Elternbesuch ist meist sehr schön - und oft auch anstrengend. Nun hatten sich bei mir aber nicht nur meine Eltern zum Besuch angekündigt, sondern auch meine Schwiegereltern in spe. Zwei Mütter, zwei Väter und mein Freund zur gleichen Zeit in Tübingen. Zum ersten Mal alle zusammen auf Tour.
Ich musste die Küche wischen, mein Zimmer saugen, meinen Blätterstapel in meiner Kommode verstecken und mit roten Weihnachtskugeln die Küche schmücken. Aber das größte Problem: Mein Vater wollte essen gehen. Immerhin hat er mir diesen Wunsch schon vier Wochen vorher verkündet, er weiß schließlich, dass wir komplett unterschiedliche Meinungen von gutem Essen haben.
Während ich gern Neues ausprobiere, gern exotisch, isst er gern Fleisch, Beilage und Gemüse, deftig eben. Aber ist ihm auch bewusst, dass ich bisher nur in der Mensa und der Studentenpizzeria am Eck gegessen habe? Dass ich keine Idee habe, wo ich in Tübingen Eltern und Schwiegereltern in spe zum Essen ausführen kann?
Die Angebote im Internet überforderten mich, und den meisten Kommilitonen fiel bei der Frage nach einem elterntauglichen Restaurant auch nichts ein. Meine Freundin Patricia hatte ihren ersten Familienbesuch schon hinter sich, sie empfahl mir schließlich einen Mexikaner.
Care-Pakete von den Eltern: Kekse und Obst, Spüli und Klopapier
Am Sonntagmorgen rückte die Kolonne aus der Pfalz an - mit Akkubohrer, Obstkorb, zehn verschiedenen Sorten Gebäck und Geschenk. Sie lobten unsere saubere Küche und mein Zimmer. Boden putzen und Uni-Sachen verstecken, hat sich also gelohnt.
Später inspizierten sie unser Bad und stellten alle nacheinander fest, dass darin das Fenster fehlt. Die Väter klopften nebenbei ab und zu an die Wände und fachsimpelten über den Putz. Ich nickte nur und fragte mich, was daran interessant ist. Dann packte mein zukünftiger Schwiegervater die Bohrmaschine aus, um unsere neuen Lampen anzubringen. Danach schlenderten wir zum Mexikaner. Meinem Vater schmeckte es. Zum Glück.
Aber ich wollte den Müttern und Vätern natürlich mehr bieten. Ich wollte ihnen Tübingen präsentieren - samt Schloss, Uni-Bibliothek und Tübinger Schokomarkt, "Deutschlands größtes Schokoladen-Festival" in der Innenstadt. Der gehört zum Tübinger Vorweihnachtsprogramm dazu.
Mein Vater kannte die Sehenswürdigkeiten schon und begann, Geschichten über den ersten Besuch im Sommer zu erzählen. Meine Mutter war begeistert vom Bibliotheksflair und "all den Studenten". Meine Schwiegereltern in spe sagten gar nichts, und mein Freund googelte die Sehenswürdigkeiten auf seinem Handy.
Bei unserer Tour war ich nicht mehr die kleine Tochter, schließlich habe ich jetzt ein neues eigenes Zuhause, in dem ich mich auskenne, meine Eltern nicht. Trotzdem können sie nicht aufhören, zu bemuttern: Später in meiner WG, bei Kaffee und Gebäck, gaben sie wieder gute Ratschläge - wie lagere ich Bananen am besten? Bloß nicht im Kühlschrank, sondern auf dem Balkon! Aber es ist auch schön, hin und wieder Kind zu sein.
Erholen konnte ich mich vom Elternbesuch nicht. Denn drei Tage später hatten sich die Mütter meiner Mitbewohnerinnen angekündigt. Statt Obst und Plätzchen gab es diesmal Toilettenpapier, Spülmittel und Tipps zur Verwendung von Spülschwämmen. Als hätten sich unsere Eltern abgesprochen.
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