Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Studienanfänger: Hier kommt die Flut

Sie sind viele, und es wird eng: Doppelte Abiturienten- Jahrgänge rollen auf Deutschlands Hochschulen zu. Die Zahl der Erstsemester wird nicht nur vorübergehend steigen, sondern viele Jahre lang hoch bleiben, prophezeien Bildungsexperten - die Zahl der Studienplätze reiche nicht.

Neue Prognose: Bildungsforscher rechnen mit weit über 350.000 Erstsemestern pro Jahr Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Neue Prognose: Bildungsforscher rechnen mit weit über 350.000 Erstsemestern pro Jahr

Doppelte Abiturjahrgänge haben sich viele Bundesländer mit der "G8"-Umstellung, dem Turbo-Abitur nach insgesamt 12 statt 13 Schuljahren, selbst eingebrockt. Nun müssen sie etwas tun, wenn sie mehr junge Menschen an die Hochschulen bringen wollen - nämlich mehr Geld für die "Bildungsrepublik" in die Hand nehmen.

Die ersten Bundesländer haben die Gymnasialzeit bereits verkürzt. Wenn alle den Plänen folgen, sind 2011 Bayern und Niedersachsen an der Reihe, 2012 gleich vier Bundesländer (Baden-Württemberg, Berlin, Bremen, Brandenburg), 2013 die bevölkerungsstarken Länder Nordrhein-Westfalen und Hessen. Erst 2016 will Schleswig-Holstein nachziehen.

Nun könnten die Bundesländer versuchen, einer berüchtigten bildungspolitischen Spar-Tradition zu folgen und den Studentenberg einfach mal "untertunneln" - also mit nur geringen Zusatz-Investitionen so lange auszuharren, bis die Studentenzahlen wieder sinken, nach dem Motto: Augen zu und durch. Solche unseligen Experimente der siebziger und achtziger Jahre stürzten Deutschlands Hochschulen ins Dauerchaos. Sie zu wiederholen, wäre andere als eine kluge Strategie, warnen jetzt Bildungsforscher.

Im Bundesbildungsbericht 2010 prognostiziert das Hochschul-Informations-System (HIS) eine anhaltend hohe Auslastung der deutschen Hochschulen für die kommenden 15 Jahre. Selbst wenn künftig wieder weniger Jugendliche eines Jahrgangs ein Studium aufnehmen würden, sei bis 2025 mit mindestens 350.000 Erstsemestern jährlich zu rechnen. Bereits 2009 hatte die Zahl der Studienanfänger mit 423.000 Rekordniveau erreicht.

Die Prognose basiert auf Zahlen des statistischen Bundesamts. Der Bedarf an Geld und Personal für die Hochschulen in Deutschland bleibe bei steigenden Studentenzahlen bis "etwa 2018 auf heutigem Niveau oder darüber", heißt es in dem Bildungsbericht, der im Auftrag von Kultusministerkonferenz und Bundesbildungsministerium erstellt wurde.

Es fehlen 64.000 Studienplätze - mindestens

Andrä Wolter, HIS-Forscher und Co-Autor des Bildungsberichts, widersprach am Donnerstag der Annahme, die doppelten Abi-Jahrgänge würden nur zu einem zwischenzeitlichen Spitzenwert der Erstsemesterzahl führen, die bald wieder abbröckelt: Der in der Vergangenheit "als 'Überlast' wahrgenommene Nachfragedruck" werde zur "Dauerlast", so Wolter. Die Ziele des Hochschulpakts, der die Studentenwelle abfedern soll, wurden "vorzeitig erreicht", schreiben die HIS-Forscher. Oder im Klartext: Es sind mehr Studenten gekommen als erwartet - und der Hochschulpakt von Bund und Ländern ist nicht ausreichend finanziert.

Fotostrecke

4  Bilder
Erstsemesterboom: Abi-Welle treibt die Zahl nach oben

Wenn die Bildungspropheten recht behalten, müsse auch der Hochschulpakt II, mit dem die doppelten Abiturjahrgänge bis 2015 abgefedert werden sollen, "weiter erhöht werden". Das HIS zeichnet für die Zahl der Erstsemester drei unterschiedliche Szenarien und geht schon bei einem mittleren Verlauf der Anfängerzahl von 64.000 fehlenden Studienplätzen aus. Auch die Hochschulrektorenkonferenz forderte angesichts der neuen Zahlen ein Plus bei den Studienplätzen. Liege die Zahl der Studenten auch bis 2020 auf heutigem Niveau, "wird eine Erneuerung des Hochschulpakt notwendig", so die Präsidentin Margret Wintermantel.

Die Studienanfängerquote liegt derzeit bei einem Rekordwert von 43 Prozent - allerdings sagt die Zahl relativ wenig aus. Denn einen großen Anteil daran haben mittlerweile Ausländer, die in Deutschland ein Studium aufnehmen. Seit Ende der neunziger Jahre steigt die Zahl ausländischer Studenten in Deutschland, was die Quote seit einigen Jahren um etwa fünf Prozentpunkte zu hoch ausfallen lässt. Umgekehrt werden bislang auch deutsche Abiturienten nicht erfasst, die ihr komplettes Studium im Ausland absolvieren - das sind allerdings deutlich weniger als die ausländischen Studienanfänger an deutschen Hochschulen.

Rechnet man sie heraus, bleiben etwa für 2008 lediglich rund 34 Prozent Studienanfänger pro an deutschen Schulen ausgebildetem Altersjahrgang übrig. Für 2009 rechnen die Statistiker mit 37 bis 38 Prozent, dank doppelter Abiturjahrgänge und der Umwidmung der baden-württembergischen Berufsakademien in Hochschulen.

Beim 40-Prozent-Ziel ist "Luft nach oben"

Zum offiziellen Ziel der Bundesregierung, 40 Prozent eines Altersjahrgangs an die Hochschulen zu bringen, sei also noch "Luft nach oben", so Christian Kerst, HIS-Forscher und Mitarbeiter am Bildungsberichts. Man müsse acht geben, "dass man nicht vorschnell sagt, wir haben unser Ziel erreicht", sagte Kerst SPIEGEL ONLINE.

Bestehen bleibt eine soziale Schieflage an den Hochschulen. Nur jeder sechste Student hat laut Bildungsbericht einen Migrationshintergrund, gegenüber fast einem Viertel der deutschen Bevölkerung. Auch die soziale Zusammensetzung der Studentenschaft "unterscheidet sich deutlich von der in der Bevölkerung von 19 bis unter 25 Jahre", heißt es im über 300 Seiten starken Dokument. So stammen Studenten überproportional häufig aus Akademikerfamilien, außerdem haben Kinder von Beamten und Selbständigen beim Weg an die Hochschulen die Nase deutlich vorn. Diese Gruppen stellen nur ein Fünftel der Gesamtbevölkerung; unter den Studenten indes stammt mehr als ein Drittel aus Beamten-, Unternehmer- oder Freiberufler-Familien.

Einig sind sich die Autoren mit der Politik darin, dass Deutschland künftig mehr Akademiker braucht. Darum lautet eine zentrale Empfehlung des Berichts, mehr junge Menschen "zu einer Hochschulzugangsberechtigung zu führen". Und sie im nächsten Schritt an die Hochschulen zu bringen. Und dann bitte auch bis zum Abschluss zu bringen - denn nach wie vor führt jeder Vierte sein Studium nicht zu einem erfolgreichen Ende.

Fotostrecke

76  Bilder
Prominente Studienabbrecher: Es gibt ein Leben nach der Uni

Daran hätten auch die neuen Bachelor-Studiengänge bislang nichts geändert, heißt es im Bildungsbericht. Zarte Verbesserungen gibt es beim Studienabbruch allerdings: In den neuen Studiengängen ist die Abbrecherquote seit 2006 um fünf Prozentpunkte gesunken - warf 2006 noch fast jeder dritte Bachelorstudent den Krempel hin, liegt die Quote nun bei 25 Prozent.

cht/jol

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 13 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Geistige Elite
Michael Giertz, 17.06.2010
Zitat von sysopSie sind viele, und es wird eng: Doppelte Abiturienten- Jahrgänge rollen auf Deutschlands Hochschulen zu. Die Zahl der Erstsemester wird nicht nur vorübergehend steigen, sondern viele Jahre lang hoch bleiben, prophezeien Bildungsexperten - die Zahl der Studienplätze reiche nicht. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,701277,00.html
Und dann sollen der NC abgeschafft und die Hürden gesenkt werden, damit wirklich JEDER 3,5-Abiturient noch in irgendeinem Studium "geparkt" werden kann? Merke: Studenten tauchen in keiner Arbeitslosenstatistik auf! Bildung sollte zwar kein Luxus sein und jeder sollte auch das Recht darauf haben. Gute Ausbildung gibt's aber nicht, in dem man die Studiengänge vollstopft. Wo gilt hier bitte das Leistungsprinzip? Es muss viel, viel mehr gesiebt werden, damit es wieder eine geistige Elite gibt. Denn daran mangelt es in Deutschland ...
2. titel
Gertrud Stamm-Holz 17.06.2010
Zitat von Michael GiertzUnd dann sollen der NC abgeschafft und die Hürden gesenkt werden, damit wirklich JEDER 3,5-Abiturient noch in irgendeinem Studium "geparkt" werden kann? Merke: Studenten tauchen in keiner Arbeitslosenstatistik auf! Bildung sollte zwar kein Luxus sein und jeder sollte auch das Recht darauf haben. Gute Ausbildung gibt's aber nicht, in dem man die Studiengänge vollstopft. Wo gilt hier bitte das Leistungsprinzip? Es muss viel, viel mehr gesiebt werden, damit es wieder eine geistige Elite gibt. Denn daran mangelt es in Deutschland ...
Jetzt sagen Sie doch sowas nicht. Der deutsche Student hat es schwer, ist mittellos und muss sich plagen. Und Sie wollen auch noch sieben? Wo SpOn alles versucht, um die Damen und Herren ins rechte Licht zu rücken. Da wird wie wild studiert und nachher gibt es doch keinen vernünftigen Job, wenigstens keinen hochwertig bezahlten. Es ist furchtbar. An anderer Stelle wird aktuell über Nebenjobs von Lehrlingen debattiert, also jenen, denen ein Studium zu hoch oder zu weit ist. Und die nach ihrer Ausbildung erst Recht keinen finanziellen Segen erwarten können. Zu bedauern sind aber die Studenten, die armen Würstchen.
3. Tittel
VPolitologeV, 17.06.2010
Am Ende des Artikels werde ich aufgefordert, "Meine Meinung zu sagen". Leider würde diese gleich wegzensiert werden. Ich rechne damit, in den nächsten Jahren eine strafrechtlich relevante Meinung [Beleidigung] zu haben, wenn der Krams so weiterläuft. Es gibt eine geistige Elite. Sie ist unorganisiert, ohne Ressourcen, ohne Kommunikation nach außen und wird gerade in allen möglichen Drecksjobs verheizt. Damit die personifizierten Stammtischbierbäuche Großpolitik betreiben können.
4. elite
zynik 18.06.2010
Zitat von VPolitologeVAm Ende des Artikels werde ich aufgefordert, "Meine Meinung zu sagen". Leider würde diese gleich wegzensiert werden. Ich rechne damit, in den nächsten Jahren eine strafrechtlich relevante Meinung [Beleidigung] zu haben, wenn der Krams so weiterläuft. Es gibt eine geistige Elite. Sie ist unorganisiert, ohne Ressourcen, ohne Kommunikation nach außen und wird gerade in allen möglichen Drecksjobs verheizt. Damit die personifizierten Stammtischbierbäuche Großpolitik betreiben können.
Schön auf den Punkt gebracht. Leider ist der Begriff "Elite" im allgemeinen Sprachgebrauch mittlerweile von einem Kreis von neureichen Systemprofiteuren erfolgreich gehijackt und auf seinen monetären Aspekt reduziert worden. Die eigentliche Bildungskatastrophe findet in den vorhandenen intellektuellen Ressourcen statt, die gut ausgebildet in der prekären Beschäftigung vor sich hinvegitieren, weil sie nicht in den wirtschaftsfaschistoiden Zeitgeist passen.
5. ...
Newspeak, 18.06.2010
Zitat von Michael GiertzUnd dann sollen der NC abgeschafft und die Hürden gesenkt werden, damit wirklich JEDER 3,5-Abiturient noch in irgendeinem Studium "geparkt" werden kann? Merke: Studenten tauchen in keiner Arbeitslosenstatistik auf! Bildung sollte zwar kein Luxus sein und jeder sollte auch das Recht darauf haben. Gute Ausbildung gibt's aber nicht, in dem man die Studiengänge vollstopft. Wo gilt hier bitte das Leistungsprinzip? Es muss viel, viel mehr gesiebt werden, damit es wieder eine geistige Elite gibt. Denn daran mangelt es in Deutschland ...
Im Moment wird schon enorm gesiebt. Alle, die nämlich halbwegs bei Verstand sind von unserer akademischen Elite wandern nämlich aus. Und was zurückbleibt sieht man ja. Eine geistige Elite, die aus Westerwelles und Merkels besteht. Eine Elite, die auch immer das Leistungsprinzip einfordert, aber selbst noch nie etwas geleistet hat, sondern vom Steuerzahler fürs Nichtstun alimentiert wird (nennt sich "Regierung"). Oder meinten Sie die andere "Elite", die vor allem kriminelle Großleistungen erbringt (Banken, Teile der Wirtschaft, Privatpersonen wie Zumwinkel und Hartz, der als verurteilter Zuhälter sogar Sozialgesetze schreiben durfte).
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Wir sind viele: Deutschlands Hochschulriesen

Studienplatztausch
DDP

Wer nur einen Platz weit weg von der Uni der ersten Wahl bekommt, muss nicht verzweifeln - der Studienplatz lässt sich tauschen. Gleiches Fach, gleiches Fachsemester, vergleichbare Scheine: Schon kann es losgehen. Die Tauschbörse auf SPIEGEL ONLINE vermittelt den passenden Partner, ohne endlosen Papierkrieg. Mehr ...

Fotostrecke
Studenten-Studie: Wie sie leben, wo sie wohnen, was sie verdienen

Was Studieren kostet

Klicken Sie auf die Länder oder wählen Sie ein Bundesland aus dem Ausklappmenü, um mehr über die Beschlusslage dort zu erfahren.

Hochschulkompass
AP
Wo kann man Komparatistik studieren? Oder Pharmazie? Und Jura im Nebenfach? Alle Fächer, alle Abschlüsse, alle Orte - mit dem Hochschul-Kompass auf SPIEGEL ONLINE navigiert man durch die Studiengänge deutscher Hochschulen. mehr...