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Studiengänge für Flüchtlinge: In English, please

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Syrische Studentin Rama, 20: Nach einem Jahr an die Uni

Studieren ohne Deutschkenntnisse? Fast unmöglich. Hochschulen bieten nur gut zwei Prozent aller Bachelor-Fächer auf Englisch an. Dabei würden viele Flüchtlinge liebend gern an die Uni. Was tun?

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Ihr Vater hatte immer von Deutschland geschwärmt. Alles sei so modern dort, erzählte er seiner Tochter Rama, die Autos, die Maschinen, die medizinischen Apparate. "Geh dorthin, weg aus dem Bürgerkrieg! Geh studieren!", riet er seiner gerade volljährig gewordenen Tochter. Rama Naasan, heute 20, flüchtete im Mai 2014 aus Damaskus - ohne ein Wort Deutsch, aber mit jeder Menge Bilder im Kopf.

Was haben Deutschlands Hochschulen sich nicht alles einfallen lassen für Menschen wie Rama: Schnupperstudium, Gasthörer-Aktionen, Buddy-Programme. Alles, um den Flüchtlingen in den Aufnahmelagern zu signalisieren: Ihr seid willkommen, kommt zu uns, studiert.

Auch die Politik hat sich bewegt: In Niedersachsen etwa dürfen sich nun auch Flüchtlinge einschreiben, die die nötigen Zeugnisse nicht vorlegen können. Berlins früherer Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner (SPD) rechnet mit bundesweit 50.000 zusätzlichen Studierwilligen.

Nur bei einer Hürde helfen all die neuen Regeln ihnen nicht: Die meisten können kein Deutsch. Experten schätzen, dass selbst die akademisch versiertesten Flüchtlinge ein Jahr brauchen, um die neue Sprache auf Hochschulniveau sprechen und schreiben zu können.

Hinzu kommt eine Besonderheit des deutschen Hochschulsystems: Es gibt zwar jede Menge englischsprachige Masterprogramme, genauer gesagt 892 laut Hochschulkompass der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Recherchiert man jedoch nach englischsprachigen Bachelorstudiengängen, also für Studienanfänger geeignete Angebote, so lautet das Ergebnis: 179. In ganz Deutschland. Bei über 8000 Bachelorstudiengängen insgesamt.

Dürfen Flüchtlinge nach Reutlingen?

"Alle diskutieren darüber, wie wir begabte Flüchtlinge ohne Deutschkenntnisse möglichst schnell für den deutschen Arbeitsmarkt fit machen können. Und kaum einer kommt auf die Idee, dass eine Antwort englischsprachige Studiengänge sein könnten", sagt Anna Göddeke, VWL-Professorin an der Hochschule Reutlingen. Göddeke, 34, hat den Studiengang entwickelt, den Rama Naasan nun studiert. International Business heißt er. Göddeke hat in Deutschland und in den USA promoviert und in Großbritannien als Beraterin gearbeitet - bis sie nach Baden-Württemberg an die Fachhochschule kam. Die Hälfte ihrer Studenten stammt aus dem Ausland.

Einer von 179 Studiengängen - und diese Zahl ist sogar noch nach oben verzerrt, denn 70 dieser Studiengänge werden an Privathochschulen angeboten - gegen zum Teil happige Gebühren. Die restlichen 109 konzentrieren sich auf wenige staatliche Hochschulen: Deutschlandmeister in Sachen englischsprachige Bachelorprogramme ist die Hochschule Rhein-Waal in Nordrhein-Westfalen, sie stellt allein 17 der Studiengänge. In Reutlingen sind es zwei.

Der Run auf sie ist absehbar, wenn sich unter den Neuankömmlingen herumgesprochen hat, dass es sie gibt. "Die ersten Flüchtlinge haben uns schon angerufen", sagt Anna Göddeke. Doch so viele Fragen blieben ungeklärt: "Was ist, wenn Flüchtlinge aus Hamburg bei uns studieren wollen? Dürfen die das?" Eine berechtigte Frage angesichts vieler Studienfächer, für die in ganz Deutschland nur ein englischsprachiges Bachelorangebot existiert.

"Geh weg von hier!" sagte der Vater

Im baden-württembergischen Wissenschaftsministerium sind sie sich der Knappheit bewusst, warnen jedoch davor, die englischsprachigen Studiengänge als schnelle Lösung zu sehen. "Da ist der Einstieg niederschwelliger, das stimmt, aber sobald es Richtung Abschluss geht, kommt die Ernüchterung", sagt Sprecher Jochen Schönmann. "Weil dann die Deutschkenntnisse fehlen und ohne sie der Einstieg in den Arbeitsmarkt nahezu unmöglich ist." Insofern bestehe die Gefahr, dass die englischsprachigen Studiengänge zum "Durchlauferhitzer" würden für Absolventen, die anschließend in andere Länder abwanderten.

Es sei denn, sie machen es wie zum Beispiel in Reutlingen: Dort müssen alle Studenten, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, bis zum Abschluss Deutsch lernen. Und die meisten absolvieren ihr Pflichtpraktikum bei einem deutschsprachigen Unternehmen - gegen Gehalt, versteht sich, ein für Studenten aus Krisengebieten ebenfalls nicht ganz unerheblicher Umstand.

Anderthalb Jahre nach ihrer Flucht spricht Studentin Rama Naasan fließend Deutsch am Telefon. Die Röntgenpraxis ihres Vaters wurde durch Bomben zerstört, sie konnte nur dank eines Fonds für in Not geratene Studenten aus Krisengebieten studieren. Wie gern würde sie ihre Familie nachholen nach Deutschland, aber sie weiß nicht, wie. So erzählt sie lieber von ihrem Praktikum bei Adidas, von der Freundlichkeit der Menschen und deren seltsamer Angewohnheit, bei roten Ampeln immer anzuhalten. "Ich will hierbleiben, unbedingt", sagt sie und hält inne. Trotzdem sagt sie dann, es vergehe keine Minute, in der sie nicht an zu Hause denkt. "Keine Minute."


Zusammengefasst: Die Politik versucht, Flüchtlingen den Weg an deutsche Universitäten zu ebnen - doch nur 179 von 8000 Studiengängen können auf Englisch studiert werden. Ein großer Teil dieser Studiengänge wird von kleinen oder privaten Hochschulen etwa in Reutlingen oder Kleve angeboten. Ob Flüchtlinge dorthin ziehen dürfen, um ein Studium aufzunehmen, ist unklar.

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