Studienfinanzierung: Staat fördert Arm und Reich fast gleich

Direkt oder auf Umwegen lässt Vater Staat sich die Förderung jedes Studenten rund 5000 Euro pro Jahr kosten - und hilft vermögenden ebenso wie finanzschwachen Familien. Eine neue Untersuchung zeigt: Die deutsche Studienfinanzierung ist so verworren wie nirgendwo sonst.

Bafög für die Armen, Steuerrabatte für die Reichen: Studenten aus wohlhabenden Familien bekommen laut einer Studie des Hochschul-Informations-Systems (HIS) fast die gleiche finanzielle Unterstützung wie bedürftige Hochschüler. Und trotzdem haben reiche und arme Studenten dasselbe Problem: "In keinem anderen Land ist die Studienfinanzierung so kompliziert wie in Deutschland", sagte HIS-Geschäftsführer Martin Leitner.

Lass Euros regnen: Der Staat gibt es Reichen wie Armen
Louise Heymans

Lass Euros regnen: Der Staat gibt es Reichen wie Armen

Forscher aus sechs Ländern haben die Geldströme analysiert, mit denen ein Studium ermöglicht wird. Sie untersuchten in den Niederlanden, England, Norwegen, Tschechien, Spanien und Deutschland, wie die staatlichen Ausgaben auf die Hochschullehre einerseits, auf Unterstützungsleistungen an Studenten und ihre Eltern andererseits aufgeteilt werden.

Das Ergebnis ist durchaus überraschend. Deutschland nimmt in mehrfacher Hinsicht eine Sonderrolle ein:

  • Die staatlichen Ausgaben, die an Privatpersonen fließen, sind ungewöhnlich hoch. Rund sieben Milliarden Euro jährlich gehen an die Familien, rund zehn Milliarden Euro gibt der Staat für die Hochschullehre aus - ein Verhältnis von 42 zu 58 Prozent, das kein anderes der fünf untersuchten Länder kennt.

  • Deutsche Studenten profitieren "weit mehr als in anderen Ländern von staatlichen Hilfen", so Astrid Schwarzenberger, Leiterin der Studie. Jeden angehenden Akademiker fördert der Staat mit durchschnittlich über 5000 Euro - und unterstützt keineswegs gezielt Studenten der unteren sozialen Schichten. Denn Studenten aus finanzschwachen Familien erhalten jährlich 5720 Euro aus öffentlichen Kassen, darunter das Bafög. Bei Studenten aus vermögenden Elternhäusern ist es aber fast ebensoviel: 5136 Euro pro Jahr.

  • Dem deutschen System der Studienfinanzierung fehlt es völlig an Transparenz. Es gibt direkte Leistungen an Studenten wie Bafög und Stipendien, an Eltern das Kindergeld, aber auch eine Reihe von indirekten Leistungen. Dazu zählen vergünstigte Mensamahlzeiten und Bus- und Bahntarife, vor allem aber zahlreiche Steuervergünstigungen durch Freibeträge.

In anderen Ländern würde man nur den Kopf darüber schütteln, wenn Studenten noch mit Mitte zwanzig als Kind gelten. In Deutschland sind gerade die indirekten Leistungen des Staates vielfach so gut versteckt, dass Studenten oder ihre Eltern sie kaum als staatliche Unterstützung wahrnehmen. Und das Ziel der Bedürftigen-Förderung entpuppt sich als Chimäre - real werden wohlhabende Familien ebenso stark unterstützt, keine Spur vom sozialen Ausgleich.

Zudem fließt ein wesentlicher Teil der öffentlichen Ausgaben nicht an die Studenten selbst, sondern an die Eltern - ein Unterschied, der schon ganze Studentengenerationen in die Bittsteller-Rolle trieb und den Frieden zahlloser Familien gefährdete. Mit diesem Unfug aufzuräumen und so mehr Transparenz bei der Studienfinanzierung herzustellen, daran sind Bildungspolitiker bisher stets gescheitert.

jol/wie/AP/dpa

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Studium
RSS
alles zum Thema Stipendium
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback