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23. Dezember 2011, 12:32 Uhr

Studienanfänger-Tagebuch

Gott, Mama, Asta

Was zählt im Studium? Fabienne kommen Zweifel, ob sie das unter Theologen herausfinden wird. Für Larissa ist die zentrale Aufgabe erst einmal das Elternmanagement, und Marc diskutiert über Frauenquoten auf Redelisten. Die Erstsemester-Kolumnisten im UniSPIEGEL zeigen: Jeder findet seinen Weg.

Sie haben das erste Referat überstanden, sie wissen, wie sie in der Bibliothek die Bücher finden und sind jetzt zu den wesentlichen Fragen des Studiums vorgedrungen: Kann man Gott als schizophren bezeichen? Wo finde ich ein elterntaugliches Restaurant? Und: Sollte eine männliche Dominanz in Diskussionsrunden durch eine quotierte Redeliste gebremst werden?

Marc Becker, 20, Fabienne Kinzelmann, 19, und Larissa Rohr, 19, sind drei von rund 500.000 Erstsemestern, die seit Oktober studieren. Marc engagiert sich seit Studienbeginn in der Fachschaft und philosophierte nun mit seinen Kommilitonen über ihr basisdemokratisches Projekt. Fabienne wundert sich nach drei Monaten Studium, warum ihr alle Leute sagen, dass sie nicht aussehe wie eine typische Theologie-Studentin, und Larissa empfängt an einem Wochenende gleich Besuch von zwei Elternpaaren: von ihren eigenen und ihren Schwiegereltern in spe.

Für den UniSPIEGEL berichten die drei von ihrem Studienstart. In Teil 5 erklären sie, wie Theologie-Studenten, Eltern und Fachschafter so ticken.

Fabiennes Date: der Theologe mit der spirituellen Ader

"Kann man Gott als schizophren bezeichnen?", fragte neulich eine Kommilitonin. Diese Frage fiel zwar in einem Seminar zur Trinität, also zur Dreieinigkeit vom Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist. Trotzdem klingt sie etwas komisch, wobei solche Vergleiche häufig vorkommen. Denn die Themen, mit denen wir uns beschäftigen, sind teilweise sehr abstrakt: Trinität, Jungfrauengeburt oder Theodizee, also die Frage nach dem Leid in der Welt. Und jeder versucht auf seine eigene Weise, Gott und die Welt zu begreifen.

Mein Kommilitone Max beispielsweise rechtfertigt seine speziellen religiösen Ansichten mit seiner spirituellen Ader. Er ist Anhänger der Theosophie, einer eher esoterischen Weltanschauung, und fest davon überzeugt, dass er aus einer inneren Erkenntnis heraus weiß, was wahr ist. Ob ich auch eine spirituelle Ader habe? Diese Frage konnte er sich selbst beantworten, sah er doch mit welch hochgezogenen Augenbrauen ich seinen Ausführungen folgte.

Meine Kommilitonen studieren Theologie aus unterschiedlichen Gründen: Die einen suchen nach dem Sinn des Lebens, manchen scheint Religion als zukunftsträchtiges Lehramtszweitfach, andere - wie ich - wissen es nicht mehr so genau. Wenn ich in Dresden neue Leute kennenlerne, sagen sie schnell: "Du siehst gar nicht aus, als würdest du Theologie studieren." Ich fühle mich dann ein bisschen wie ein Ausstellungsstück: Sie mustern mich und fragen sich wahrscheinlich, wo mein langer Rock ist, wo meine Jesuslatschen sind.

Bin ich eine typische Theologin?

Obwohl ich selbst befürchtet habe, im Studium auf absolute Papstverfechter und Moralapostel zu stoßen, sind die Frauen und Männer, mit denen ich studiere, ziemlich normal: Sie gehen am Wochenende in angesagte Clubs, simsen in der Vorlesung und schlafen Montagmorgens auch mal aus. Aber auch nach drei Monaten Studium bin ich mir nicht sicher, ob ich richtig dazugehöre. Denn ein großer Unterschied ist mir auf dem Grundkurs-Wochenende aufgefallen, auf dem wir uns kennenlernen und über theologische Inhalte sprechen sollten: Abends beteten und sangen wir gemeinsam in der abgelegenen Jugendherberge - alle kannten die Texte und Melodien. Alle außer mir.

Die meisten Theologie-Studenten, so ist zumindest mein Eindruck, sind behütet in sehr christlichen Familien aufgewachsen. Nach der Erstkommunion war ich zwar ein paar Jahre Ministrantin, die ganze Familie ging aber nur an Weihnachten in die Kirche. Vielleicht sind vielen meiner Kommilitonen auch deshalb Werte enorm wichtig und eine klassische Lebensplanung mit einer großen Familie so selbstverständlich.

Als ich mich an einem Samstagabend mit Max getroffen habe, fand ich ihn auch ganz schön konservativ: Er holte mich ab, lud mich ein, sprach mit mir über seine Vorstellungen von einer Beziehung und einer Familie. Eigentlich toll, aber irgendwie auch ungewohnt. Und während Religion genauso wie Geld und Politik ja eigentlich kein Small-Talk-Thema ist, kommt das so unter Theologie-Studenten ganz selbstverständlich auf den Tisch. Innerlich schüttelte ich den Kopf über seine speziellen Ansichten, war in Gedanken schon bei Weihnachten - und freute mich ganz ohne religiöse Motivation darauf. Zum Plätzchenessen braucht man wenigstens keine spirituelle Ader.

Larissa und die Eltern: Wie vermeide ich jeden Tag einen ziemlich guten Rat?

Elternbesuch ist meist sehr schön - und oft auch anstrengend. Nun hatten sich bei mir aber nicht nur meine Eltern zum Besuch angekündigt, sondern auch meine Schwiegereltern in spe. Zwei Mütter, zwei Väter und mein Freund zur gleichen Zeit in Tübingen. Zum ersten Mal alle zusammen auf Tour.

Ich musste die Küche wischen, mein Zimmer saugen, meinen Blätterstapel in meiner Kommode verstecken und mit roten Weihnachtskugeln die Küche schmücken. Aber das größte Problem: Mein Vater wollte essen gehen. Immerhin hat er mir diesen Wunsch schon vier Wochen vorher verkündet, er weiß schließlich, dass wir komplett unterschiedliche Meinungen von gutem Essen haben.

Während ich gern Neues ausprobiere, gern exotisch, isst er gern Fleisch, Beilage und Gemüse, deftig eben. Aber ist ihm auch bewusst, dass ich bisher nur in der Mensa und der Studentenpizzeria am Eck gegessen habe? Dass ich keine Idee habe, wo ich in Tübingen Eltern und Schwiegereltern in spe zum Essen ausführen kann?

Die Angebote im Internet überforderten mich, und den meisten Kommilitonen fiel bei der Frage nach einem elterntauglichen Restaurant auch nichts ein. Meine Freundin Patricia hatte ihren ersten Familienbesuch schon hinter sich, sie empfahl mir schließlich einen Mexikaner.

Care-Pakete von den Eltern: Kekse und Obst, Spüli und Klopapier

Am Sonntagmorgen rückte die Kolonne aus der Pfalz an - mit Akkubohrer, Obstkorb, zehn verschiedenen Sorten Gebäck und Geschenk. Sie lobten unsere saubere Küche und mein Zimmer. Boden putzen und Uni-Sachen verstecken, hat sich also gelohnt.

Später inspizierten sie unser Bad und stellten alle nacheinander fest, dass darin das Fenster fehlt. Die Väter klopften nebenbei ab und zu an die Wände und fachsimpelten über den Putz. Ich nickte nur und fragte mich, was daran interessant ist. Dann packte mein zukünftiger Schwiegervater die Bohrmaschine aus, um unsere neuen Lampen anzubringen. Danach schlenderten wir zum Mexikaner. Meinem Vater schmeckte es. Zum Glück.

Aber ich wollte den Müttern und Vätern natürlich mehr bieten. Ich wollte ihnen Tübingen präsentieren - samt Schloss, Uni-Bibliothek und Tübinger Schokomarkt, "Deutschlands größtes Schokoladen-Festival" in der Innenstadt. Der gehört zum Tübinger Vorweihnachtsprogramm dazu.

Mein Vater kannte die Sehenswürdigkeiten schon und begann, Geschichten über den ersten Besuch im Sommer zu erzählen. Meine Mutter war begeistert vom Bibliotheksflair und "all den Studenten". Meine Schwiegereltern in spe sagten gar nichts, und mein Freund googelte die Sehenswürdigkeiten auf seinem Handy.

Bei unserer Tour war ich nicht mehr die kleine Tochter, schließlich habe ich jetzt ein neues eigenes Zuhause, in dem ich mich auskenne, meine Eltern nicht. Trotzdem können sie nicht aufhören, zu bemuttern: Später in meiner WG, bei Kaffee und Gebäck, gaben sie wieder gute Ratschläge - wie lagere ich Bananen am besten? Bloß nicht im Kühlschrank, sondern auf dem Balkon! Aber es ist auch schön, hin und wieder Kind zu sein.

Erholen konnte ich mich vom Elternbesuch nicht. Denn drei Tage später hatten sich die Mütter meiner Mitbewohnerinnen angekündigt. Statt Obst und Plätzchen gab es diesmal Toilettenpapier, Spülmittel und Tipps zur Verwendung von Spülschwämmen. Als hätten sich unsere Eltern abgesprochen.

Marc als Fachschafter: die Jagd nach dem generischen Maskulinum

Die Fachschaft Politikwissenschaft begleitet mich schon mein ganzes kurzes Uni-Leben lang: Sie organisierte am Semesteranfang die Orientierungswoche, ist mit uns durch die Stadt und Kneipen gezogen. Damals hat mich beeindruckt, wie viel Mühe sich die Fachschaft gemacht hat, um mir den Uni-Einstieg zu erleichtern - schließlich fand die Orientierungswoche statt, als alle anderen noch Semesterferien hatten. Seitdem wollte ich wissen, was die Fachschaft sonst noch so macht und was ihre Mitglieder antreibt.

Also saß ich schon in meiner ersten Vorlesungswoche bei einem Fachschaftstreffen. Etwa 15 Studierende (auf die Vermeidung der rein maskulinen Form Studenten legen hier alle großen Wert) versammeln sich einmal wöchentlich im Fachschaftsraum der Uni. Dabei sprechen sie über Uni-Gremien-Sitzungen, sie organisieren Film- und Vortragsreihen, Partys und diskutieren über aktuelle Probleme: etwa die Prüfungssituation mit den vielen Klausuren, in denen wir nur Gelerntes reproduzieren sollen, anstatt in Hausarbeiten richtig wissenschaftlich zu arbeiten.

Bislang kannte ich nur die Schülervertretung, die aber nur wenig mitbestimmen durfte. Dagegen überraschte mich die Vielfalt der studentischen Initiativen: Ich konnte mir unter einer Fachschaft zunächst nichts vorstellen, hatte keine Ahnung, was die Abkürzungen der vielen linken Hochschulgruppen bedeuten und hätte nie gedacht, dass sogar Studentenverbindungen im Parlament vertreten sind.

Gibt es in Diskussionsrunden eine männliche Dominanz?

Mir gefällt, dass die Initiativen ihre Ideen mit viel Elan verfolgen und dass sich hier Menschen treffen, die etwas verändern wollen. So setzt sich meine Fachschaft beispielsweise für eine Zivilklausel ein, mit der sich die Uni verpflichtet, ausschließlich für friedliche Zwecke zu forschen.

Einmal im Wintersemester findet ein Fachschaftswochenende am Edersee in Nordhessen statt. Das habe ich mir natürlich nicht entgehen lassen, schließlich will ich alle kennenlernen und mich richtig ins Fachschaftsleben einfinden.

30 Studierende nahmen teil, darunter auch viele aus höheren Semestern und sogar ein paar Master-Studierende, die ich sonst im Uni-Alltag nicht so oft zu sehen bekomme. Mich beruhigte ihre entspannte Sichtweise - zum Beispiel im Hinblick auf die bevorstehenden Klausuren: Das werde alles "halb so wild".

Wir kochten gemeinsam, spielten Karten, gingen spazieren - und natürlich diskutierten wir viel, einmal sogar bis spät in die Nacht. Dabei sprachen wir auch über uns. Wir verstehen uns als basisdemokratisches Projekt, möglichst ohne Hierarchien, völlig gleichberechtigt. So weit sind sich alle einig. Aber wie soll das umgesetzt werden? Gibt es in Diskussionsrunden eine männliche Dominanz und wenn ja: Sollte sie durch eine quotierte Redeliste gebremst werden? Das wollen wir jetzt stärker beobachten und gegebenfalls eine Quotierung testen.

Solche Diskussionen können ganz schön anstrengen, weil es ein langer Prozess ist, einen Kompromiss zu finden, mit dem alle leben können. Trotzdem hat mich das Wochenende darin bestätigt, dass dieses Engagement sehr wichtig ist - schließlich sollten wir die Entscheidungen an der Uni nicht nur den Profs überlassen.

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