"Wollen wir uns heute in der Slub treffen?", bettle ich meine ehemalige Klassenkameradin Maren an, die jetzt in Dresden Kunstgeschichte studiert. Ich kenne mich: Wenn jemand neben mir konzentriert lernt, schmeiße auch ich meinen Kram nicht so schnell wieder hin. Widerwillig gibt Maren nach, und wir verabreden uns in der Sächsischen Landes- und Unibibliothek, der Slub eben.
Maren war immer die Ehrgeizigere und Fleißigere, hatte stets alles pünktlich fertig und machte schlussendlich auch ein Einser-Abi, während ich mich mit Mathe, Französisch, Hausaufgaben und Abgabeterminen verhedderte. Jetzt sitzen wir in der Bibliothek, und es scheint genau umgekehrt: Im Grundkurs-Seminar habe ich mir den ersten Termin geschnappt, um es schnell hinter mich zu bringen. Ich habe deshalb nur wenige Tage Zeit für mein Referat zum Thema "Gnostizismus und Theodizee".
Doch als ich vor den riesigen Bücherregalen stehe, bereue ich, keine Bibliotheksführung mitgemacht zu haben. Wie soll ich mich zurechtfinden? Ich habe keine Ahnung, ob die Bücher nach Autor, Thema oder Titel sortiert sind. Eher zufällig stoße ich auf Theologie-Lexika. Gnostiker gehen davon aus, religiöses Geheimwissen zu besitzen. Sie teilen die Welt in Gut und Böse, in ihr herrscht folglich ein guter und ein böser Gott. Die Theodizee umfasst die Frage, warum Gott, wenn er doch gut und allmächtig ist, überhaupt Leid zulässt.
Während ich mich in mein Thema einarbeite, liest Maren Kunstbände über Caspar David Friedrich und Bernini, um zu entscheiden, über welches Werk sie ein Essay schreibt. Nach einer Stunde schaut sie immer wieder auf die Uhr und fragt, ob ich noch lange brauche.
In der Schule wusste ich, auf wen ich mich verlassen kann
Je mehr ich lese, desto spannender finde ich das Referatsthema. Einen Tag vor dem Termin habe ich viel zu viel Material, das ich in 20 Minuten Vortragszeit pressen muss. Vor dem Seminar bin ich nervös. In der Schule wusste ich immer genau, auf wen ich mich während des Referats verlassen konnte: wer tolle Fragen stellt, wen ich besser nicht dran nehme, was der Lehrer sehen will. Jetzt kenne ich vielleicht die Hälfte der anwesenden Kommilitonen überhaupt beim Namen.
Der Anfang läuft ziemlich gut, dann aber kollidiert die Zahl meine Themenschwerpunkte mit der knappen Zeit und meinen diskussionsfreudigen Kommilitonen: Der Philosophie-Student hängt sich an Definitionen auf, eine Lehramtsstudentin zweifelt die Existenz des Bösen an, aus dem Augenwinkel sehe ich meinen Dozenten unruhig werden. Letztlich zahlt es sich aus, dass ich so viel gelesen habe: Ich kann alle Fragen beantworten und bekomme die Bestnote. Ganz perfekt lief es zwar nicht, aber ich kann ja noch viel üben.
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