Seit zwei Wochen lebe ich in Tübingen und hatte bisher keine Zeit, irgendjemanden zu vermissen. Ich war gerade in mein WG-Zimmer eingezogen, da quartierte ich schon meine Kindergarten-Freundin Ellen ein. Sie studiert auf Lehramt, hat allerdings noch keinen Schlafplatz gefunden.
Kaum steht Ellens Koffer in meinem Zimmer und ihre Zahnbürste im Bad, muss ich weg. Stadt-Ralley, Kneipentour, Ersti-Kaffee, Campus-Führung - und das Ganze mal zwei, denn die Fachschaften meiner beiden Fakultäten strengen sich richtig an, um uns Uni-Anfängern den Einstieg leicht zu machen.
Bei der Stadtführung klären die älteren Semester auch das ein oder andere Tübinger Mysterium. An vielen Tübinger Hauswänden hängen Blechschilder mit der Aufschrift "Hier kotzte Goethe", jetzt habe ich auch zwei Erklärungen, warum: Johann Wolfgang von Goethe soll hier zwölf Tage lang zu Besuch gewesen sein und sich aus dem Fenster übergeben haben. Der Alkohol, sagen die einen. Andere behaupten, Goethe konnte meine liebgewonnene Studentenstadt Tübingen nicht leiden.
Der Stundenplan sieht so leer aus...
Nebenbei lerne ich bei den "Ersti-Veranstaltungen" auch die andere "Erstis" kennen, etwa den U-19-Basketball-Bundesligisten Stefan, der mich aus 2,03 Metern Höhe angrinst. Beim Medienwissenschafts-Mittagessen begegne ich Martin Luther, ich frage, was ihn immer alle fragen - und er heißt wirklich so. Gleich darauf begegne ich auch noch meiner Doppelgängerin: Eine Larissa mit genau der gleichen Fächerkombination. Irgendwann quillt mein Handy-Telefonbuch vor neuen Nummern über, und ich fange an, den Gesichtern falsche Namen zuzuordnen.
Zeit zum Entspannen bleibt keine, schließlich muss ich als leidenschaftliche Schwimmerin und Joggerin Tübingens Schwimmbäder erkunden, die besten Laufwege am Neckar testen, an Bibliotheksführungen teilnehmen und meinen Stundenplan zusammenpuzzeln.
Fünf Wochentage, Seminare, Tutorien, Vorlesungen, Intensivphasen und mittendrin: ich ohne Plan. Aber meine erfahrenen Mitbewohnerinnen und "Ex-Erstis" Lena und Sandra retten mich. Nach einigem Hin- und Herrücken, Rumspielen und Schieben steht er: mein erster Uni-Stundenplan, der auf den ersten Blick so leer aussieht
Nicht mehr ganz so leer ist mein karierter Block nach den ersten Seminaren und Vorlesungen. Darin stehen Termine für die ersten Protokolle, Kompaktphasen und Hausarbeiten. Zwischen den Seiten stapeln sich Blätter mit Seminarlisten, Literaturempfehlungen und Referatsthemen. Der Schein des leeren Stundenplans trügt. Ich glaube, so sieht der Uni-Alltag aus.
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