber von Anfangs- und Umstellungsproblemen. Insgesamt wollen sie das Konzept der neuen Studienstruktur nicht in Frage stellen.

Auf die Hochschulen wartet noch viel Arbeit. Bei der Bachelor-Reform knirscht es mächtig, und das Problem Studienabbruch haben sie jahrzehntelang ignoriert, nonchalant nach der Devise "Ein bisschen Schwund ist immer". Und gab es einmal Kritik am hohen Aussteiger-Anteil, schimpften Professoren stets gern beherzt über untaugliche Studienanfänger, denen angeblich schlicht die Voraussetzungen fürs wissenschaftliche Arbeiten fehlen: Die Jugend von heute, die ist auch nicht mehr wie früher.

Inzwischen wächst der Druck: Die Wirtschaft ist wegen des Fachkräftemangels alarmiert. Die Politik sorgt sich um die deutsche Akademikerquote und um die Erstsemester-Zahlen, die in den geburtenstarken Jahrgängen nicht so rasant klettern, wie es die Kultusminister prophezeit hatten. Lange schon trommeln Unternehmen, Hochschulen, Bund und Ländern gemeinsam intensiv, um Abiturienten vor allem in die technischen Fächer zu locken. Naheliegend wär's, sich erst mal um jene zu kümmern, die sich bereits aus freien Stücken für ein Ingenieurfach entschieden haben - und massenhaft aus dem Studium gedrängt werden.

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