Verschlafen! Ich springe aus dem Bett, dann fällt mir auf, dass es stockdunkel ist. Schon als Kind schreckte ich vor ersten Schultagen mitten in der Nacht hoch und begriff erst nach einer Weile, dass ich noch ein paar Stunden länger schlafen konnte. Mein Unterbewusstsein hat meinen ersten Uni-Tag wohl mit ersten Schultagen gleichgesetzt - auch wenn meine Klassenkameraden nun Kommilitonen heißen.
Als es endlich hell wird, fühle ich mich wie gerädert. Dreimal kontrolliere ich, ob ich Block und Stifte in meinem Rucksack habe. Dann mache ich mich mit einem Zeitpuffer von einer halben Stunde auf zur Haltestelle, wo ich zielsicher die falsche Bahn nehme. Als die Landschaft immer ländlicher wird, fällt mir das auch endlich auf. Ich steige um Richtung Dresdner Innenstadt und komme gerade noch rechtzeitig. Der Seminarraum ist fast voll, nur in den vorderen zwei Reihen ist noch was frei.
Mir wird schnell klar, dass meine beiden Pflichtsemester Altgriechisch nicht leicht werden. Fünfmal anfangen bringe nichts, sagt die Altgriechisch-Professorin. Wer nicht das nötige Sitzfleisch mitbringe, na, der sei hier eben falsch. Zum Glück hat die Kommilitonin neben mir schon die Kurs-Unterlagen ausgedruckt, denn es geht sofort los: Mit der Teilnehmerliste in der Hand ruft die Professorin gut 40 Studenten nacheinander zum Vorlesen auf. Gar nicht so einfach, schließlich liegt vor uns ein komplett neues Alphabet voller Symbole, die ich nur teilweise aus Mathe und Physik kenne.
15 Studenten und noch mal so viele Senioren
Danach folgen die ersten Grammatik- und Akzent-Regeln - in der Schule hätten wir sicher in den ersten fünf Stunden nur Plakate gemalt. Nach 90 Minuten ist das Seminar vorbei, und ich muss mich beeilen: In einem anderen Gebäude, zwei Bushaltestellen weiter, beginnt in knapp 20 Minuten meine Christologie-Vorlesung.
Bei der Einführungsveranstaltung der Philosophischen Fakultät hat uns der Dozent ein Balkendiagramm gezeigt, wie viele Studenten welches Fach an der Fakultät studieren. Am längsten war der Balken in Geschichte. Durch Farben war aufgegliedert, wie viele auf Bachelor, Master oder Lehramt studierten. Der Balken bei Katholische Theologie war so klein, dass ich die farblichen Unterschiede kaum erkennen konnte. Bei der Einführungsveranstaltung meines Instituts waren wir etwa zehn Erstsemester.
Bei meiner ersten richtigen Vorlesung sind wir circa 15 Studenten und noch mal so viele Senioren als Gasthörer. Ich finde es spannend, was uns der Prof über seinen Fachbereich, die Systematische Theologie, erzählt. "Theologie ist ein kritisches Geschäft. Also, meine Damen und Herren: Glauben Sie mir nicht. Hinterfragen Sie!", sagt er und nimmt mir so meine letzten Zweifel, im Studium nur auf absolute Papstverfechter zu stoßen.
Zum Glück habe ich montags nur zwei Lehrveranstaltungen. Nach der Vorlesung hetze ich in die "Spiesser"-Redaktion, wo ich jetzt als Teilzeit-Redakteurin arbeite, und nach Feierabend fahre ich mit dem Fahrschulauto auf die Autobahn. Danach liege ich müde im Bett. Mit "Alpha, Beta, Gamma, Delta, ", murmle ich mich in den Schlaf.
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